Die Welt ist Klang

»Musik ist ein Teil des schwingenden Weltalls.«

Ferruccio Busoni, 1866-1924, italienischer Komponist und Pianist

Inspiriert durch eine kürzliche Vorlesung zur Musiktherapie, möchte ich diesem wichtigen Lebensbereich einen ganz eigenen Beitrag widmen.

Dazu muss ich ganz zurück, zum Beginn meines Lebens, denn die Begeisterung für Klang und Instrumente fing bei mir schon sehr früh an. Ich kann meinen Eltern in vielerlei Hinsicht dankbar sein, doch ganz besonders dafür, dass sie mich so früh mit der Musik bekannt gemacht haben, bzw. mein Interesse daran ernst nahmen und mich bestmöglich förderten. Mein ganzes Umfeld bestand schon von klein auf aus Musik. Meine Mutter spielte Gitarre und sang mit mir, mein Vater übte auf dem Keyboard und als ich selbst spielen und singen konnte, musizierten wir gemeinsam. Bereits mit zweieinhalb Jahren begann ich auf dem Keyboard meines Vaters Melodien nachzuspielen. Immer wieder kommt ein neuer Frühling. Immer wieder. Ich übte täglich, ehrgeizig und ganz von der Musik eingenommen.

Von Aufnahmen, Aufschrieben und aus Erzählungen weiß ich, dass ich damals einen sehr melodischen Sprachstil hatte. Meine Sprache war Gesang. Ein Auf und Ab an bunten Tönen, die ich auf dem schwarz-weißen Tastentier wiederfand. Fasziniert von dieser „unsichtbaren“ Welt, konnte ich bald alle meine Lieblingslieder nachspielen und -singen. Im Kindergarten ergatterte ich sogar die Hauptrolle in einem Musical. Mit acht Jahren nahm ich schließlich wöchentlich Klavierunterricht und bekam kurz darauf eines der größten Geschenke meines Lebens. Ein eigenes Klavier. Genau genommen ein Clavinova von Yamaha. Ich habe es heute noch und würde es für nichts auf der Welt hergeben. In keinem anderen Gegenstand stecken so viele Erinnerungen. Ich würde sogar sagen, dass es über die Jahre wie ein Freund geworden ist, mit dem ich ganz ohne Worte kommunizieren kann. Sobald ich spiele, gibt es nur noch das Klavier und mich. Die Umwelt, die Gedanken, die Schmerzen, all das blende ich nach kurzer Zeit aus.

Ein Freund wurde wenige Jahre später auch die Gitarre. Auf der Gitarre meiner Mutter, die sie selbst bereits als Kind spielte, lernte ich autodidaktisch innerhalb weniger Jahre auf einem Niveau zu spielen, das meiner Meinung nach immerhin für Lagerfeuer und Begleitung reicht. Mein Interesse an Musikinstrumenten und am Gesang wuchs mit der Zeit und so kamen über die Jahre noch einige Flötenarten, Percussion und Geige hinzu. Für letztere nahm ich jedoch nur etwa drei Monate Unterricht. Lange Zeit hatte ich die Angewohnheit ständig und fast überall zu singen, manchmal auch zu Zeiten, die den Nachbarn ganz und gar nicht gefielen. Es macht mich einfach glücklich und entspannt. So sang ich mich von klein auf durch die Schulzeit bis ins Studium hinein durch das Leben, nahm an Chor und Musikprojekten teil und wurde sogar an einer Musicalschule angenommen, die ich aus verschiedenen Gründen letztendlich doch nicht besuchte.

Der wohl wesentlichste Grund, warum die Musik für mich so wichtig wurde, ist der direkte Zugang zu meinen Emotionen, den ich durch sie habe. Sie ist Ausdruck und Eindruck zugleich. Mit ihrer Hilfe kann ich herausholen, was von alleine nicht herauskommen kann. Ich stelle mir das wie ein Gefäß vor, welches sich immer mehr mit Gefühlen und Reizen füllt. Wenn es voll ist und noch mehr hinzu kommt, läuft es über, ich explodiere. Overload – Boom – Meltdown. Doch mit Musik kann ich einen Teil davon frühzeitig herauslassen und mir meiner Gefühle bewusst werden. Die Musik ist für mich ein Tor zu einer Welt, die ich ohne Weiteres nicht erreichen könnte. Es gibt jedoch auch Momente, da bin ich akustisch so überreizt, dass mir selbst meine Lieblingsmusik zu viel ist und ich absolute Stille brauche.

Sie schützt mich auch vor der Welt. Vor den ganzen Eindrücken da draußen. Sobald ich das Haus verlasse, höre ich vertraute Musik um ein bisschen Heimat dabei zu haben, mich sicherer zu fühlen und die meist unerträgliche Geräuschkulisse auszublenden. Ich tauche ab, in meine Musikblase.

Dabei höre ich gerne passende Musik. Wenn ich traurig bin melancholische Lieder, wenn ich fröhlich bin beschwingende. Es ist fast ein Spiel geworden, für verschiedene Situationen, Umgebungen und Atmosphären die passende Playlist zusammenzustellen und voll darin aufzugehen.

