Literarischer Meltdown oder „Friss meine Gefühle!“

(Hinweis: Ich möchte im Voraus klarstellen, dass ich mit dieser ungefilterten, verbalen Explosion, NICHT die Menschen anspreche, die mir besonders in den letzten Monaten mit aller Kraft geholfen haben und auch sonst immer für mich da sind, ihr wisst wen ich meine, und diejenigen, die den selben Scheiß durchmachen.)

 

Wut und Hass. Ich spüre wieder etwas, aber es ist nicht das was ich erwartet hatte. Jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Aber es wundert mich auch nicht. Die innerlich und äußerlich vernichtende Reaktion auf ein Stillstehen in einer giftig-ekligen Welt, bedroht von allen Seiten. Und der Hass auf fast alles und jeden hat mich wieder. Dabei hatte ich mich so bemüht.

An der Haltestelle erinnere ich mich. Ganz in schwarz. Die Seele, die Kleidung, die Musik. Das kenne ich. Es ist das einzige was ich gerade noch fühlen kann und mein Bedürfnis zu schreien und jedem, der mir auch nur ein bisschen zu nahe kommt ins Gesicht zu schlagen ist groß. Menschen erwarten von mir, dass ich meine Emotionen ausdrücke. Aber wenn ich das auf meine Weise tue, werden sie entweder übersehen oder sie sind gesellschaftlich nicht akzeptiert.

Was machen? Ich betrinke mich. Ich versuche den Schmerz zu ersticken. Aber ich weiß, dass er wieder kommt, vielleicht noch heftiger, doch dann habe ich wenigstens für einen Moment Ruhe. Schlafen wäre mal schön, aber das kann ich seit Jahren nicht mehr richtig.

Und nun warte ich und warte und…. worauf eigentlich? Auf die lang ersehnte Hilfe, die alles besser machen soll und nicht kommt? Auf den Klinikaufenthalt, der sich nun seit Monaten verzögert? Oder doch auf die Dunkelheit und den Tod, die mich immer wieder auffangen, wenn ich einsam bin?

Anscheinend bin ich kein Akutfall. Vielleicht muss ich zu einem werden. Aber wenn ich mich umbringe, dann richtig und kein Versuch, denn da sind die Aussichten auf ein NOCH beschisseneres Leben sehr gut. Es ist aussichtslos. Und doch mache ich nichts und warte weiter.

Ich überlege wieder. Seil kaufen? Weiterkämpfen? Seil kaufen? Weiterkämpfen? Ich habe es lieben Menschen versprochen. Ich habe Absprachen getroffen unter der Bedingung, dass ich bald Hilfe bekomme. Aber was passiert? Nichts. Also muss ich was tun. Es ist verzwickt. Denn so oder so. Immer wird es irgendwem nicht passen und schlecht gehen. Ich bin es nur Leid, dass ich für andere selbst weiter leiden muss.

Und wer nun denkt „Halte durch, es wird schon wieder, kopf hoch!“ oder „Selbstmord ist feige!“, dem möchte ich sagen. Laufe einen Tag in meinen Schuhen. Versuche nur einen verdammten Tag mein Leben zu leben, das zu sehen und zu denken, was ich täglich denke, dann könne wir weiter reden.
Nein die meisten verstehen es einfach nicht. Sie verstehen nicht, dass kleine Anforderungen, Veränderungen, scheinbar alltägliche Ereignisse bei mir einen Kurzschluss auslösen können und mir so viel Energie rauben. Sie schlendern durchs Leben, laufen auf Luft, können genießen, sind frei und realisieren diesen Kampf ihrer Mitmenschen nicht.

Aufstehen? – keine Energie und Schmerzen

Duschen? – zu viele kleine Schritte, dabei liebe ich es so sehr

Essen? – zu aufwendig und es ist sowieso nichts da

Einkaufen? – haha, witzig (nicht)… totale Reizüberflutung

Das Haus verlassen? – Jetzt geht’s aber los

Small Talk? – Ich strenge mich nun nicht mehr an

Entspannen? – Wie, wenn nichts mehr Spaß macht und alles stresst?

Sprechen? – Sehr sehr anstrengend, ich denke ich reduziere es auf ein Minimum

Leben? – Da gibt es nur eine Alternative und die gefällt meinen Mitmenschen leider nicht

Ich bemühe mich diesen täglichen, oder treffender, diesen sekündlichen Kampf bei anderen zu sehen und sie zu verstehen. Aber nur wenige versuchen mich zu verstehen und diesen Kampf zu erkennen und darauf zu achten. Ist diese Empathielosigkeit nicht auch schon ein pathologisches Symptom unserer Gesellschaft?

Ja jeder hat Probleme, danke das weiß ich. Ja, ich weiß auch, dass Probleme subjektiv empfunden werden und sie nicht vergleichbar sind. Ja, ich weiß das alles und habe es tausendmal gehört. Und ich will die Probleme anderer auch nicht herunterspielen. Aber ich muss mich schon bemühen mein Lachen zu unterdrücken, wenn mir jemand von Banalitäten erzählt und denke mir „Wenn du erlebt hättest, was ich erlebt habe, würdest du genauso darüber lachen.“

Ich denke sogar, dass die meisten sich direkt einen Kopfschuss wünschen würden, wenn sie in meinen Kopf schauen könnten. Aber das wäre ja in gewisser Weise gut, dann würden sie genau das empfinden, was ich empfinde und endlich verstehen. Und ich würde mich endlich verstanden fühlen.

Und dieses ständige „Das kenne ich auch“. „Bullshit kennst du das!“, denke ich mir. Vielleicht kennst du es, dass du an manchen Tagen mal keinen Bock auf Menschen hast, Glückwunsch. Vielleicht kennst du zwischenmenschliche Missverständnisse. Vielleicht kennst du schlechte Tage, die ja „jeder mal hat“. Vielleicht kennst du… Ja sie kennen es ja alle. Aber wieso verstehen sie es nicht? Sie kennen es eben doch nicht. Sie tun so, weil das eine sozial angemessene Form ist, sein Mitgefühl auszudrücken. Aber sie wissen eben doch nichts.

Ich bin es Leid den Erwartungen zu entsprechen. Ich bin es Leid ständig in jeder Sekunde kompensieren zu müssen und so zu tun als würde ich ja doch noch irgendwie weiterkommen. Wieder BULLSHIT!

