Die Welt ist Klang

»Musik ist ein Teil des schwingenden Weltalls.«

Ferruccio Busoni, 1866-1924, italienischer Komponist und Pianist

Inspiriert durch eine kürzliche Vorlesung zur Musiktherapie, möchte ich diesem wichtigen Lebensbereich einen ganz eigenen Beitrag widmen.

Dazu muss ich ganz zurück, zum Beginn meines Lebens, denn die Begeisterung für Klang und Instrumente fing bei mir schon sehr früh an. Ich kann meinen Eltern in vielerlei Hinsicht dankbar sein, doch ganz besonders dafür, dass sie mich so früh mit der Musik bekannt gemacht haben, bzw. mein Interesse daran ernst nahmen und mich bestmöglich förderten. Mein ganzes Umfeld bestand schon von klein auf aus Musik. Meine Mutter spielte Gitarre und sang mit mir, mein Vater übte auf dem Keyboard und als ich selbst spielen und singen konnte, musizierten wir gemeinsam. Bereits mit zweieinhalb Jahren begann ich auf dem Keyboard meines Vaters Melodien nachzuspielen. Immer wieder kommt ein neuer Frühling. Immer wieder. Ich übte täglich, ehrgeizig und ganz von der Musik eingenommen.

Von Aufnahmen, Aufschrieben und aus Erzählungen weiß ich, dass ich damals einen sehr melodischen Sprachstil hatte. Meine Sprache war Gesang. Ein Auf und Ab an bunten Tönen, die ich auf dem schwarz-weißen Tastentier wiederfand. Fasziniert von dieser „unsichtbaren“ Welt, konnte ich bald alle meine Lieblingslieder nachspielen und -singen. Im Kindergarten ergatterte ich sogar die Hauptrolle in einem Musical. Mit acht Jahren nahm ich schließlich wöchentlich Klavierunterricht und bekam kurz darauf eines der größten Geschenke meines Lebens. Ein eigenes Klavier. Genau genommen ein Clavinova von Yamaha. Ich habe es heute noch und würde es für nichts auf der Welt hergeben. In keinem anderen Gegenstand stecken so viele Erinnerungen. Ich würde sogar sagen, dass es über die Jahre wie ein Freund geworden ist, mit dem ich ganz ohne Worte kommunizieren kann. Sobald ich spiele, gibt es nur noch das Klavier und mich. Die Umwelt, die Gedanken, die Schmerzen, all das blende ich nach kurzer Zeit aus.

Ein Freund wurde wenige Jahre später auch die Gitarre. Auf der Gitarre meiner Mutter, die sie selbst bereits als Kind spielte, lernte ich autodidaktisch innerhalb weniger Jahre auf einem Niveau zu spielen, das meiner Meinung nach immerhin für Lagerfeuer und Begleitung reicht. Mein Interesse an Musikinstrumenten und am Gesang wuchs mit der Zeit und so kamen über die Jahre noch einige Flötenarten, Percussion und Geige hinzu. Für letztere nahm ich jedoch nur etwa drei Monate Unterricht. Lange Zeit hatte ich die Angewohnheit ständig und fast überall zu singen, manchmal auch zu Zeiten, die den Nachbarn ganz und gar nicht gefielen. Es macht mich einfach glücklich und entspannt. So sang ich mich von klein auf durch die Schulzeit bis ins Studium hinein durch das Leben, nahm an Chor und Musikprojekten teil und wurde sogar an einer Musicalschule angenommen, die ich aus verschiedenen Gründen letztendlich doch nicht besuchte.

Der wohl wesentlichste Grund, warum die Musik für mich so wichtig wurde, ist der direkte Zugang zu meinen Emotionen, den ich durch sie habe. Sie ist Ausdruck und Eindruck zugleich. Mit ihrer Hilfe kann ich herausholen, was von alleine nicht herauskommen kann. Ich stelle mir das wie ein Gefäß vor, welches sich immer mehr mit Gefühlen und Reizen füllt. Wenn es voll ist und noch mehr hinzu kommt, läuft es über, ich explodiere. Overload – Boom – Meltdown. Doch mit Musik kann ich einen Teil davon frühzeitig herauslassen und mir meiner Gefühle bewusst werden. Die Musik ist für mich ein Tor zu einer Welt, die ich ohne Weiteres nicht erreichen könnte. Es gibt jedoch auch Momente, da bin ich akustisch so überreizt, dass mir selbst meine Lieblingsmusik zu viel ist und ich absolute Stille brauche.