Eine Besonderheit, die vermutlich nur wenige nachvollziehen können, ist meine synästhetische Wahrnehmung im Bereich der Klänge und Musik. Eine Synästhesie ist immer eine Verschmelzung mehrerer Sinneseindrücke in der Verarbeitung. Ich höre einen Ton und kann diesen Ton in meinem Körper und im Raum spüren. Andere sehen dabei Farben, oder schmecken etwas. Es ist garnicht so leicht, dieses intuitive Empfinden zu beschreiben. Ein aus dem Nichts entstehendes Richtungsgefühl, ein Kribbeln im ganzen Körper. Ein sehnsüchtiges Drängen zu einem Ziel, das überall und nirgendwo ist. Vielleicht kann man es sich wie kurz vor einem Wettlauf vorstellen. Auf die Plätze… fertig….hoch, runter, vorwärts, rückwärts, hin und her… mein Körper, jede Zelle richtet sich aus, schwingt, wie magnetisiert im Kraftfeld der Musik.

Aber wahrscheinlich kommt diese Beschreibung nicht einmal annähernd an die Empfindung heran, die ich habe, wenn ich mich ganz der Welt der Musik hingebe.

Als ich im Seminar da auf dem Boden lag und mehrere Minuten lang dem Klang des Monochords lauschte, lösten sich meine Grenzen auf. So hört sich für mich die Sonne an, wie ein Cis, dachte ich und spürte förmlich, wie ich mich in jedem Moment auf der Erde, im Universum, überall und nirgendwo befand. Es war ein unglaublich mächtiges, bewegendes und nachwirkend entspannendes Erlebnis.

Hilfsmittel im Alltag

Es hat lange gedauert, bis ich herausfand, welche Situationen mich wie beeinflussen, wie sie auf mein Stresslevel wirken und wann es Zeit wird, mich zurückzuziehen. Viel Stress lässt sich dadurch vermeiden, dass ich mich gewissen Situationen einfach nicht mehr aussetze. So zwinge ich mich zum Beispiel nicht mehr unnötig in reizintensive Situationen und achte mehr darauf, mich nicht zu übernehmen. Erst seit mir bewusst ist, was diesen Stress auslöst, kann ich aktiv eingreifen. Es gibt aber auch Momente, da kann ich nicht einfach gehen oder ganz wegbleiben. Zum Beispiel in der Uni, oder wenn ich in der Bahn unterwegs bin. Es gibt Situationen, da ist eine Flucht unmöglich und der Overload quasi vorprogrammiert. Jedoch kann ich solchen Overloads oft mit gewissen Hilfsmitteln entgegenwirken. Es sind meist Kleinigkeiten, die mir den Alltag erleichtern und mein Stresslevel senken können. Ich möchte ein paar dieser Hilfsmittel hier beschreiben und vielleicht dienen sie dem ein oder anderen ja als Anregung.

Gewichtsdecke

Im Januar hatte ich vorlesungsfrei und neben ein paar Hausarbeiten Zeit, eigene Projekte anzugehen. So setzte ich endlich meinen Plan um, mir eine Gewichtsdecke selbst zu nähen, denn gekauft sind sie oft viel zu teuer. Gewichtsdecken und -westen lernte ich in meinen Praktika kennen. Ich durfte sie selbst ausprobieren und erinnerte mich, dass ich auch als Kind schon gerne schwere Gegenstände auf mir liegen hatte, enge Räume, wie Kisten und Schränke bevorzugte und mich bei jeder Gelegenheit in den Schlitz zwischen den Matratzen des Ehebettes meiner Eltern quetschte. Der Tiefendruck der dabei auf den Körper ausgeübt wird, wirkt beruhigend auf das Nervensystem und kann bei Nervosität, Schlafstörungen, Ängsten und noch vielen anderen Problemen helfen und therapeutisch eingesetzt werden. Viele dieser Probleme sind mir bekannt. Ich leide seit meiner Kindheit unter phasenweisen Ein- und Durchschlafstörungen und meine Eltern versuchten fast alles, diese in den Griff zu bekommen. Ich setzte meine Hoffnung auf diese Decke und nähte sie fast durchgehend, innerhalb einer Woche fertig. Sie wiegt etwa 18 kg und ist genau richtig für mich zum Schlafen, zum Runterkommen nach einem Overload, zum Erden, wenn ich mich „auflöse“, oder einfach zum Entspannen zwischendurch.

Eine Anleitung dazu gibt es hier: http://www.ruhrpottzwerge.de/2014/06/11/gewichtsdecke-ganz-einfach-selbstgemacht/

Smartphone

Seit Februar 2017, also erst seit etwas mehr als einem Monat, bin ich dazu übergegangen ein Smartphone zu benutzen. Da ich sowieso nicht gerne telefoniere und nur wenige Kontakte habe, genügte mir bisher immer ein altes Urzeit-Nokia. Alles in mir sträubte sich bei dem Gedanken, ein so großes Gerät mit so vielen überfordernden Funktionen mit mir herum zu schleppen. Inzwischen bereue ich es nicht, diesen Schritt und diese Veränderung gewagt zu haben. Ich fühle mich viel sicherer. Wenn ich unterwegs bin und mich verlaufe oder die Orientierung verliere, kann ich ganz einfach nachschauen oder Hilfe holen. Auch gibt es verschiedenste Apps, die mich beispielsweise daran erinnern zu trinken, mir helfen meinen Tag zu strukturieren und mich einfach ein bisschen mehr zu sortieren. Mit Spielen wie Blendoku (Farben logisch sortieren) oder Fluid Monkey (Farben malen) und dem mobilen Internetzugang, habe ich jetzt immer und überall die Möglichkeit aus stressigen Situationen zu „fliehen“, mich meinen Spezialinteressen zu widmen und mich so in akuten Overloads ein wenig zu erholen.