Was soll ich tun? Erstmal nichts. Auch wenn ich mir so sehr wünsche, nicht mehr hier zu sein. Ich werde nichts mehr tun. Ich werde hier sitzen und meinen Wein trinken und hoffen, dass ich das alles für ein paar Stunden vergessen kann. Und ich werde nicht über die Konsequenzen nachdenken, denn auch dafür fehlt mir die Kraft und die Fähigkeit.

Kennst du auch? Bullshit.

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Einsam unter Menschen

Ich habe lange nicht mehr geschrieben. Mir fehlt die Kraft dafür. Es ist jetzt einige Monate her, seit mich der depressive Einbruch überfiel. Ich brach seitdem beinahe wöchentlich zusammen, fühlte zu viel, dann überhaupt nichts mehr, wollte sterben und versuchte dann doch Hilfe zu bekommen und anzunehmen. Ich durfte Unterstützung aber auch Rückschläge erfahren und kämpfe doch täglich weiter den Kampf, der sich Leben nennt Mir fehlt immernoch die Kraft, aber ich denke, wenn ich einige Dinge durch das Schreiben loswerde, wird es in meinem Kopf ein bisschen klarer.

Die Wenigsten wissen, wie es wirklich ist, im Kopf durch eine unsichtbare Kraft fast durchgehend von der Welt getrennt zu sein und nur manchmal den Schritt nach außen zu schaffen, die Umwelt zu „berühren“. Es ist ein schreckliches Gefühl, einsam unter Menschen zu sein. Ein Gefühl weit weg zu sein, von den Menschen die ich so gerne habe und die mich mögen. Wie unsichtbar hinter einer Mauer zu stehen und alles zu beobachten. Je mehr Menschen es sind, desto weiter scheint alles entfernt. Ich komme mir vor wie ein fremder Besucher, ein Zuschauer, der die anderen von weit weg beobachtet und realisieren muss, dass er auf eine unerklärliche Weise nicht zu ihnen passt. Ich beobachte, wie sie sich auf eine mir unerklärliche Weise in fließend schnellem Wechselspiel austauschen und selbst unter chaotischsten Umständen den Überblick behalten. Ich kann nicht mithalten, aber ich tue oft so. Dann fällt es nicht auf, dass ich so grundverschieden bin. Aber wenn ich sehe, wie Menschen in einer Gruppe gegenseitig spielen und ihre Witze machen, wie schnell sie darin sind, was sie unternehmen und welche Erfahrungen sie machen dürfen und können, fällt es mir schwer mitzuhalten und mich ihnen zugehörig zu fühlen.

Es ist nicht nur die psychische Distanz, die mir zu schaffen macht. Oft werde ich nicht gehört, wenn ich etwas sage. Vielleicht spreche ich zu leise, vielleicht zu indirekt. Vielleicht funktioniert der Filter der Menschen auch einfach viel zu gut, sodass sie mich einfach überhören. Das passiert wahrscheinlich nicht bewusst und nicht absichtlich, aber ich fühle mich ignoriert und nicht erwünscht, wenn ich einfach übergangen werde, wenn nicht gehört wird, was ich zu sagen habe. Also lasse ich es ganz oft, weil ich lieber schweige, als den altbekannten Schmerz zu ertragen und mich einsamer zu fühlen.

Das wiederum führt dazu, dass ich mich und mein Befinden nicht mitteilen kann und schließlich noch frustrierter bin. Wenn mich die Außenwelt so überfordert und enttäuscht, ziehe ich mich weiter zurück. Ich gebe der mir natürlichen Isolation nach. Bemühe mich nicht mehr, Kontakt nach außen zu haben, denn das strengt in solchen Momenten noch viel mehr an und ist sehr schmerzvoll.

Wenn ich für mich bin, fühle ich mich weniger einsam, aber alleine. Denn in meinem momentanen Zustand kann ich nicht gut alleine sein. Meine Gedanken an Selbstmord und die Energielosigkeit würden mich umbringen. Deshalb fahre ich jeden Tag zu meinen Freunden. Ich bin gerne mit meinen vertrauten Lieblingsmenschen zusammen. Doch sobald es mehr als drei bis vier werden, fühle ich mich wieder ausgeschlossen. Ich weiß nicht, ob es nur mein subjektives Empfinden ist, aber wenn es so viele Personen sind, sprechen sie zwar miteinander und ich kann auch gelegentlich mitsprechen, aber nur selten sprechen sie wirklich aktiv mit mir. Sie reden mit anderen über Themen, die fremd sind, gehen anders miteinander um, sprechen anders, schnell und auf sehr subtile, unüberschaubare Art. Ich erwarte nicht, dass sie das tun, doch es gibt mir das Gefühl nicht dazuzugehören, selbst wenn ich weiß, dass ich willkommen und akzeptiert bin und sie sich um mich sorgen.

Meine Depression, die mich in den letzten Monaten fast das Leben gekostet hat, verstärkt dieses Einsamkeitsgefühl noch. Selbst mit lieben Menschen an der Seite, die mich mit aller Kraft versuchen zu unterstützen, kann ich nicht viel mehr tun und meine Energie ist schon lange aufgebraucht. Ich werde bald in eine Klinik gehen. Das ist die letzte Station. Der letzte Versuch. Ich hatte innerlich komplett aufgegeben. Hatte einen konkreten Plan, wie ich mir am sichersten das Leben nehme. Aber ich bekam wieder Hoffnung. Ein letzter Funke sozusagen. Ich will es den Menschen zuliebe versuchen, denen ich etwas bedeute, die mit mir kämpfen und die mir etwas bedeuten. Wenn das nicht klappt, habe ich immerhin alles versucht und immer noch einen Ausweg.

Es schwirren noch tausende Gedanken in meinem Kopf herum, die mir seit Wochen den Schlaf rauben, aber ich muss hier aufhören, weil ich merke, wie es weiter an meinen Kräften zehrt.

Am Abgrund

Ich lebe noch und das habe ich vor allem einigen ganz tollen Menschen zu verdanken. Seit Anfang Mai wohne ich vorübergehend bei einer Freundin. Bei meiner besten Freundin und anderen ganz wunderbaren Lieblingsmenschen in der WG. Dieses Umfeld tut mir unglaublich gut und ich bin unendlich dankbar, dass ich dort sein darf, dass sie mich in der schwierigsten Zeit auffangen und unterstützen.

