Psychotherapie und Autismus? – Wie meine Therapie zum Erfolg wurde

Um dem ganzen Ärger, der mir in letzter Zeit gehäuft begegnet, einmal positiv entgegenzuwirken, habe ich beschlossen über meine bisherigen Therapieerfolge zu berichten und zu zeigen, dass eine Psychotherapie zur Abwechslung auch mal gelingen kann.

Es gibt viele Therapiemöglichkeiten, für fast alle Probleme, die der Mensch mit seiner Psyche so haben kann. Dazu braucht es allerdings auch ausreichend gute Therapeut*innen, die sich die ganzen Probleme Tag für Tag anhören können, ohne dabei schon nach wenigen Sitzungen selbst therapeutische Hilfe zu benötigen. Ich schätze mich daher glücklich, an eine Therapeutin geraten zu sein, die sympathisch und fachlich kompetent und besonders auf Autismus bei Jugendlichen und Erwachsenen spezialisiert ist und deren Praxis nur wenige Gehminuten von mir entfernt liegt. Wenn man mal schaut, wie wenige echte Expert*innen es auf diesem Gebiet in Deutschland gibt, die gleichzeitig Psychotherapien anbieten und einen nicht schon beim ersten Treffen wieder heraus ekeln, ist das fast wie ein Sechser im Lotto.

Ich habe in den eineinhalb Jahren kognitiver Verhaltenstherapie hart an mir gearbeitet. Habe gelernt zu mir zu finden und stieß dabei mehrfach an meine Grenzen. Aber es hat sich gelohnt. Und ich hätte mir keine bessere Therapeutin dafür vorstellen können.

Ich bin ehrlich gesagt ohne große Erwartungen zum Erstgespräch gegangen, denn meine bisherigen Therapien hatten mich nicht weiter gebracht. Anfangs hatte ich Probleme eine Beziehung aufzubauen und Vertrauen zu fassen. Doch diese Frau begegnete mir mit so viel Verständnis und Akzeptanz, dass ich mich immer mehr öffnen konnte, ohne Angst haben zu müssen, dass irgendeine meiner Marotten oder Aussagen auf Unverständnis stößt oder verspottet wird. Völlig bedingungslos nahm sie mich ernst, validierte meine Gefühle und Ansichten, zeigte mir Möglichkeiten auf und half mir, meine Denkweise zu verstehen und so zu nutzen, dass der Alltag für mich stressfreier und lebenswerter wurde. Es waren manchmal nur kleine Impulse nötig, kleine Anregungen, die mich von meiner Eingleisigkeit wegbrachten und neue Wege offenbarten, die ich vorher nicht sehen konnte.

In den Sitzungen gingen wir meist sehr zielgerichtet vor, mit Beispielen und Übungen, ganz realitätsnah an aktuellen Problemen. Wir versuchten sie als Grundlage für ein allgemeines Verständnis zu nutzen. Es gelang uns sogar, einige der zurückliegenden Traumata zu bearbeiten. In regelmäßigen Gruppensitzungen konnte ich außerdem soziale Fähigkeiten lernen und mich mit anderen austauschen. Ich bekam die Möglichkeit alle Fragen zu stellen, die mich beschäftigten, bekam daraufhin direkt lösungsorientierte Antworten und selbst die Therapiemethoden wurden mir offengelegt. Da ich mich sehr für psychologische Themen interessiere und das Wissen auch in meinem Beruf relevant ist, begegneten wir uns bei Gelegenheit auf fachlicher Ebene. Es half mir sehr, dass sie mir jeden Schritt ausführlich erklärte und mit Visualisierungen, wie Plakaten, Zeichnungen, Tabellen usw. arbeitete. Sie eklärte mir das Verhalten der Menschen, die ich nicht verstand und die verschiedenen Arten der Kommunikation. Ich lernte durch Sehen und Verstehen, durch eine durchgehende Transparenz.