Stimmingtoys

Es gibt inzwischen eine große Vielfalt an Stimmingspielzeugen, die akut Stress abbauen und konzentrationsfördernd sein können. Natürlich „stimme“ ich auch mit meinem Körper, meinen Händen, mit meiner Umgebung und im Grunde kann fast alles für Stimming benutzt werden, aber ich finde es besonders gut, wenn es klein, praktisch und unauffällig ist.

Auf Platz eins ist daher mein „Tangle Therapy Jr.“ (gibt es bei Amazon). Es passt in meine Jackentasche, fühlt sich angenehm an und wirkt sofort. Ich kann meine Hände oft nicht still halten und es ist gerade dann hilfreich, wenn ich nervös bin oder mich konzentrieren muss. Ein Kugelschreiber, den ich hin und her flackern kann, tut es im Notfall aber auch.

Dann gibt es noch die intelligente Knete, die einen ähnlich beruhigenden Effekt hat, dabei in allen möglichen Farben schön anzusehen und in ihrer Verwendbarkeit sehr vielfältig ist. Man kann sie normal kneten, Blasen mit einem lauten Knall platzen lassen, sie wie Papier zerreißen oder wie einen Flummi springen lassen.

Was sehr unauffällig, aber super hilfreich ist: ein Haargummi am Handgelenk. Es ist günstig und in allen möglichen Formen und Farben zu finden. Ich kann es flitschen, ziehen, drehen, knoten, um die Finger oder Hand wickeln usw. und es hilft mir, zu fokusieren und besonders in Gesprächen aufmerksam zu bleiben.

Ein weiteres Gadget ist mein Duft-Ei. Es hilft ebenfalls zu fokusieren und schlechte Gerüche in der Umwelt auszublenden. Dazu habe ich Löcher in ein Ü-Ei gepiekst, es mit Watte gefüllt und ein paar Tropfen ätherisches Öl hinein gegeben. Ist schnell gemacht, einfach und wirksam.

Was mir auch gut gefällt, aber nicht so handlich ist, sind Glitzerflaschen. Ein super Stimmingtoy für visuelle Typen und einfach zu machen. Ich habe dazu eine Smoothieflasche aus Plastik gereinigt, das Etikett entfernt und anschließend eine ganze Flasche transparenten Flüssigkleber hineingefüllt. Danach gibt man ein paar Tropfen Lebensmittelfarbe und zwei bis drei Teelöffel feines Glitzerpulver (wahlweise) in verschiedenen Farben hinzu. Den Rest füllt man mit lauwarmem Wasser auf, verschließt es und schüttelt kräftig. Wirkt beruhigend und sieht schön aus.

Sonnenbrille und Ohrstöpsel

Weitere Lifesaver im Alltag, sind meine Sonnenbrille und Ohrstöpsel. Beim Einkaufen im lauten und hellen Supermark, an hellen Tagen oder in Räumen mit grellen Lichtern, in lauten Cafés oder auch einfach nur, wenn ich mal Ruhe brauche oder schlafen will. Sonnenbrille auf, Ohrstöpsel rein und manchmal auch noch Kapuze des Lieblingspullovers auf. So entsteht eine Hülle, die mich vor den ganzen Außenreizen ein bisschen schützt. Außerdem fällt es mit Sonnenbrille nicht so auf, wenn ich Menschen auf den Mund, statt in die Augen schaue. Es überrascht mich immer wieder, wie effektiv diese kleinen Veränderungen sein können und wie viel Energie ich dadurch über den Tag sparen kann. Ein lautes Café wirkt mit Ohrstöpseln beispielsweise nicht mehr so chaotisch und überwältigend. Mein Tunnelblick schwindet und ich kann den Raum wieder einigermaßen überblicken. Dank der Filter kann ich Gespräche trotzdem noch in geringerer Lautstärke hören, während die Umgebungsgeräusche gedämpft werden. Auch in den meist etwas lauteren Pausen und in der Mensa sind sie ständig in Gebrauch. Sie sind ein annehmbarer Ersatz für die Reizfilter, die ich nicht habe.

Musik und Bücher

Die Musik hat einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Leben und es gibt keinen Tag, an dem ich ohne meinen iPod aus dem Haus gehe. Ich liebe es in die verschiedenen Atmosphären abzutauchen, die passende Musik für meine Stimmung zu finden und meinen ganz eigenen Lebenssoundtrack zusammenzustellen. Dank meiner Synästhesie, kann ich Musik und Klang auch am und im Körper und Raum fühlen. Es ist schwer zu beschreiben, aber ein bisschen ist es so, als befände ich mich in einer Klangmasse, die mit meinen Zellen synchron zur Musik tanzt und mich mit dem Klangraum verbindet. Wenn ich selbst spiele, kann ich die Welt komplett ausblenden. Aus einem ähnlichen Grund nehme ich gerne Fachbücher über mein Spezialinteresse mit, wenn ich unterwegs bin. Beides bietet mir die Möglichkeit bei zu großer Überforderung abzuschalten, kann aber auch als Zugang zu meinen Emotionen dienen.

Trampolin

Mitten in meinem Zimmer steht ein kleines Trampolin. Dank der hohen Decken, kann ich hier nach Lust und Laune Energie loswerden, sportlich sein und gleichzeitig ruhiger werden. Durch den Wechsel der Kräfte, die auf den Körper wirken, spüre ich ihn anschließend viel besser. Ähnlich geht es mir nach dem Schwimmen. Ich fühle mich ganz angekommen und IN meinem Körper, kann meine Grenzen besser wahrnehmen. Außerdem eignet es sich neben der Musik hervorragend als Ventil für angestaute Wut oder Freude.