Sie schützt mich auch vor der Welt. Vor den ganzen Eindrücken da draußen. Sobald ich das Haus verlasse, höre ich vertraute Musik um ein bisschen Heimat dabei zu haben, mich sicherer zu fühlen und die meist unerträgliche Geräuschkulisse auszublenden. Ich tauche ab, in meine Musikblase.

Dabei höre ich gerne passende Musik. Wenn ich traurig bin melancholische Lieder, wenn ich fröhlich bin beschwingende. Es ist fast ein Spiel geworden, für verschiedene Situationen, Umgebungen und Atmosphären die passende Playlist zusammenzustellen und voll darin aufzugehen.

Eine Besonderheit, die vermutlich nur wenige nachvollziehen können, ist meine synästhetische Wahrnehmung im Bereich der Klänge und Musik. Eine Synästhesie ist immer eine Verschmelzung mehrerer Sinneseindrücke in der Verarbeitung. Ich höre einen Ton und kann diesen Ton in meinem Körper und im Raum spüren. Andere sehen dabei Farben, oder schmecken etwas. Es ist garnicht so leicht, dieses intuitive Empfinden zu beschreiben. Ein aus dem Nichts entstehendes Richtungsgefühl, ein Kribbeln im ganzen Körper. Ein sehnsüchtiges Drängen zu einem Ziel, das überall und nirgendwo ist. Vielleicht kann man es sich wie kurz vor einem Wettlauf vorstellen. Auf die Plätze… fertig….hoch, runter, vorwärts, rückwärts, hin und her… mein Körper, jede Zelle richtet sich aus, schwingt, wie magnetisiert im Kraftfeld der Musik.

Aber wahrscheinlich kommt diese Beschreibung nicht einmal annähernd an die Empfindung heran, die ich habe, wenn ich mich ganz der Welt der Musik hingebe.

Als ich im Seminar da auf dem Boden lag und mehrere Minuten lang dem Klang des Monochords lauschte, lösten sich meine Grenzen auf. So hört sich für mich die Sonne an, wie ein Cis, dachte ich und spürte förmlich, wie ich mich in jedem Moment auf der Erde, im Universum, überall und nirgendwo befand. Es war ein unglaublich mächtiges, bewegendes und nachwirkend entspannendes Erlebnis.

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Hilfsmittel im Alltag

Es hat lange gedauert, bis ich herausfand, welche Situationen mich wie beeinflussen, wie sie auf mein Stresslevel wirken und wann es Zeit wird, mich zurückzuziehen. Viel Stress lässt sich dadurch vermeiden, dass ich mich gewissen Situationen einfach nicht mehr aussetze. So zwinge ich mich zum Beispiel nicht mehr unnötig in reizintensive Situationen und achte mehr darauf, mich nicht zu übernehmen. Erst seit mir bewusst ist, was diesen Stress auslöst, kann ich aktiv eingreifen. Es gibt aber auch Momente, da kann ich nicht einfach gehen oder ganz wegbleiben. Zum Beispiel in der Uni, oder wenn ich in der Bahn unterwegs bin. Es gibt Situationen, da ist eine Flucht unmöglich und der Overload quasi vorprogrammiert. Jedoch kann ich solchen Overloads oft mit gewissen Hilfsmitteln entgegenwirken. Es sind meist Kleinigkeiten, die mir den Alltag erleichtern und mein Stresslevel senken können. Ich möchte ein paar dieser Hilfsmittel hier beschreiben und vielleicht dienen sie dem ein oder anderen ja als Anregung.