Ganz plötzlich lag ich in meinem Zimmer auf dem Boden, meine Beine waren kraftlos und sackten unter mir ein. Ich konnte mich nicht bewegen, fühlte einen riesigen Abgrund in mir aufgehen und wollte eigentlich nur sterben. Einen konkreten Auslöser gab es nicht, aber wie sich herausstellte, liegt es wohl an meiner Überforderung. An der chronischen Überlastung, die ein Leben als funktionierendes, angepasstes Maskenwesen mit sich bringt. Die Jahre der Kompensation haben zugeschlagen  und mich wieder an den Abgrund gedrängt. Ich wusste, dass ich jetzt trotz des großen Wunsches, mich von der Welt zu trennen, nicht alleine sein sollte.

Das geht nun schon über einen Monat so. Ich habe immer wieder Zusammenbrüche, Overloads und Panikattacken, ziehe mich mal gewollt und mal ungewollt zurück und kämpfe mich mit aller Mühe durch den Alltag. Ich fühle alles und gleichzeitig nichts und schließe bei Gefahr alle Emotionen, zu einem Gefühlsklotz gebündelt aus, weil ich sie nicht sortieren kann. Dann ist mir alles egal und kommt mir unglaublich sinnlos vor. Und wenn ich dann mal weiß, was ich fühle, kann ich es nicht zeigen. Es ist doch einfach nur frustrierend.

Fast jeden Tag habe ich Suizidgedanken, denke daran wie es wäre nicht mehr hier zu sein, diese ganze Anstrengung nicht mehr ertragen zu müssen. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ehrlich gesagt finde ich den Gedanken beruhigend und belebend, immer diesen einen Notfallplan zu haben. Und ich weiß ja, dass es nie aufhört, dass es immer anstrengend bleiben wird. Es bleibt ein ständiger Kampf gegen die emotionale Überlastung, die Anstrengung und die unerträgliche Angst in beinahe jeder Situation. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, mich jemals irgendwie an diese Dauerbelastung gewöhnen zu können oder sie loszuwerden. Ich denke immer, niemand sieht, wie sehr mich die einfachsten Situationen anstrengen, wie ich jede Minute kämpfen und sortieren muss und wie groß meine Angst ist, die ich nicht richtig ausdrücken kann. Angst, die mich oft komplett erstarren lässt, meinen Körper, meine Sprache und meine Gedanken einfriert. Und ich weiß, dass es nur wenige Menschen gibt, die das sehen und nachvollziehen können, die sich die Mühe machen und auf andere Kommunikationsarten einlassen. Ich kenne kaum Situationen, in denen ich keine Angst spüre und befinde mich seit Wochen an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr aushalte und aushalten möchte.

Die Gedanken an Selbstmord sind an manchen Tagen sehr konkret. Ich hatte begonnen zu recherchieren und zu planen und weiß, dass das eigentlich der Zeitpunkt ist, an dem ich in eine Klinik sollte, doch ich weiß auch, wie es dort läuft. Ich habe Familienmitglieder, die viel Zeit in Psychiatrien verbracht haben und ich war selbst schon viel zu oft dort, wenn auch nur als Besucher. Ich weiß, dass ich dort nicht gesund werden würde, dass man auf meine Bedürfnisse keine Rücksicht nimmt, mich mit Medikamenten ruhig stellt und in Therapiegruppen zur Beschäftigung absetzt. Das hatte mir auch die unfreundliche und inkompetente Psychiaterin vorgeschlagen, die ich in völliger Verzweiflung und nach langem Von-Termin-zu-Termin-Rennen um Hilfe bat. Ich brach schließlich in ihrem Treppenhaus zusammen.

Jetzt befinde ich mich am Ende meiner Kräfte, aber auch am Ende meines Studiums und in der größten Schreibblockade meines bisherigen Lebens. Das Thema Bachelorarbeit triggert mich, ich schaffe es nicht weiter zu schreiben und selbst beim Gedanken an die bevorstehenden Prüfungen, fahren meine Mauern schon wieder hoch. Es ist nicht der Inhalt, der mir Probleme bereitet, es ist die Schwierigkeit, mehrere Dinge parallel laufen zu haben und beachten zu müssen. In Fachkreisen würde man sagen, ich habe ein Problem mit den Exekutivfunktionen. Wenn die Umgebung stimmt und ich mich um nichts anderes kümmern müsste, als um die Bachelorarbeit, würde es sehr wahrscheinlich funktionieren. Jedenfalls sobald ich aus dem Depressionsloch raus bin. Aber so erscheint mir alles wie ein unüberschaubarer Haufen von Aufgaben und Handlungen, die keinen Anfang und kein Ende haben. Ohne Wegweiser und Anleitung bin ich aufgeschmissen.

Lange Zeit habe ich kompensiert und funktioniert. Das kostete mich viel Kraft. Kraft die ich gerade nicht habe. Ich lebe im Energiesparmodus und kann keine Erwartungen mehr erfüllen. Auch nicht meine eigenen. Gedanken sind erschöpfend, aber der Grübelstrudel lässt mir keine Ruhe. Ich muss trotzdem durch den Alltag kommen und so verbrauche ich täglich Reserveenergie, die ich eigentlich nicht habe, um aufzustehen, zu essen, zu kommunizieren und einfach wach und anwesend zu sein. Ich bin in meinen basalen Funktionen dermaßen eingeschränkt, dass ich ohne die Hilfe meines Umfeldes nicht klar käme. Würde ich auf mein natürliches Verhalten hören, würde ich mich komplett einigeln und den ganzen Tag verschlafen. Dass das zu nichts führt weiß ich, aber ich kann einfach nicht mehr.