Das war eine kleine Auswahl an Hilfsmitteln, mit denen ich meinen Alltag etwas angenehmer gestalte. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wo die eigenen Grenzen liegen und wie man für sich selbst besser sorgt und es kann sogar richtig Spaß machen, nach solchen kleinen Helfern zu suchen und sie in den Alltag zu integrieren.

Psychotherapie und Autismus? – Wie meine Therapie zum Erfolg wurde

Um dem ganzen Ärger, der mir in letzter Zeit gehäuft begegnet, einmal positiv entgegenzuwirken, habe ich beschlossen über meine bisherigen Therapieerfolge zu berichten und zu zeigen, dass eine Psychotherapie zur Abwechslung auch mal gelingen kann.

Es gibt viele Therapiemöglichkeiten, für fast alle Probleme, die der Mensch mit seiner Psyche so haben kann. Dazu braucht es allerdings auch ausreichend gute Therapeut*innen, die sich die ganzen Probleme Tag für Tag anhören können, ohne dabei schon nach wenigen Sitzungen selbst therapeutische Hilfe zu benötigen. Ich schätze mich daher glücklich, an eine Therapeutin geraten zu sein, die sympathisch und fachlich kompetent und besonders auf Autismus bei Jugendlichen und Erwachsenen spezialisiert ist und deren Praxis nur wenige Gehminuten von mir entfernt liegt. Wenn man mal schaut, wie wenige echte Expert*innen es auf diesem Gebiet in Deutschland gibt, die gleichzeitig Psychotherapien anbieten und einen nicht schon beim ersten Treffen wieder heraus ekeln, ist das fast wie ein Sechser im Lotto.

Ich habe in den eineinhalb Jahren kognitiver Verhaltenstherapie hart an mir gearbeitet. Habe gelernt zu mir zu finden und stieß dabei mehrfach an meine Grenzen. Aber es hat sich gelohnt. Und ich hätte mir keine bessere Therapeutin dafür vorstellen können.

Ich bin ehrlich gesagt ohne große Erwartungen zum Erstgespräch gegangen, denn meine bisherigen Therapien hatten mich nicht weiter gebracht. Anfangs hatte ich Probleme eine Beziehung aufzubauen und Vertrauen zu fassen. Doch diese Frau begegnete mir mit so viel Verständnis und Akzeptanz, dass ich mich immer mehr öffnen konnte, ohne Angst haben zu müssen, dass irgendeine meiner Marotten oder Aussagen auf Unverständnis stößt oder verspottet wird. Völlig bedingungslos nahm sie mich ernst, validierte meine Gefühle und Ansichten, zeigte mir Möglichkeiten auf und half mir, meine Denkweise zu verstehen und so zu nutzen, dass der Alltag für mich stressfreier und lebenswerter wurde. Es waren manchmal nur kleine Impulse nötig, kleine Anregungen, die mich von meiner Eingleisigkeit wegbrachten und neue Wege offenbarten, die ich vorher nicht sehen konnte.

In den Sitzungen gingen wir meist sehr zielgerichtet vor, mit Beispielen und Übungen, ganz realitätsnah an aktuellen Problemen. Wir versuchten sie als Grundlage für ein allgemeines Verständnis zu nutzen. Es gelang uns sogar, einige der zurückliegenden Traumata zu bearbeiten. In regelmäßigen Gruppensitzungen konnte ich außerdem soziale Fähigkeiten lernen und mich mit anderen austauschen. Ich bekam die Möglichkeit alle Fragen zu stellen, die mich beschäftigten, bekam daraufhin direkt lösungsorientierte Antworten und selbst die Therapiemethoden wurden mir offengelegt. Da ich mich sehr für psychologische Themen interessiere und das Wissen auch in meinem Beruf relevant ist, begegneten wir uns bei Gelegenheit auf fachlicher Ebene. Es half mir sehr, dass sie mir jeden Schritt ausführlich erklärte und mit Visualisierungen, wie Plakaten, Zeichnungen, Tabellen usw. arbeitete. Sie eklärte mir das Verhalten der Menschen, die ich nicht verstand und die verschiedenen Arten der Kommunikation. Ich lernte durch Sehen und Verstehen, durch eine durchgehende Transparenz.

Die Bilanz überraschte mich, als wir in einer der letzten Sitzungen die bisherigen Erfolge zusammenfassten. Die positive Entwicklung kam so schleichend und nebenbei, dass ich sie fast übersehen hätte. Den Fortschritt zu verschriftlichen machte deutlich, wie viel ich bisher geleistet hatte. Auch meinem Umfeld sind diese Entwicklungen aufgefallen.

So habe ich zum Beispiel gelernt, besser für mich zu sorgen, meine Bedürfnisse, Grenzen, Stärken und Schwächen kennenzulernen und auch dafür einzustehen. Ich lernte, auch selbst Grenzen zu setzen, Hilfe anzunehmen und einzuholen und verstand, dass es okay ist Fehler zu machen, nicht allen Erwartungen zu entsprechen und einfach auch mal komisch zu sein. Das Wichtigste ist aber, dass ich mich selbst besser akzeptieren kann. Ich weiß jetzt, dass ich nicht falsch bin.

Außerdem lernte ich viele Methoden kennen, mit Stress besser umzugehen, entsprechende Situationen zu identifizieren und wenn nötig zu vermeiden. Denn nicht immer ist Konfrontation die beste Therapie.