Die Bilanz überraschte mich, als wir in einer der letzten Sitzungen die bisherigen Erfolge zusammenfassten. Die positive Entwicklung kam so schleichend und nebenbei, dass ich sie fast übersehen hätte. Den Fortschritt zu verschriftlichen machte deutlich, wie viel ich bisher geleistet hatte. Auch meinem Umfeld sind diese Entwicklungen aufgefallen.

So habe ich zum Beispiel gelernt, besser für mich zu sorgen, meine Bedürfnisse, Grenzen, Stärken und Schwächen kennenzulernen und auch dafür einzustehen. Ich lernte, auch selbst Grenzen zu setzen, Hilfe anzunehmen und einzuholen und verstand, dass es okay ist Fehler zu machen, nicht allen Erwartungen zu entsprechen und einfach auch mal komisch zu sein. Das Wichtigste ist aber, dass ich mich selbst besser akzeptieren kann. Ich weiß jetzt, dass ich nicht falsch bin.

Außerdem lernte ich viele Methoden kennen, mit Stress besser umzugehen, entsprechende Situationen zu identifizieren und wenn nötig zu vermeiden. Denn nicht immer ist Konfrontation die beste Therapie.

Ich lernte jedoch auch, dass bestimmte Probleme immer vorhanden sein werden, da sie der Grundsymptomatik des Autismus entspringen. Ich werde mein Leben lang Probleme mit der Reizverarbeitung haben, werde weiterhin Ängste und Schwierigkeiten in der Kommunikation und im Zwischenmenschlichen haben und ich werde auch bis an mein Lebensende mit einem dauerhaft hohen Stresslevel und den Folgen leben müssen. Allerdings weiß ich jetzt besser damit umzugehen. Man gab mir „Werkzeuge“ dafür und vielleicht kann ich einige davon auch in meinem Beruf gebrauchen.

Meine Therapeutin hatte die ganze Zeit nicht ein einziges Mal versucht mich zu verbiegen. Das Ziel war nicht, dass ich mich anpasse, sondern dass ich mich selbst entfalte und mein Selbstwertgefühl stärke. Sie bestärkte mich in allem was mir wichtig und meiner Entwicklung förderlich war. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es ist leider nicht selbstverständlich, von einem Menschen wirklich gesehen zu werden.

Die Therapie geht weiter, ich bin gerade am Anfang und es bleiben noch einige Ziele offen, zum Beispiel die Sache mit der wiederkehrenden Depression und den Gefühlen. Der Prozess und das Lernen werden nie beendet und nicht einfach sein, doch ich bin zuversichtlich, dass auch das noch werden kann.

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Warum ein Pinguin keine Giraffe werden kann

Wahrscheinlich wird das kein besonders netter Beitrag, ja vermutlich wird es einigen überhaupt nicht passen, doch mir ist es wichtig und ich wollte es schon lange los werden.

Als angehender Heilpädagoge habe ich die Chance das Thema Autismus von zweierlei Seiten zu betrachten. Doch es ist nicht immer ganz einfach, diese Perspektiven miteinander zu vereinen. Mein Studium ist zwar darauf ausgelegt, uns zu reflektierten und ganzheitlich arbeitenden Pädagogen auszubilden und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Pädagogen und Fachleute mit den besten Absichten handeln, jedoch stoße ich mich an einigen der uns vermittelten Methoden und Vorstellungen, wenn es darum geht, autistische Menschen zu begleiten und zu fördern.