Ich habe das Gefühl, jemanden zu brauchen, der mir sagt, was ich tun muss. Eine Person, die mir Impulse gibt und vorübergehend die Führung übernimmt, die um meine Besonderheiten weiß und mir hilft, Struktur und Ansätze zu finden. Jemanden, der mich „an der Hand nimmt“ und Schritt für Schritt weiterführt. Das klingt im ersten Moment wahrscheinlich sehr befremdlich, aber es würde mir zurzeit wirklich helfen. Für mich ist es sehr frustrierend, solche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen und einfache Alltagshandlungen nicht ohne weiteres geregelt zu bekommen. Meine Handlungsplanung kann ich sprichwörtlich „in die Tonne treten“. Ich sehe beispielsweise den vollen Müll, die Säcke und das überquellende Altpapier. Ich weiß, dass das Zeug raus muss. Aber ich brauche jemanden, der mir genau zeigt wohin, wie die Tonnen aufgehen (die sind in der WG anders als bei mir zu Hause) und das in kleinen Einzelschritten. Ja ich könnte es theoretisch auch selbst herausfinden. Wenn ich wie sonst funktionieren würde, könnte ich herunterlaufen und nachschauen. Es hört sich absurd an und ich weiß nicht warum es nicht geht, aber es geht nicht.
Ich bin froh, dass immerhin die routinierten Abläufe noch einigermaßen funktionieren. Doch für alles andere brauche ich Unmengen an Energie, die ich gerade kaum noch aufbringen kann.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, in der mir meine Mutter noch alles ganz genau und praktisch erklären musste. Wie ein Kleinkind, das an die Hand genommen werden muss, weil es alleine sehr wahrscheinlich vor ein Auto rennen würde.

Es ist für mein Umfeld sicherlich nicht einfach und nicht so leicht nachvollziehbar. Für mich ist es der größte Schritt, zu akzeptieren, dass ich diese Hilfe brauche, um hoffentlich bald wieder in meinem Maße funktionieren zu können. Diese Hilfe zu bekommen ist jedoch nicht so einfach. Lösungen bleiben Theorie und man erwartet, dass ich die Initiative ergreife und möglichst bald wieder „normal“ funktioniere. Dass das eine der größten Hürden momentan ist, wird nicht verstanden. Immer wieder heißt es „rufen Sie dort an“, „lassen Sie sich dort beraten“, „gehen Sie“, „machen Sie“. Anstatt aktiv zu helfen, werden mir weitere Berge in den Weg geschoben.

Zu dem ganzen Chaos kommt noch meine ständige Sorge hinzu, für mein Umfeld eine Belastung zu sein. Ich weiß, dass ich anstrengend sein kann und andere auch ihre Sorgen und Nöte haben. Ich würde mich am liebsten jeden Tag versichern, dass es okay ist, wenn ich dort bin und würde vermutlich jeden Tag die gleiche Frage stellen. Mir wurde versichert, dass man es mir auf jeden Fall sagt, wenn ich störe und das glaube ich auch, aber ich habe immer wieder diese Schuldgefühle, alle zu nerven, etwas falsch zu machen oder gemacht zu haben oder die falschen Worte gewählt zu haben. Es ist nicht einfach diese Gefühle und Gedanken abzulegen, wenn man die meiste Zeit seines Lebens vermittelt bekam, nicht richtig zu sein. Hinzu kommt, dass ich Mimiken oft nicht richtig deute und bei der kleinsten Anspannung denke, mein Gegenüber ist wütend. Dass ich daran in den meisten Fällen nicht schuld bin und es oft nicht mal Wut ist, weiß ich inzwischen, aber die Information kommt bei mir anders an.

Dieses Gefühl, nicht richtig zu sein, vermitteln mir momentan mein Vater und mein Bruder, für die es so etwas wie Depressionen, Autismus oder andere seelische Behinderungen nicht gibt. Oder sie wollen sich nicht damit beschäftigen. Für sie zählt Arbeit und das Funktionieren in einer Leistungsgesellschaft. Wer nicht arbeitet und sich von Therapeuten helfen lässt, ist nach ihrer Ansicht nach faul, gegen die Gesellschaft und benutzt psychische Krankheiten nur als Ausrede. Ich denke eher, die Auseinandersetzung mit diesem Thema übersteigt ihre intellektuellen Fähigkeiten. Vielleicht ist es auch Selbstschutz. Aber das ist ein anderes Thema. Man darf ja Meinungen haben.

Ich habe großes Glück in dieser WG sein zu dürfen und diese eine beste Freundin zu haben, die meine Schwierigkeiten sieht, die mich sieht und versteht, die auch in den schwierigsten Zeiten zu mir hält, die mein Verhalten oft richtig interpretieren, ertragen und sogar wertschätzen kann, die für mich herum telefoniert, mich in meinen verletzlichsten Momenten schützt und einen Teil der Last trägt. Ohne sie würde ich das alles vermutlich nicht schaffen.

Danke, dass Du das alles für mich tust, dass Du dir die Mühe machst und für mich stark bist, wenn ich es nicht kann, dass Du mit mir versuchst Wege zu finden und zu gehen. Menschen wie Du sind das beste Geschenk, das einem das Leben machen kann.

Ausgenutzt und ausgelacht – Meine Erlebnisse mit Ironie, Sarkasmus und sozialer Naivität

Wie ein undichtes Gefäß versuche ich mich zusammenzuhalten. Der gleichmäßige Takt meiner Schritte in Richtung zu Hause bringt Ruhe in mein aufgewühltes Inneres. Wenn ich laufe, entspanne ich. Man hat mir wehgetan und der Schmerz bahnt sich seinen zerstörerischen Weg. Meine Augen werden nass und mit jedem Schritt wird der Kampf größer. Bald sind die Löcher zu groß und zu undicht. Es geschah unbewusst, wahrscheinlich, aber die Löcher lassen alles durch. Sowohl hinein, als auch hinaus. Ich fühle mich in meine Schulzeit zurückversetzt, in die schlimmste Zeit meines Lebens. Es ist nicht einfach, sensibel in einer unsensiblen Welt zu sein, anders zu denken und wahrzunehmen, als die Mehrheit und immer aufpassen zu müssen, dass ich nicht wieder getäuscht und zur Belustigung der Allgemeinheit missbraucht werde.

Ich habe schlimme Dinge erlebt, Gewalt, Schikane, Ausgrenzung und das ständige Gefühl, alles rauscht an mir vorbei, jahrelang. Ein Gefühl, nicht dazuzugehören, unter Menschen einsam und weit weg zu sein, während andere auf unerklärliche, unsichtbare Weise miteinander kommunizieren. Ich wurde ständig verarscht und auf Kosten meines Selbstvertrauens, machte man sich regelmäßig über meine soziale Naivität lustig.