Ich lernte jedoch auch, dass bestimmte Probleme immer vorhanden sein werden, da sie der Grundsymptomatik des Autismus entspringen. Ich werde mein Leben lang Probleme mit der Reizverarbeitung haben, werde weiterhin Ängste und Schwierigkeiten in der Kommunikation und im Zwischenmenschlichen haben und ich werde auch bis an mein Lebensende mit einem dauerhaft hohen Stresslevel und den Folgen leben müssen. Allerdings weiß ich jetzt besser damit umzugehen. Man gab mir „Werkzeuge“ dafür und vielleicht kann ich einige davon auch in meinem Beruf gebrauchen.

Meine Therapeutin hatte die ganze Zeit nicht ein einziges Mal versucht mich zu verbiegen. Das Ziel war nicht, dass ich mich anpasse, sondern dass ich mich selbst entfalte und mein Selbstwertgefühl stärke. Sie bestärkte mich in allem was mir wichtig und meiner Entwicklung förderlich war. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es ist leider nicht selbstverständlich, von einem Menschen wirklich gesehen zu werden.

Die Therapie geht weiter, ich bin gerade am Anfang und es bleiben noch einige Ziele offen, zum Beispiel die Sache mit der wiederkehrenden Depression und den Gefühlen. Der Prozess und das Lernen werden nie beendet und nicht einfach sein, doch ich bin zuversichtlich, dass auch das noch werden kann.

Warum ein Pinguin keine Giraffe werden kann

Wahrscheinlich wird das kein besonders netter Beitrag, ja vermutlich wird es einigen überhaupt nicht passen, doch mir ist es wichtig und ich wollte es schon lange los werden.

Als angehender Heilpädagoge habe ich die Chance das Thema Autismus von zweierlei Seiten zu betrachten. Doch es ist nicht immer ganz einfach, diese Perspektiven miteinander zu vereinen. Mein Studium ist zwar darauf ausgelegt, uns zu reflektierten und ganzheitlich arbeitenden Pädagogen auszubilden und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Pädagogen und Fachleute mit den besten Absichten handeln, jedoch stoße ich mich an einigen der uns vermittelten Methoden und Vorstellungen, wenn es darum geht, autistische Menschen zu begleiten und zu fördern.

Es gibt leider heute noch veraltete und falsche Ansichten darüber, was es bedeutet Autist zu sein. Keiner weiß das so genau, wie die betreffenden Menschen selbst, dennoch wird Wissen vermittelt, welches mit der Realität oft kaum etwas zu tun hat. In einigen Fällen ärgert es mich sogar, wenn nichtautistische Menschen anderen nichtautistischen Menschen erklären wollen, wie wir funktionieren und uns selbst dabei nicht zu Wort kommen lassen. Es ist ungerecht, wenn über uns gesprochen wird, aber nicht mit uns, selbst wenn wir anwesend sind. Es kann höchstens eine Annäherung an die Innensicht geben, aber nie ein hundertprozentiges Wissen. Also verstehe ich nicht, warum es manchmal überspitzt ausgedrückt heißt: „Autisten machen dies und jenes, aus diesem und jenem Grund und das muss ihnen aberzogen werden, denn das entspricht nicht unseren Vorstellungen, wie sie sein sollen und in der Gesellschaft zurecht kommen können.“ Oder warum einige der „Experten“ so darauf aus sind, uns unser natürliches Verhalten abzugewöhnen und stattdessen für sie natürliches Verhalten verlangen. Umgekehrt wäre es doch auch nicht fair. Einer Person, die nicht laufen kann, würde man nicht sagen:„Du musst jetzt lernen richtig zu gehen, denn wir machen das alle so und du willst doch selbständig sein“. Ich weiß dieser Vergleich wird ständig verwendet, aber er passt an dieser Stelle einfach gut und macht hoffentlich deutlich, wie unlogisch und blödsinnig das alles ist.

Es ging schon so weit, dass mir in der Vorlesung eines Gastdozenten die Diagnose abgesprochen wurde, nachdem ich gegen eine seiner Aussagen protestierte und mich zwangsweise outen musste. Er hatte also ganz offensichtlich seine Vorstellung davon, wie Autisten sind. Humorlos. Dass wir durchaus Witze verstehen und lachen können, schien ihm wohl fremd zu sein und wenn ein Mensch von seiner Vorstellung abweicht, kann er ja kein Autist sein (Vorsicht Sarkasmus!). In einem anderen Beitrag erwähnte ich bereits, dass es hieß „man muss sie aus ihrer Welt herausholen und die Stereotypien unterbinden“. Dass es sich dabei um einfaches Stimming handelt, welches ein ganz natürliches Verhalten für autistische Menschen ist, war wohl nicht bekannt und wurde auch nicht hinterfragt.

Meine Grundannahme ist, dass sich jedes Leben grundlegend unterscheidet und ganz besonders ein autistisches von einem nichtautistischen Leben. Menschen sollten aufhören, ihre eigenen Vorstellungen von einem glücklichen und gelungenen Leben auf andere zu projizieren.

Natürlich ist es sinnvoll, einen autistischen Menschen zu fördern und ihn bei seiner Entwicklung und beim Lernen zu begleiten. Doch jemanden zu fördern heißt nicht, ihn zu einer willenlosen, angepassten und funktionierenden Marionette der Gesellschaft zu machen. Das bedeutet, man sollte nicht versuchen, Fähigkeiten zwanghaft anzutrainieren oder gar mit schädlichen und von Autist*innen selbst stark kritisierten Methoden wie ABA (Applied Behaviour Analysis) o.ä. arbeiten, nur damit der Mensch lernt, den Erwartungen seines Umfeldes ,“normal“ zu funktionieren, zu entsprechen.