Gewichtsdecke

Im Januar hatte ich vorlesungsfrei und neben ein paar Hausarbeiten Zeit, eigene Projekte anzugehen. So setzte ich endlich meinen Plan um, mir eine Gewichtsdecke selbst zu nähen, denn gekauft sind sie oft viel zu teuer. Gewichtsdecken und -westen lernte ich in meinen Praktika kennen. Ich durfte sie selbst ausprobieren und erinnerte mich, dass ich auch als Kind schon gerne schwere Gegenstände auf mir liegen hatte, enge Räume, wie Kisten und Schränke bevorzugte und mich bei jeder Gelegenheit in den Schlitz zwischen den Matratzen des Ehebettes meiner Eltern quetschte. Der Tiefendruck der dabei auf den Körper ausgeübt wird, wirkt beruhigend auf das Nervensystem und kann bei Nervosität, Schlafstörungen, Ängsten und noch vielen anderen Problemen helfen und therapeutisch eingesetzt werden. Viele dieser Probleme sind mir bekannt. Ich leide seit meiner Kindheit unter phasenweisen Ein- und Durchschlafstörungen und meine Eltern versuchten fast alles, diese in den Griff zu bekommen. Ich setzte meine Hoffnung auf diese Decke und nähte sie fast durchgehend, innerhalb einer Woche fertig. Sie wiegt etwa 18 kg und ist genau richtig für mich zum Schlafen, zum Runterkommen nach einem Overload, zum Erden, wenn ich mich „auflöse“, oder einfach zum Entspannen zwischendurch.

Eine Anleitung dazu gibt es hier: http://www.ruhrpottzwerge.de/2014/06/11/gewichtsdecke-ganz-einfach-selbstgemacht/

Smartphone

Seit Februar 2017, also erst seit etwas mehr als einem Monat, bin ich dazu übergegangen ein Smartphone zu benutzen. Da ich sowieso nicht gerne telefoniere und nur wenige Kontakte habe, genügte mir bisher immer ein altes Urzeit-Nokia. Alles in mir sträubte sich bei dem Gedanken, ein so großes Gerät mit so vielen überfordernden Funktionen mit mir herum zu schleppen. Inzwischen bereue ich es nicht, diesen Schritt und diese Veränderung gewagt zu haben. Ich fühle mich viel sicherer. Wenn ich unterwegs bin und mich verlaufe oder die Orientierung verliere, kann ich ganz einfach nachschauen oder Hilfe holen. Auch gibt es verschiedenste Apps, die mich beispielsweise daran erinnern zu trinken, mir helfen meinen Tag zu strukturieren und mich einfach ein bisschen mehr zu sortieren. Mit Spielen wie Blendoku (Farben logisch sortieren) oder Fluid Monkey (Farben malen) und dem mobilen Internetzugang, habe ich jetzt immer und überall die Möglichkeit aus stressigen Situationen zu „fliehen“, mich meinen Spezialinteressen zu widmen und mich so in akuten Overloads ein wenig zu erholen.

Stimmingtoys

Es gibt inzwischen eine große Vielfalt an Stimmingspielzeugen, die akut Stress abbauen und konzentrationsfördernd sein können. Natürlich „stimme“ ich auch mit meinem Körper, meinen Händen, mit meiner Umgebung und im Grunde kann fast alles für Stimming benutzt werden, aber ich finde es besonders gut, wenn es klein, praktisch und unauffällig ist.

Auf Platz eins ist daher mein „Tangle Therapy Jr.“ (gibt es bei Amazon). Es passt in meine Jackentasche, fühlt sich angenehm an und wirkt sofort. Ich kann meine Hände oft nicht still halten und es ist gerade dann hilfreich, wenn ich nervös bin oder mich konzentrieren muss. Ein Kugelschreiber, den ich hin und her flackern kann, tut es im Notfall aber auch.

Dann gibt es noch die intelligente Knete, die einen ähnlich beruhigenden Effekt hat, dabei in allen möglichen Farben schön anzusehen und in ihrer Verwendbarkeit sehr vielfältig ist. Man kann sie normal kneten, Blasen mit einem lauten Knall platzen lassen, sie wie Papier zerreißen oder wie einen Flummi springen lassen.

Was sehr unauffällig, aber super hilfreich ist: ein Haargummi am Handgelenk. Es ist günstig und in allen möglichen Formen und Farben zu finden. Ich kann es flitschen, ziehen, drehen, knoten, um die Finger oder Hand wickeln usw. und es hilft mir, zu fokusieren und besonders in Gesprächen aufmerksam zu bleiben.