Es gibt leider heute noch veraltete und falsche Ansichten darüber, was es bedeutet Autist zu sein. Keiner weiß das so genau, wie die betreffenden Menschen selbst, dennoch wird Wissen vermittelt, welches mit der Realität oft kaum etwas zu tun hat. In einigen Fällen ärgert es mich sogar, wenn nichtautistische Menschen anderen nichtautistischen Menschen erklären wollen, wie wir funktionieren und uns selbst dabei nicht zu Wort kommen lassen. Es ist ungerecht, wenn über uns gesprochen wird, aber nicht mit uns, selbst wenn wir anwesend sind. Es kann höchstens eine Annäherung an die Innensicht geben, aber nie ein hundertprozentiges Wissen. Also verstehe ich nicht, warum es manchmal überspitzt ausgedrückt heißt: „Autisten machen dies und jenes, aus diesem und jenem Grund und das muss ihnen aberzogen werden, denn das entspricht nicht unseren Vorstellungen, wie sie sein sollen und in der Gesellschaft zurecht kommen können.“ Oder warum einige der „Experten“ so darauf aus sind, uns unser natürliches Verhalten abzugewöhnen und stattdessen für sie natürliches Verhalten verlangen. Umgekehrt wäre es doch auch nicht fair. Einer Person, die nicht laufen kann, würde man nicht sagen:„Du musst jetzt lernen richtig zu gehen, denn wir machen das alle so und du willst doch selbständig sein“. Ich weiß dieser Vergleich wird ständig verwendet, aber er passt an dieser Stelle einfach gut und macht hoffentlich deutlich, wie unlogisch und blödsinnig das alles ist.

Es ging schon so weit, dass mir in der Vorlesung eines Gastdozenten die Diagnose abgesprochen wurde, nachdem ich gegen eine seiner Aussagen protestierte und mich zwangsweise outen musste. Er hatte also ganz offensichtlich seine Vorstellung davon, wie Autisten sind. Humorlos. Dass wir durchaus Witze verstehen und lachen können, schien ihm wohl fremd zu sein und wenn ein Mensch von seiner Vorstellung abweicht, kann er ja kein Autist sein (Vorsicht Sarkasmus!). In einem anderen Beitrag erwähnte ich bereits, dass es hieß „man muss sie aus ihrer Welt herausholen und die Stereotypien unterbinden“. Dass es sich dabei um einfaches Stimming handelt, welches ein ganz natürliches Verhalten für autistische Menschen ist, war wohl nicht bekannt und wurde auch nicht hinterfragt.

Meine Grundannahme ist, dass sich jedes Leben grundlegend unterscheidet und ganz besonders ein autistisches von einem nichtautistischen Leben. Menschen sollten aufhören, ihre eigenen Vorstellungen von einem glücklichen und gelungenen Leben auf andere zu projizieren.

Natürlich ist es sinnvoll, einen autistischen Menschen zu fördern und ihn bei seiner Entwicklung und beim Lernen zu begleiten. Doch jemanden zu fördern heißt nicht, ihn zu einer willenlosen, angepassten und funktionierenden Marionette der Gesellschaft zu machen. Das bedeutet, man sollte nicht versuchen, Fähigkeiten zwanghaft anzutrainieren oder gar mit schädlichen und von Autist*innen selbst stark kritisierten Methoden wie ABA (Applied Behaviour Analysis) o.ä. arbeiten, nur damit der Mensch lernt, den Erwartungen seines Umfeldes ,“normal“ zu funktionieren, zu entsprechen.

Stattdessen unterstütze ich stärken- und ressourcenorientierte Methoden, die darauf aus sind, den Menschen ernst zu nehmen, in seiner Art und in seinen Stärken und Schwächen, seine Stärken gemeinsam zu entdecken und auszubauen und Möglichkeiten zu finden, wie er mit schwierigen Situationen umgehen kann. Ich stelle mir das wie einen Fluss oder Bach vor. Baut man einen Damm, staut er sich und baut immer mehr Druck auf. Der Fluss muss einen unnatürlichen Weg fließen, kommt nicht wirklich vorwärts und bricht irgendwann mit zerstörerischer Kraft durch den Damm hindurch. Geht man mit dem Fluss und begleitet ihn, kann man nach einer Weile feststellen wie links und rechts alles aufblüht, wie wohl sich die Fische im Wasser fühlen und wie ruhig er wird.