Stattdessen unterstütze ich stärken- und ressourcenorientierte Methoden, die darauf aus sind, den Menschen ernst zu nehmen, in seiner Art und in seinen Stärken und Schwächen, seine Stärken gemeinsam zu entdecken und auszubauen und Möglichkeiten zu finden, wie er mit schwierigen Situationen umgehen kann. Ich stelle mir das wie einen Fluss oder Bach vor. Baut man einen Damm, staut er sich und baut immer mehr Druck auf. Der Fluss muss einen unnatürlichen Weg fließen, kommt nicht wirklich vorwärts und bricht irgendwann mit zerstörerischer Kraft durch den Damm hindurch. Geht man mit dem Fluss und begleitet ihn, kann man nach einer Weile feststellen wie links und rechts alles aufblüht, wie wohl sich die Fische im Wasser fühlen und wie ruhig er wird.

Jeder Mensch hat Fähigkeiten, die Wertschätzung verdienen, auch wenn sie für den „Normalbürger“ auf den ersten Blick völlig sinnlos erscheinen. Alles hat seinen Grund und seine Daseinsberechtigung. Mit bestimmten Fähigkeiten, kann man gezielt nach Nischen suchen und muss nicht weiter zwanghaft daran arbeiten die Defizite zu verstecken, denn das geht auf Dauer nicht gut.

Man könnte mit mir tausendmal üben zu telefonieren, es würde nichts daran ändern, dass es für mich unnatürlich und anstrengend ist. Man könnte mich auch tausendmal mit Small Talk konfrontieren, ich würde es immer noch nicht auf natürliche Weise beherrschen, weil es nicht meine Muttersprache ist. Man könnte mich täglich durchgehend mit Menschen umgeben, aber es würde das Bedürfnis alleine sein zu wollen und Rückzug zu brauchen nur verstärken. Man könnte mir tausendmal sagen, ich solle aufhören mit dem Bein zu wippen, oder mit den Händen zu fuchteln, ich würde es trotzdem immer wieder machen, weil es so sein muss. Und man könnte mir tausendmal sagen, ich solle doch bitte in die Augen schauen, da es sonst unhöflich ist, ich würde es nicht tun, weil ich sonst nicht zuhören könnte. Was für mich natürlich ist, ist für andere unnatürlich und umgekehrt.

Oder wie Dr. Eckart von Hirschhausen so schön sagte: „Wenn du als Pinguin geboren wurdest, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir keine Giraffe.“

Was ich damit sagen will:
Ein Autist sollte als Autist akzeptiert und erzogen werden und nicht zu einem Menschen dressiert werden, der er nicht sein kann und nicht sein will. Im Allgemeinen gilt das für alle Menschen. Kinder zeigen nach langem Training vielleicht auf den ersten Blick das gewünschte Verhalten, aber in ihnen kämpft alles dagegen an, die stummen Schreie hört keiner, bis das Kind erwachsen wird und diese Anpassung an die Vorstellungen seines Umfeldes nicht mehr leisten kann, weil es nicht seiner Natur entspricht. Die Folge sind meist Depressionen, Ängste und Burnout in bereits jungen Jahren.

Dazu möchte ich kurz ein Zitat des holländischen Heilpädagogen Jos Meereboer anbringen, der meiner Meinung nach den Kern erfasst hat:

„Die allerwichtigste Therapie für einen Autisten ist, daß man akzeptiert, daß er Autist ist. Wenn man das nicht akzeptiert, fühlt er sich nicht aufgehoben, und dann bekommt er Angst. […] die Aufgabe eines Heilpädagogen ist es durchaus, heilpädagogische Fälle bei Kindern möglichst auf eine richtige Spur zu bringen. Das aber geht bei Autisten nicht. Man muß es mit ihnen zusammen machen. Man kann sie nicht einfach zu etwas zwingen. Es gibt verschiedene Therapien, […] aber man muß immer abspüren, ob der jeweilige Autist sich das gefallen läßt, ob ihm das nicht zuviel wird.“ (Nachzulesen in den Flensburger Heften, Ausgabe 112, Autisten Berichten, S. 20)

Wenn man ein autistisches Kind oder allgemein autistische Menschen begleiten möchte, sollte man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass unsere Arten zu kommunizieren, unsere Wahrnehmungen und unsere Vorstellungen von der Welt verschieden sind, dass Kinder auf verschiedene Arten lernen und sich unterschiedlich schnell entwickeln. Es sollte keine Schablone geben, wie ein Kind oder ein Mensch zu sein hat und was er können muss. Kein Lebensmodell ist falsch, aber es ist falsch, anderen das eigene aufzuzwingen und zu versuchen aus einem Pinguin eine Giraffe zu machen.

„Ich geh‘ mal kurz einkaufen“ – Barrieren im Alltag

Das Problem mit den unsichtbaren Behinderungen ist, dass andere die alltäglichen Schwierigkeiten nicht sehen können, manchmal auch nicht glauben und so davon ausgehen, man funktioniere wie sie. Ich möchte nicht behaupten, dass Autismus grundsätzlich und für jeden eine Behinderung darstellt und spreche deshalb nur von mir. Ich bin nicht behindert, ich werde behindert. Aber nicht durch sichtbare Barrieren, wie sie die meisten kennen, sondern durch unsichtbare. Leider wird bei Barrieren und Barrierefreiheit oft nur an die physischen Hürden und Hilfen, wie Rampen, Aufzüge usw. gedacht und selbst hier besteht noch sehr viel Bedarf und Potenzial für Verbesserungen.