Ein weiteres Gadget ist mein Duft-Ei. Es hilft ebenfalls zu fokusieren und schlechte Gerüche in der Umwelt auszublenden. Dazu habe ich Löcher in ein Ü-Ei gepiekst, es mit Watte gefüllt und ein paar Tropfen ätherisches Öl hinein gegeben. Ist schnell gemacht, einfach und wirksam.

Was mir auch gut gefällt, aber nicht so handlich ist, sind Glitzerflaschen. Ein super Stimmingtoy für visuelle Typen und einfach zu machen. Ich habe dazu eine Smoothieflasche aus Plastik gereinigt, das Etikett entfernt und anschließend eine ganze Flasche transparenten Flüssigkleber hineingefüllt. Danach gibt man ein paar Tropfen Lebensmittelfarbe und zwei bis drei Teelöffel feines Glitzerpulver (wahlweise) in verschiedenen Farben hinzu. Den Rest füllt man mit lauwarmem Wasser auf, verschließt es und schüttelt kräftig. Wirkt beruhigend und sieht schön aus.

Sonnenbrille und Ohrstöpsel

Weitere Lifesaver im Alltag, sind meine Sonnenbrille und Ohrstöpsel. Beim Einkaufen im lauten und hellen Supermark, an hellen Tagen oder in Räumen mit grellen Lichtern, in lauten Cafés oder auch einfach nur, wenn ich mal Ruhe brauche oder schlafen will. Sonnenbrille auf, Ohrstöpsel rein und manchmal auch noch Kapuze des Lieblingspullovers auf. So entsteht eine Hülle, die mich vor den ganzen Außenreizen ein bisschen schützt. Außerdem fällt es mit Sonnenbrille nicht so auf, wenn ich Menschen auf den Mund, statt in die Augen schaue. Es überrascht mich immer wieder, wie effektiv diese kleinen Veränderungen sein können und wie viel Energie ich dadurch über den Tag sparen kann. Ein lautes Café wirkt mit Ohrstöpseln beispielsweise nicht mehr so chaotisch und überwältigend. Mein Tunnelblick schwindet und ich kann den Raum wieder einigermaßen überblicken. Dank der Filter kann ich Gespräche trotzdem noch in geringerer Lautstärke hören, während die Umgebungsgeräusche gedämpft werden. Auch in den meist etwas lauteren Pausen und in der Mensa sind sie ständig in Gebrauch. Sie sind ein annehmbarer Ersatz für die Reizfilter, die ich nicht habe.

Musik und Bücher

Die Musik hat einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Leben und es gibt keinen Tag, an dem ich ohne meinen iPod aus dem Haus gehe. Ich liebe es in die verschiedenen Atmosphären abzutauchen, die passende Musik für meine Stimmung zu finden und meinen ganz eigenen Lebenssoundtrack zusammenzustellen. Dank meiner Synästhesie, kann ich Musik und Klang auch am und im Körper und Raum fühlen. Es ist schwer zu beschreiben, aber ein bisschen ist es so, als befände ich mich in einer Klangmasse, die mit meinen Zellen synchron zur Musik tanzt und mich mit dem Klangraum verbindet. Wenn ich selbst spiele, kann ich die Welt komplett ausblenden. Aus einem ähnlichen Grund nehme ich gerne Fachbücher über mein Spezialinteresse mit, wenn ich unterwegs bin. Beides bietet mir die Möglichkeit bei zu großer Überforderung abzuschalten, kann aber auch als Zugang zu meinen Emotionen dienen.

Trampolin

Mitten in meinem Zimmer steht ein kleines Trampolin. Dank der hohen Decken, kann ich hier nach Lust und Laune Energie loswerden, sportlich sein und gleichzeitig ruhiger werden. Durch den Wechsel der Kräfte, die auf den Körper wirken, spüre ich ihn anschließend viel besser. Ähnlich geht es mir nach dem Schwimmen. Ich fühle mich ganz angekommen und IN meinem Körper, kann meine Grenzen besser wahrnehmen. Außerdem eignet es sich neben der Musik hervorragend als Ventil für angestaute Wut oder Freude.

Das war eine kleine Auswahl an Hilfsmitteln, mit denen ich meinen Alltag etwas angenehmer gestalte. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wo die eigenen Grenzen liegen und wie man für sich selbst besser sorgt und es kann sogar richtig Spaß machen, nach solchen kleinen Helfern zu suchen und sie in den Alltag zu integrieren.