Ich verstehe Dinge wörtlich und gehe grundsätzlich davon aus, dass Menschen meinen, was sie sagen. Ironie und Sarkasmus, zwei Fremdsprachen, die ich bis heute nur in wenigen Situationen ansatzweise beherrsche. Inzwischen bin ich zwar vorsichtiger geworden, doch es passiert mir weiterhin, dass sich Menschen amüsieren, wenn ich etwas ganz wörtlich nehme, oder es nicht schaffe, „zwischen den Zeilen“ zu lesen und mich vor allen blamiere.

Es spielt keine Rolle, ob es in böser Absicht, als freundschaftliche Neckerei oder völlig unbewusst geschieht. Es ist sehr verletzend und verwirrend. Ich komme mir extrem naiv und dumm vor und weiß doch ganz sicher, dass ich es nicht bin. Ich verarbeite Sprache anders und kann mir oft nicht vorstellen, was mein Gegenüber denkt, weiß oder meint (Fachleute nennen es „Theory of Mind“, die Fähigkeit, sich Vorstellungen über das Innenleben, die Gedanken und Absichten, aber auch das Wissen einer anderen Person machen zu können).

Ich bin nicht langsam, es ist auch nicht niedlich, nicht lustig, keine Kleinigkeit und ich bin auch nicht zu sensibel. Meine andere Denkweise wird zur Belustigung ausgenutzt und ich weiß nicht, wie ich mich davor schützen kann, außer aufzuklären.

Mein Leben lang haben mir Menschen Geschichten vorgelogen, haben mir falsche Informationen gegeben, waren absichtlich ironisch und beobachteten daraufhin mein Verhalten, um anschließend darüber zu lachen und sich auszulassen, weil sie genau wussten, ich glaube es. Noch heute hallt der Satz meiner Mutter immer wieder nach „glaub doch nicht immer alles, was man dir sagt.“ Aber so einfach ist das nicht.

Ich glaube es, weil die Welt für mich ein verwirrender Ort ist, in dem ich in jeder Sekunde versuche sinnvolle Verbindungen zwischen den ganzen Wahrnehmungen zu knüpfen und alles erst einmal aufnehme um irgendwo wenigstens ein bisschen Halt zu finden. Ich kann nicht vorher aussortieren und sagen „das war ernst gemeint, das war nicht ernst gemeint, das ist wichtig, das ist unwichtig“. Diese Vorsortierung funktioniert bei mir nicht und so würde ich einer Person auch anfangs glauben, wenn sie mir beispielsweise erzählt, dass man die Hausarbeit in Fach X/Y auf grünem, statt weißem Papier drucken muss. Ich würde den Sinn im ersten Moment zwar nicht finden, aber es ergibt sowieso so weniges in meiner Umgebung Sinn, dass ich diese Vorschrift als eine weitere sinnlose Regel auffassen würde. Erst später, wenn ich Ruhe und Zeit zur Verarbeitung und Analyse der Situationen habe, kann ich die Dinge hinterfragen und in manchen Fällen erkennen, dass es sich um Ironie handelte.

Dann schlägt die Erkenntnis wie eine Abrissbirne ein und ich würde am liebsten im Erdboden versinken. Weg von allem und jedem. Aufhören zu existieren, weil es mir so peinlich ist, weil es so weh tut und das Vertrauen in Menschen immer wieder aufs neue bricht.

April April, ich sag was ich will!

Die Gedanken rasen. Ein knisterndes Knäuel, schnell springend im überfüllten Schädel und ich kann keinen einzigen Faden richtig fassen. Ich möchte am liebsten alles auf einmal auskotzen. Buntes Gedankenkotzen, alles raus und dann sortieren: wichtig-unwichtig-was ist das denn? So wie ich es mit vielen meiner Dinge mache. Leider geht das nicht. Okay vielleicht ein bisschen, indem ich hier schreibe, aber egal wo ich anfange und wie weit ich komme, es wird nicht weniger und es kommt ja ständig Neues hinzu.

In letzter Zeit ist viel passiert. Ich merke das erste Mal so richtig, dass ich Fortschritte mache. Nicht nur theoretisch oder vom Feedback der anderen. Nein, ich merke es an mir selbst, wie ich teilhabe, mich ausdrücke und nicht mehr alles für mich behalte oder zu verstecken versuche. Gleich mit einem Ausbruch. „Back to the roots“ sozusagen, denn zu meiner Schulzeit war ich bekannt dafür, meine Meinung zu äußern, Lehrer zu korrigieren, mich für Gerechtigkeit einzusetzen und damit ständig anzuecken. Ich unterdrückte es, bis ich es verlernte. Bis ich so große Angst davor entwickelte, wieder gedemütigt, geschlagen und ausgeschlossen zu werden. Ich konnte nur überleben, indem ich den Drang nach Richtigkeit unterdrückte und versuchte mein Innerstes, mein wahres Ich vor der Außenwelt zu verstecken. Mir war nicht bewusst, dass ich mich damit gleichzeitig schützte und mir schadete. Umso glücklicher bin ich, dass ich anscheinend gerade so gut drauf bin, diesen Schritt wagen zu können und mich auch in Vorlesungen und Seminaren immer mehr mitzuteilen, ohne Gefahr zu laufen, für meine Art wieder gemobbt zu werden. Ich mache das eben so, selbst wenn es manche ganz offensichtlich nervt, dass ich klischeehaft pedantisch auf korrekte Begrifflichkeiten und Informationen bestehe und Dozenten auf Fehler aufmerksam mache, besonders wenn es um meine Interessen geht. Ich habe lange genug geschwiegen. Jetzt bin ich an der Reihe.

Doch es ist gar nicht so einfach, besonders wenn die Sprache in den wichtigen Momenten so oft versagt. Mir ist Aufklärung enorm wichtig und ich habe manchmal so viele Ideen und Anliegen im Kopf, dass ich damit völlig überfordert bin und schließlich zu nichts komme oder befürchte, jeden Augenblick zu „platzen“. Das wäre schlecht. Nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für das eigentliche Ziel. Wie kann ich mir sicher sein, dass meine Gedanken zu Worten werden, die nachvollziehbar sind? Dass sie so verstanden werden, wie ich es meine und dass sie zum richtigen Zeitpunkt ausgesprochen und gehört werden? Ich habe das Gefühl, dass mir die Welt davon rennt. Ich suche nach einem Ansatz und sobald ich einen in Sichtweite habe, ist er schon nicht mehr erreichbar oder jemand kommt mir zuvor und nimmt mir die Stimme. Die Chance ist schneller vertan als ich „Gedankenkotze“ denken kann.