Autismus wirkt sich auf alle Ebenen aus und führt zu täglichen inneren Kämpfen, die man mir nicht direkt anmerkt. Die Bewältigung des Alltags wird zur Herausforderung und selbst die einfachsten Aufgaben, wie Einkaufen, Reisen oder Telefonieren, werden zu scheinbar unüberwindbaren Hindernissen. Ich kann sie nicht alle aufzählen, dazu sind es zu viele. Aber ich kann einen kleinen Einblick geben:

Ein einfaches Beispiel ist das Einkaufen.
Für die meisten ist es zwar nicht gerade die Lieblingsbeschäftigung, aber auch keine große Sache. Für mich ist es immer wieder sehr viel Stress und eine große Überwindung. Und das hat absolut nichts mit Faulheit zu tun, wie es mir gerne vorgeworfen wird.

Eigentlich müsste ich heute einkaufen gehen. Mein Kühlschrank ist leer, mein Magen knurrt und meine Stimmung verfinstert sich. Der Supermarkt ist nur drei Gehminuten entfernt und dort bekomme ich alles, was ich brauche, inklusive Lieblingsmüsli. Eigentlich. „So nah und doch so fern“ denke ich mir und habe die ganzen Schritte vor Augen, die ich gehen muss, um schließlich das Haus zu verlassen und mich in dieses Chaos aus Farben, Licht und Lärm zu begeben. Ausziehen, waschen, anziehen, „brauche ich eine Jacke?“, Einkaufszettel schreiben und in Gedanken mehrmals den Weg und die Regale durchgehen, „was wenn es mein Müsli nicht mehr gibt?“, Rucksack, Geld und Chip nicht vergessen und mental auf den Stress an der Kasse vorbereiten, ich höre das Piepsen jetzt schon. Selbst mit Ohrstöpseln und Sonnenbrille schaffe ich es heute nicht.

Einkaufen ist ein Marathon, von dem ich jedes einzelne Mal völlig verschwitzt und ausgelaugt zurückkehre. Nicht selten gerate ich im Supermarkt in einen Overload (Reizüberflutung). Dann verschwimmt mein Blickfeld, das Licht blendet,die Farben ziehen an mir vorbei, das Kassenpiepsen sticht wie ein Messer in meine Ohren und mein Hirn und die Ventilatoren werden zu betäubend lauten Geräuschwellen. Die Menschen in der Schlange drängen immer näher, an der Kasse werden mir die Lebensmittel mit einer Geschwindigkeit entgegen geschleudert, dass ich nur noch ein Band aus Farben erkennen kann. Dann berühre ich aus Versehen die Hand der Verkäuferin. Ein Zucken geht durch meinen Körper und ich werde das Gefühl ihrer Hand an meiner nicht mehr los. Mir wird warm, heiß und die Kleidung klebt unangenehm an meiner Haut. Schließlich sehe ich nur noch durch einen Tunnel, es rauscht um mich herum. Ich möchte fliehen, hinaus rennen, einfach so schnell wie möglich von diesem Stress weg.

Ähnlich geht es mir in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie sind meist voll, eng, stickig, laut und im Sommer stinken sie noch viel schlimmer als sonst. Ich kann nie wissen, ob oder wer sich neben mich setzen wird. Die Leute nehmen keine Rücksicht auf den persönlichen Raum der anderen, kommen mir immer sehr nahe und berühren mich völlig unbewusst und gleichgültig. Ich empfinde das als Angriff und als Ignoranz, auch wenn es bei vielen nicht so sein mag. Es ist unerträglich.
Manchmal warte ich auf den nächsten oder übernächsten Zug, da ich diese dauerhafte und direkte Nähe und die vielen Reize nicht aushalte. Aus verschiedenen Gründen bin ich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen und lege sehr großen Wert auf Pünktlichkeit, weshalb ich dann doch oft Overloads und Panikattacken riskieren und genügend Zeit einplanen muss.

Leider fehlt vielen das Bewusstsein für diese und ähnliche Schwierigkeiten, oder die Akzeptanz, dass etwas unsichtbares wirklich existiert und nicht nur Einbildung oder Übertreibung ist. Sätze wie „Reiß dich zusammen“, „stell dich nicht so an“ oder „sei nicht so empfindlich“ bekam ich dabei schon oft zu hören. Zu einem offensichtlich behinderten Menschen, würde man das nicht sagen. Deshalb freut es mich umso mehr, wenn man mich ernst nimmt und mir glaubt, auch wenn es vielleicht nicht ganz nachvollziehbar ist.

Was die Barrierefreiheit betrifft, könnte es so einfach sein. Schon kleine Anpassungen, wie gedämmte Lichter, ordentlich sortierte Waren, keine Musik, Signaltöne, die nicht in den Ohren stechen und etwas weniger Tempo, würden einen großen Beitrag zur Barrierefreiheit leisten. In England und Irland beispielsweise, gibt es in einigen Supermärkten bereits das sogenannte„sensory-friendly shopping“. Einmal in der Woche werden für einige Stunden sämtliche Reize gedämmt, sodass gerade autistische Menschen weniger Probleme haben. Ich bin mir sicher, dass es auch vielen anderen Menschen, die Probleme mit der Reizverarbeitung haben, den Alltag erleichtern würde.

