„Ich geh‘ mal kurz einkaufen“ – Barrieren im Alltag

Das Problem mit den unsichtbaren Behinderungen ist, dass andere die alltäglichen Schwierigkeiten nicht sehen können, manchmal auch nicht glauben und so davon ausgehen, man funktioniere wie sie. Ich möchte nicht behaupten, dass Autismus grundsätzlich und für jeden eine Behinderung darstellt und spreche deshalb nur von mir. Ich bin nicht behindert, ich werde behindert. Aber nicht durch sichtbare Barrieren, wie sie die meisten kennen, sondern durch unsichtbare. Leider wird bei Barrieren und Barrierefreiheit oft nur an die physischen Hürden und Hilfen, wie Rampen, Aufzüge usw. gedacht und selbst hier besteht noch sehr viel Bedarf und Potenzial für Verbesserungen.

Autismus wirkt sich auf alle Ebenen aus und führt zu täglichen inneren Kämpfen, die man mir nicht direkt anmerkt. Die Bewältigung des Alltags wird zur Herausforderung und selbst die einfachsten Aufgaben, wie Einkaufen, Reisen oder Telefonieren, werden zu scheinbar unüberwindbaren Hindernissen. Ich kann sie nicht alle aufzählen, dazu sind es zu viele. Aber ich kann einen kleinen Einblick geben:

Ein einfaches Beispiel ist das Einkaufen.
Für die meisten ist es zwar nicht gerade die Lieblingsbeschäftigung, aber auch keine große Sache. Für mich ist es immer wieder sehr viel Stress und eine große Überwindung. Und das hat absolut nichts mit Faulheit zu tun, wie es mir gerne vorgeworfen wird.

Eigentlich müsste ich heute einkaufen gehen. Mein Kühlschrank ist leer, mein Magen knurrt und meine Stimmung verfinstert sich. Der Supermarkt ist nur drei Gehminuten entfernt und dort bekomme ich alles, was ich brauche, inklusive Lieblingsmüsli. Eigentlich. „So nah und doch so fern“ denke ich mir und habe die ganzen Schritte vor Augen, die ich gehen muss, um schließlich das Haus zu verlassen und mich in dieses Chaos aus Farben, Licht und Lärm zu begeben. Ausziehen, waschen, anziehen, „brauche ich eine Jacke?“, Einkaufszettel schreiben und in Gedanken mehrmals den Weg und die Regale durchgehen, „was wenn es mein Müsli nicht mehr gibt?“, Rucksack, Geld und Chip nicht vergessen und mental auf den Stress an der Kasse vorbereiten, ich höre das Piepsen jetzt schon. Selbst mit Ohrstöpseln und Sonnenbrille schaffe ich es heute nicht.

Einkaufen ist ein Marathon, von dem ich jedes einzelne Mal völlig verschwitzt und ausgelaugt zurückkehre. Nicht selten gerate ich im Supermarkt in einen Overload (Reizüberflutung). Dann verschwimmt mein Blickfeld, das Licht blendet,die Farben ziehen an mir vorbei, das Kassenpiepsen sticht wie ein Messer in meine Ohren und mein Hirn und die Ventilatoren werden zu betäubend lauten Geräuschwellen. Die Menschen in der Schlange drängen immer näher, an der Kasse werden mir die Lebensmittel mit einer Geschwindigkeit entgegen geschleudert, dass ich nur noch ein Band aus Farben erkennen kann. Dann berühre ich aus Versehen die Hand der Verkäuferin. Ein Zucken geht durch meinen Körper und ich werde das Gefühl ihrer Hand an meiner nicht mehr los. Mir wird warm, heiß und die Kleidung klebt unangenehm an meiner Haut. Schließlich sehe ich nur noch durch einen Tunnel, es rauscht um mich herum. Ich möchte fliehen, hinaus rennen, einfach so schnell wie möglich von diesem Stress weg.

Ähnlich geht es mir in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie sind meist voll, eng, stickig, laut und im Sommer stinken sie noch viel schlimmer als sonst. Ich kann nie wissen, ob oder wer sich neben mich setzen wird. Die Leute nehmen keine Rücksicht auf den persönlichen Raum der anderen, kommen mir immer sehr nahe und berühren mich völlig unbewusst und gleichgültig. Ich empfinde das als Angriff und als Ignoranz, auch wenn es bei vielen nicht so sein mag. Es ist unerträglich.
Manchmal warte ich auf den nächsten oder übernächsten Zug, da ich diese dauerhafte und direkte Nähe und die vielen Reize nicht aushalte. Aus verschiedenen Gründen bin ich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen und lege sehr großen Wert auf Pünktlichkeit, weshalb ich dann doch oft Overloads und Panikattacken riskieren und genügend Zeit einplanen muss.

Leider fehlt vielen das Bewusstsein für diese und ähnliche Schwierigkeiten, oder die Akzeptanz, dass etwas unsichtbares wirklich existiert und nicht nur Einbildung oder Übertreibung ist. Sätze wie „Reiß dich zusammen“, „stell dich nicht so an“ oder „sei nicht so empfindlich“ bekam ich dabei schon oft zu hören. Zu einem offensichtlich behinderten Menschen, würde man das nicht sagen. Deshalb freut es mich umso mehr, wenn man mich ernst nimmt und mir glaubt, auch wenn es vielleicht nicht ganz nachvollziehbar ist.

Was die Barrierefreiheit betrifft, könnte es so einfach sein. Schon kleine Anpassungen, wie gedämmte Lichter, ordentlich sortierte Waren, keine Musik, Signaltöne, die nicht in den Ohren stechen und etwas weniger Tempo, würden einen großen Beitrag zur Barrierefreiheit leisten. In England und Irland beispielsweise, gibt es in einigen Supermärkten bereits das sogenannte„sensory-friendly shopping“. Einmal in der Woche werden für einige Stunden sämtliche Reize gedämmt, sodass gerade autistische Menschen weniger Probleme haben. Ich bin mir sicher, dass es auch vielen anderen Menschen, die Probleme mit der Reizverarbeitung haben, den Alltag erleichtern würde.

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