Ich meine das jetzt vor allem im erweiterten Sinne, denn manchmal kann es mir auch helfen, wenn ich den Impuls eines anderen aufnehme und so ins Sprechen komme. Wenn sozusagen die Hürde von Innen nach Außen übernommen wird. Das ist hilfreich, solange ich dann auch frei für mich sprechen darf, solange niemand ohne meine Erlaubnis für mich spricht.

Es gibt allerdings auch Organisationen und Personen, die Menschen wie mir die Stimme nehmen und sogar vor uns warnen. Organisationen, die Autismus ausrotten wollen. Eine Sache, die mich und viele andere Autist*innen nicht nur im April, dem „Autism Acceptance Month“ beschäftigt. Wie schafft man sich als Minderheit eine Stimme, die auch gehört und nicht von Vereinen wie Autism Speaks unterdrückt und übertönt wird? Obwohl es so oft heißt „Sprecht MIT Autisten, nicht ÜBER sie“, scheitert diese Idee immer noch bei der Umsetzung. Nicht überall, aber gerade dort, wo es so wichtig wäre, wo Inklusion besprochen, aber nicht ausreichend umgesetzt wird. Es gibt viele Blogger die darüber berichten und ich möchte dieses so oft diskutierte Thema hier nicht ein weiteres Mal in seinem ganzen Umfang ausbreiten, zumal ich jetzt schon kräftemäßig am Ende bin (dabei hat der April gerade erst angefangen). Aber ich möchte zum Ausdruck bringen, dass es ohne Ausnahme notwendig ist, mit autistischen Menschen zu sprechen, zu fragen und zuzuhören, was sie zu sagen oder zu schreiben haben, wenn man sie verstehen und in ihrem Kampf für Selbstbestimmung unterstützen möchte.

Die Welt ist Klang

»Musik ist ein Teil des schwingenden Weltalls.«

Ferruccio Busoni, 1866-1924, italienischer Komponist und Pianist

Inspiriert durch eine kürzliche Vorlesung zur Musiktherapie, möchte ich diesem wichtigen Lebensbereich einen ganz eigenen Beitrag widmen.

Dazu muss ich ganz zurück, zum Beginn meines Lebens, denn die Begeisterung für Klang und Instrumente fing bei mir schon sehr früh an. Ich kann meinen Eltern in vielerlei Hinsicht dankbar sein, doch ganz besonders dafür, dass sie mich so früh mit der Musik bekannt gemacht haben, bzw. mein Interesse daran ernst nahmen und mich bestmöglich förderten. Mein ganzes Umfeld bestand schon von klein auf aus Musik. Meine Mutter spielte Gitarre und sang mit mir, mein Vater übte auf dem Keyboard und als ich selbst spielen und singen konnte, musizierten wir gemeinsam. Bereits mit zweieinhalb Jahren begann ich auf dem Keyboard meines Vaters Melodien nachzuspielen. Immer wieder kommt ein neuer Frühling. Immer wieder. Ich übte täglich, ehrgeizig und ganz von der Musik eingenommen.

Von Aufnahmen, Aufschrieben und aus Erzählungen weiß ich, dass ich damals einen sehr melodischen Sprachstil hatte. Meine Sprache war Gesang. Ein Auf und Ab an bunten Tönen, die ich auf dem schwarz-weißen Tastentier wiederfand. Fasziniert von dieser „unsichtbaren“ Welt, konnte ich bald alle meine Lieblingslieder nachspielen und -singen. Im Kindergarten ergatterte ich sogar die Hauptrolle in einem Musical. Mit acht Jahren nahm ich schließlich wöchentlich Klavierunterricht und bekam kurz darauf eines der größten Geschenke meines Lebens. Ein eigenes Klavier. Genau genommen ein Clavinova von Yamaha. Ich habe es heute noch und würde es für nichts auf der Welt hergeben. In keinem anderen Gegenstand stecken so viele Erinnerungen. Ich würde sogar sagen, dass es über die Jahre wie ein Freund geworden ist, mit dem ich ganz ohne Worte kommunizieren kann. Sobald ich spiele, gibt es nur noch das Klavier und mich. Die Umwelt, die Gedanken, die Schmerzen, all das blende ich nach kurzer Zeit aus.

Ein Freund wurde wenige Jahre später auch die Gitarre. Auf der Gitarre meiner Mutter, die sie selbst bereits als Kind spielte, lernte ich autodidaktisch innerhalb weniger Jahre auf einem Niveau zu spielen, das meiner Meinung nach immerhin für Lagerfeuer und Begleitung reicht. Mein Interesse an Musikinstrumenten und am Gesang wuchs mit der Zeit und so kamen über die Jahre noch einige Flötenarten, Percussion und Geige hinzu. Für letztere nahm ich jedoch nur etwa drei Monate Unterricht. Lange Zeit hatte ich die Angewohnheit ständig und fast überall zu singen, manchmal auch zu Zeiten, die den Nachbarn ganz und gar nicht gefielen. Es macht mich einfach glücklich und entspannt. So sang ich mich von klein auf durch die Schulzeit bis ins Studium hinein durch das Leben, nahm an Chor und Musikprojekten teil und wurde sogar an einer Musicalschule angenommen, die ich aus verschiedenen Gründen letztendlich doch nicht besuchte.

Der wohl wesentlichste Grund, warum die Musik für mich so wichtig wurde, ist der direkte Zugang zu meinen Emotionen, den ich durch sie habe. Sie ist Ausdruck und Eindruck zugleich. Mit ihrer Hilfe kann ich herausholen, was von alleine nicht herauskommen kann. Ich stelle mir das wie ein Gefäß vor, welches sich immer mehr mit Gefühlen und Reizen füllt. Wenn es voll ist und noch mehr hinzu kommt, läuft es über, ich explodiere. Overload – Boom – Meltdown. Doch mit Musik kann ich einen Teil davon frühzeitig herauslassen und mir meiner Gefühle bewusst werden. Die Musik ist für mich ein Tor zu einer Welt, die ich ohne Weiteres nicht erreichen könnte. Es gibt jedoch auch Momente, da bin ich akustisch so überreizt, dass mir selbst meine Lieblingsmusik zu viel ist und ich absolute Stille brauche.