Wie man das Vertrauen eines Vogels gewinnt

Du kommst auf mich zu. Bedrohlich, unerwartet, unbekannt. Ich bin wie ein verschrecktes Tier. Eine falsche Bewegung und ich bin verschwunden. Ziehe mich zurück, wie eine Schnecke in ihr Haus. Ich entferne mich von dir, um mich nicht zu verlieren.

Doch du folgst. Je näher du mir kommst, desto weiter entfernst du dich. Merkst du das denn nicht? Es tut weh. Mir tut es weh. Denn jede Nähe ist ein Raub an mir selbst. An meiner Kraft, an meinem Ich. Du berührst mich und ich bin nicht mehr da. Schließe die Welt aus. Andernfalls würde ich unter dem Druck zugrunde gehen.

Trittst du einen Schritt zurück und wartest eine Weile, wage ich einen Blick hinaus. Noch ein Weilchen, es muss sicher sein. Meine Blase ist zerplatzt, erstochen von deinem Versuch, mir nahe zu sein und ich muss erst eine neue bauen um mich da draußen sicher zu fühlen. Du weißt ja nicht, wie viel Aufwand es ist, so eine Blase zu bauen.

Ich komme heraus, passe auf, bin mein eigener Wachhund, bereit beim kleinsten Anzeichen der Gefahr wieder zu verschwinden.

Setze mich nicht unter Druck, sei geduldig und erwarte nicht. Bleibe still, sei einfach da und strecke die Hand aus, aber bedrohe mich nicht. Ich vertraue, sobald ich bereit bin und werde ein treuer Gefährte sein.

Es kann lange dauern, oder vielleicht nie geschehen. Aber vergiss nicht, dass jede falsche Bewegung den Vogel verscheucht. Und wer weiß, ob er je wiederkommen wird.

Wattenebelflucht

Manchmal, wenn es kaum noch auszuhalten ist, wenn alles zu viel wird und mein System versagt, wenn ich von der Flut aus Reizen und Gefühlen überschwemmt werde und der Druck im Innern immer größer wird, dann bleiben nur Kampf, Starre oder Flucht. Flucht in den Wattenebel.

Im Overload (Reizüberflutung) reicht meist eine physische Flucht, nach Hause, in eine ruhige Ecke, zu den Toiletten, Hauptsache weg, dunkel, still. Wenn ich nicht fliehen kann, muss ich kämpfen. Eine unkontrollierbare, selbstzerstörerische Gewalt zerfrisst mich erst innerlich und platzt schließlich mit voller Kraft heraus,versucht das Chaos zu bändigen und erzeugt dabei selbst welches. Es ist kein Wutausbruch, kein Trotz und auch keine Aggression, es ist der Druck, die pure Verzweiflung und Hilflosigkeit in einer unfassbar überwältigenden Situation. Wenn ich nicht kämpfen kann, bleibt nur noch der Rückzug in mich selbst. Ich erstarre, schalte ab, verziehe mich in eine betäubte Hülle.

Mein Körper löst sich auf und scheint in den Raum hineinzuschweben. Das Taubheitsgefühl wandert hindurch, vom Kopf ausgehend. Ich spüre keine Grenzen mehr, kann nicht sagen, wo ich ende und die Welt anfängt. Ein Gefühl wie in Watte gepackt und von Nebel umhüllt. Aber nicht so schön, wie man es sich vielleicht vorstellt. Durch den dämpfenden Wattenebelschleier nimmt mein betäubtes Ich die dumpf-rauschende Umgebung wahr. Sie wirkt nicht real, ich bin weit entfernt und scheine sie nicht zu erreichen, als sei ich geschrumpf, in mich hinein geschrumpft, verzerrt und unwirklich. Ich beobachte das Weltspiel distanziert von innen und gleichzeitig von überall. Wenn ich versuche danach zu greifen, wirkt es wie im Traum. Ich renne und komme doch nicht vom Fleck, jede einzelne Handlung wirkt so fremd und ist mir auf eine urkomische Weise gleichgültig.

Diesen Zustand kenne ich gut und in unterschiedlichem Ausmaß. Er zeigt mir, dass ich mich übernommen habe, zu viel Stress ausgesetzt war, oder eine akute Stresssituation nicht bewältigen kann. Er ist die Endphase kurz vor „jetzt geht gar nichts mehr“. Der Akku steht auf null und ich fahre herunter, werde langsam. Manche nennen es Derealisation, andere Dissoziation, aber ich nenne es Wattenebel, ich fühle mich wattig und weit weg von meiner Umwelt. Eigentlich ist es eine Schutzreaktion um stressige Situationen zu überleben, doch es ist beängstigend und ich weiß oft nicht wie ich wieder dort heraus komme.

Auch meine Gedanken sind wie taub, die Bilder verstecken sich hinter den Watteschleiern und es fällt mir schwer mit meinem Mund, den ich kaum noch spüre, Wörter zu formen. Spricht man mich an, antwortet meine Hülle, ich selbst bin längst nicht mehr da, habe mich ausgeklinkt.

Es kann Tage dauern, oder auch nur ein paar Stunden. Das hängt von den Umständen ab. Ich muss mich erden, muss meinen Körper wiederfinden und klar werden. Solch ein Not-Aus, ein Rückzug in mich selbst, scheint in gewissen Zeitabständen lebensnotwendig zu sein, denn je weiter ich mich von meiner Umwelt distanziere, desto eher finde ich wieder zu mir selbst und kann endlich wieder aufwachen und handeln.