Jeder Mensch hat Fähigkeiten, die Wertschätzung verdienen, auch wenn sie für den „Normalbürger“ auf den ersten Blick völlig sinnlos erscheinen. Alles hat seinen Grund und seine Daseinsberechtigung. Mit bestimmten Fähigkeiten, kann man gezielt nach Nischen suchen und muss nicht weiter zwanghaft daran arbeiten die Defizite zu verstecken, denn das geht auf Dauer nicht gut.

Man könnte mit mir tausendmal üben zu telefonieren, es würde nichts daran ändern, dass es für mich unnatürlich und anstrengend ist. Man könnte mich auch tausendmal mit Small Talk konfrontieren, ich würde es immer noch nicht auf natürliche Weise beherrschen, weil es nicht meine Muttersprache ist. Man könnte mich täglich durchgehend mit Menschen umgeben, aber es würde das Bedürfnis alleine sein zu wollen und Rückzug zu brauchen nur verstärken. Man könnte mir tausendmal sagen, ich solle aufhören mit dem Bein zu wippen, oder mit den Händen zu fuchteln, ich würde es trotzdem immer wieder machen, weil es so sein muss. Und man könnte mir tausendmal sagen, ich solle doch bitte in die Augen schauen, da es sonst unhöflich ist, ich würde es nicht tun, weil ich sonst nicht zuhören könnte. Was für mich natürlich ist, ist für andere unnatürlich und umgekehrt.

Oder wie Dr. Eckart von Hirschhausen so schön sagte: „Wenn du als Pinguin geboren wurdest, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir keine Giraffe.“

Was ich damit sagen will:
Ein Autist sollte als Autist akzeptiert und erzogen werden und nicht zu einem Menschen dressiert werden, der er nicht sein kann und nicht sein will. Im Allgemeinen gilt das für alle Menschen. Kinder zeigen nach langem Training vielleicht auf den ersten Blick das gewünschte Verhalten, aber in ihnen kämpft alles dagegen an, die stummen Schreie hört keiner, bis das Kind erwachsen wird und diese Anpassung an die Vorstellungen seines Umfeldes nicht mehr leisten kann, weil es nicht seiner Natur entspricht. Die Folge sind meist Depressionen, Ängste und Burnout in bereits jungen Jahren.

Dazu möchte ich kurz ein Zitat des holländischen Heilpädagogen Jos Meereboer anbringen, der meiner Meinung nach den Kern erfasst hat:

„Die allerwichtigste Therapie für einen Autisten ist, daß man akzeptiert, daß er Autist ist. Wenn man das nicht akzeptiert, fühlt er sich nicht aufgehoben, und dann bekommt er Angst. […] die Aufgabe eines Heilpädagogen ist es durchaus, heilpädagogische Fälle bei Kindern möglichst auf eine richtige Spur zu bringen. Das aber geht bei Autisten nicht. Man muß es mit ihnen zusammen machen. Man kann sie nicht einfach zu etwas zwingen. Es gibt verschiedene Therapien, […] aber man muß immer abspüren, ob der jeweilige Autist sich das gefallen läßt, ob ihm das nicht zuviel wird.“ (Nachzulesen in den Flensburger Heften, Ausgabe 112, Autisten Berichten, S. 20)

Wenn man ein autistisches Kind oder allgemein autistische Menschen begleiten möchte, sollte man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass unsere Arten zu kommunizieren, unsere Wahrnehmungen und unsere Vorstellungen von der Welt verschieden sind, dass Kinder auf verschiedene Arten lernen und sich unterschiedlich schnell entwickeln. Es sollte keine Schablone geben, wie ein Kind oder ein Mensch zu sein hat und was er können muss. Kein Lebensmodell ist falsch, aber es ist falsch, anderen das eigene aufzuzwingen und zu versuchen aus einem Pinguin eine Giraffe zu machen.