Sie schützt mich auch vor der Welt. Vor den ganzen Eindrücken da draußen. Sobald ich das Haus verlasse, höre ich vertraute Musik um ein bisschen Heimat dabei zu haben, mich sicherer zu fühlen und die meist unerträgliche Geräuschkulisse auszublenden. Ich tauche ab, in meine Musikblase.

Dabei höre ich gerne passende Musik. Wenn ich traurig bin melancholische Lieder, wenn ich fröhlich bin beschwingende. Es ist fast ein Spiel geworden, für verschiedene Situationen, Umgebungen und Atmosphären die passende Playlist zusammenzustellen und voll darin aufzugehen.

Eine Besonderheit, die vermutlich nur wenige nachvollziehen können, ist meine synästhetische Wahrnehmung im Bereich der Klänge und Musik. Eine Synästhesie ist immer eine Verschmelzung mehrerer Sinneseindrücke in der Verarbeitung. Ich höre einen Ton und kann diesen Ton in meinem Körper und im Raum spüren. Andere sehen dabei Farben, oder schmecken etwas. Es ist garnicht so leicht, dieses intuitive Empfinden zu beschreiben. Ein aus dem Nichts entstehendes Richtungsgefühl, ein Kribbeln im ganzen Körper. Ein sehnsüchtiges Drängen zu einem Ziel, das überall und nirgendwo ist. Vielleicht kann man es sich wie kurz vor einem Wettlauf vorstellen. Auf die Plätze… fertig….hoch, runter, vorwärts, rückwärts, hin und her… mein Körper, jede Zelle richtet sich aus, schwingt, wie magnetisiert im Kraftfeld der Musik.

Aber wahrscheinlich kommt diese Beschreibung nicht einmal annähernd an die Empfindung heran, die ich habe, wenn ich mich ganz der Welt der Musik hingebe.

Als ich im Seminar da auf dem Boden lag und mehrere Minuten lang dem Klang des Monochords lauschte, lösten sich meine Grenzen auf. So hört sich für mich die Sonne an, wie ein Cis, dachte ich und spürte förmlich, wie ich mich in jedem Moment auf der Erde, im Universum, überall und nirgendwo befand. Es war ein unglaublich mächtiges, bewegendes und nachwirkend entspannendes Erlebnis.

Hilfsmittel im Alltag

Es hat lange gedauert, bis ich herausfand, welche Situationen mich wie beeinflussen, wie sie auf mein Stresslevel wirken und wann es Zeit wird, mich zurückzuziehen. Viel Stress lässt sich dadurch vermeiden, dass ich mich gewissen Situationen einfach nicht mehr aussetze. So zwinge ich mich zum Beispiel nicht mehr unnötig in reizintensive Situationen und achte mehr darauf, mich nicht zu übernehmen. Erst seit mir bewusst ist, was diesen Stress auslöst, kann ich aktiv eingreifen. Es gibt aber auch Momente, da kann ich nicht einfach gehen oder ganz wegbleiben. Zum Beispiel in der Uni, oder wenn ich in der Bahn unterwegs bin. Es gibt Situationen, da ist eine Flucht unmöglich und der Overload quasi vorprogrammiert. Jedoch kann ich solchen Overloads oft mit gewissen Hilfsmitteln entgegenwirken. Es sind meist Kleinigkeiten, die mir den Alltag erleichtern und mein Stresslevel senken können. Ich möchte ein paar dieser Hilfsmittel hier beschreiben und vielleicht dienen sie dem ein oder anderen ja als Anregung.

Gewichtsdecke

Im Januar hatte ich vorlesungsfrei und neben ein paar Hausarbeiten Zeit, eigene Projekte anzugehen. So setzte ich endlich meinen Plan um, mir eine Gewichtsdecke selbst zu nähen, denn gekauft sind sie oft viel zu teuer. Gewichtsdecken und -westen lernte ich in meinen Praktika kennen. Ich durfte sie selbst ausprobieren und erinnerte mich, dass ich auch als Kind schon gerne schwere Gegenstände auf mir liegen hatte, enge Räume, wie Kisten und Schränke bevorzugte und mich bei jeder Gelegenheit in den Schlitz zwischen den Matratzen des Ehebettes meiner Eltern quetschte. Der Tiefendruck der dabei auf den Körper ausgeübt wird, wirkt beruhigend auf das Nervensystem und kann bei Nervosität, Schlafstörungen, Ängsten und noch vielen anderen Problemen helfen und therapeutisch eingesetzt werden. Viele dieser Probleme sind mir bekannt. Ich leide seit meiner Kindheit unter phasenweisen Ein- und Durchschlafstörungen und meine Eltern versuchten fast alles, diese in den Griff zu bekommen. Ich setzte meine Hoffnung auf diese Decke und nähte sie fast durchgehend, innerhalb einer Woche fertig. Sie wiegt etwa 18 kg und ist genau richtig für mich zum Schlafen, zum Runterkommen nach einem Overload, zum Erden, wenn ich mich „auflöse“, oder einfach zum Entspannen zwischendurch.

Eine Anleitung dazu gibt es hier: http://www.ruhrpottzwerge.de/2014/06/11/gewichtsdecke-ganz-einfach-selbstgemacht/

Smartphone

Seit Februar 2017, also erst seit etwas mehr als einem Monat, bin ich dazu übergegangen ein Smartphone zu benutzen. Da ich sowieso nicht gerne telefoniere und nur wenige Kontakte habe, genügte mir bisher immer ein altes Urzeit-Nokia. Alles in mir sträubte sich bei dem Gedanken, ein so großes Gerät mit so vielen überfordernden Funktionen mit mir herum zu schleppen. Inzwischen bereue ich es nicht, diesen Schritt und diese Veränderung gewagt zu haben. Ich fühle mich viel sicherer. Wenn ich unterwegs bin und mich verlaufe oder die Orientierung verliere, kann ich ganz einfach nachschauen oder Hilfe holen. Auch gibt es verschiedenste Apps, die mich beispielsweise daran erinnern zu trinken, mir helfen meinen Tag zu strukturieren und mich einfach ein bisschen mehr zu sortieren. Mit Spielen wie Blendoku (Farben logisch sortieren) oder Fluid Monkey (Farben malen) und dem mobilen Internetzugang, habe ich jetzt immer und überall die Möglichkeit aus stressigen Situationen zu „fliehen“, mich meinen Spezialinteressen zu widmen und mich so in akuten Overloads ein wenig zu erholen.

Stimmingtoys

Es gibt inzwischen eine große Vielfalt an Stimmingspielzeugen, die akut Stress abbauen und konzentrationsfördernd sein können. Natürlich „stimme“ ich auch mit meinem Körper, meinen Händen, mit meiner Umgebung und im Grunde kann fast alles für Stimming benutzt werden, aber ich finde es besonders gut, wenn es klein, praktisch und unauffällig ist.

Auf Platz eins ist daher mein „Tangle Therapy Jr.“ (gibt es bei Amazon). Es passt in meine Jackentasche, fühlt sich angenehm an und wirkt sofort. Ich kann meine Hände oft nicht still halten und es ist gerade dann hilfreich, wenn ich nervös bin oder mich konzentrieren muss. Ein Kugelschreiber, den ich hin und her flackern kann, tut es im Notfall aber auch.

Dann gibt es noch die intelligente Knete, die einen ähnlich beruhigenden Effekt hat, dabei in allen möglichen Farben schön anzusehen und in ihrer Verwendbarkeit sehr vielfältig ist. Man kann sie normal kneten, Blasen mit einem lauten Knall platzen lassen, sie wie Papier zerreißen oder wie einen Flummi springen lassen.

Was sehr unauffällig, aber super hilfreich ist: ein Haargummi am Handgelenk. Es ist günstig und in allen möglichen Formen und Farben zu finden. Ich kann es flitschen, ziehen, drehen, knoten, um die Finger oder Hand wickeln usw. und es hilft mir, zu fokusieren und besonders in Gesprächen aufmerksam zu bleiben.

Ein weiteres Gadget ist mein Duft-Ei. Es hilft ebenfalls zu fokusieren und schlechte Gerüche in der Umwelt auszublenden. Dazu habe ich Löcher in ein Ü-Ei gepiekst, es mit Watte gefüllt und ein paar Tropfen ätherisches Öl hinein gegeben. Ist schnell gemacht, einfach und wirksam.

Was mir auch gut gefällt, aber nicht so handlich ist, sind Glitzerflaschen. Ein super Stimmingtoy für visuelle Typen und einfach zu machen. Ich habe dazu eine Smoothieflasche aus Plastik gereinigt, das Etikett entfernt und anschließend eine ganze Flasche transparenten Flüssigkleber hineingefüllt. Danach gibt man ein paar Tropfen Lebensmittelfarbe und zwei bis drei Teelöffel feines Glitzerpulver (wahlweise) in verschiedenen Farben hinzu. Den Rest füllt man mit lauwarmem Wasser auf, verschließt es und schüttelt kräftig. Wirkt beruhigend und sieht schön aus.

Sonnenbrille und Ohrstöpsel

Weitere Lifesaver im Alltag, sind meine Sonnenbrille und Ohrstöpsel. Beim Einkaufen im lauten und hellen Supermark, an hellen Tagen oder in Räumen mit grellen Lichtern, in lauten Cafés oder auch einfach nur, wenn ich mal Ruhe brauche oder schlafen will. Sonnenbrille auf, Ohrstöpsel rein und manchmal auch noch Kapuze des Lieblingspullovers auf. So entsteht eine Hülle, die mich vor den ganzen Außenreizen ein bisschen schützt. Außerdem fällt es mit Sonnenbrille nicht so auf, wenn ich Menschen auf den Mund, statt in die Augen schaue. Es überrascht mich immer wieder, wie effektiv diese kleinen Veränderungen sein können und wie viel Energie ich dadurch über den Tag sparen kann. Ein lautes Café wirkt mit Ohrstöpseln beispielsweise nicht mehr so chaotisch und überwältigend. Mein Tunnelblick schwindet und ich kann den Raum wieder einigermaßen überblicken. Dank der Filter kann ich Gespräche trotzdem noch in geringerer Lautstärke hören, während die Umgebungsgeräusche gedämpft werden. Auch in den meist etwas lauteren Pausen und in der Mensa sind sie ständig in Gebrauch. Sie sind ein annehmbarer Ersatz für die Reizfilter, die ich nicht habe.

Musik und Bücher

Die Musik hat einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Leben und es gibt keinen Tag, an dem ich ohne meinen iPod aus dem Haus gehe. Ich liebe es in die verschiedenen Atmosphären abzutauchen, die passende Musik für meine Stimmung zu finden und meinen ganz eigenen Lebenssoundtrack zusammenzustellen. Dank meiner Synästhesie, kann ich Musik und Klang auch am und im Körper und Raum fühlen. Es ist schwer zu beschreiben, aber ein bisschen ist es so, als befände ich mich in einer Klangmasse, die mit meinen Zellen synchron zur Musik tanzt und mich mit dem Klangraum verbindet. Wenn ich selbst spiele, kann ich die Welt komplett ausblenden. Aus einem ähnlichen Grund nehme ich gerne Fachbücher über mein Spezialinteresse mit, wenn ich unterwegs bin. Beides bietet mir die Möglichkeit bei zu großer Überforderung abzuschalten, kann aber auch als Zugang zu meinen Emotionen dienen.

Trampolin

Mitten in meinem Zimmer steht ein kleines Trampolin. Dank der hohen Decken, kann ich hier nach Lust und Laune Energie loswerden, sportlich sein und gleichzeitig ruhiger werden. Durch den Wechsel der Kräfte, die auf den Körper wirken, spüre ich ihn anschließend viel besser. Ähnlich geht es mir nach dem Schwimmen. Ich fühle mich ganz angekommen und IN meinem Körper, kann meine Grenzen besser wahrnehmen. Außerdem eignet es sich neben der Musik hervorragend als Ventil für angestaute Wut oder Freude.

Das war eine kleine Auswahl an Hilfsmitteln, mit denen ich meinen Alltag etwas angenehmer gestalte. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wo die eigenen Grenzen liegen und wie man für sich selbst besser sorgt und es kann sogar richtig Spaß machen, nach solchen kleinen Helfern zu suchen und sie in den Alltag zu integrieren.