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Am Abgrund

Ich lebe noch und das habe ich vor allem einigen ganz tollen Menschen zu verdanken. Seit Anfang Mai wohne ich vorübergehend bei einer Freundin. Bei meiner besten Freundin und anderen ganz wunderbaren Lieblingsmenschen in der WG. Dieses Umfeld tut mir unglaublich gut und ich bin unendlich dankbar, dass ich dort sein darf, dass sie mich in der schwierigsten Zeit auffangen und unterstützen.

Ganz plötzlich lag ich in meinem Zimmer auf dem Boden, meine Beine waren kraftlos und sackten unter mir ein. Ich konnte mich nicht bewegen, fühlte einen riesigen Abgrund in mir aufgehen und wollte eigentlich nur sterben. Einen konkreten Auslöser gab es nicht, aber wie sich herausstellte, liegt es wohl an meiner Überforderung. An der chronischen Überlastung, die ein Leben als funktionierendes, angepasstes Maskenwesen mit sich bringt. Die Jahre der Kompensation haben zugeschlagen  und mich wieder an den Abgrund gedrängt. Ich wusste, dass ich jetzt trotz des großen Wunsches, mich von der Welt zu trennen, nicht alleine sein sollte.

Das geht nun schon über einen Monat so. Ich habe immer wieder Zusammenbrüche, Overloads und Panikattacken, ziehe mich mal gewollt und mal ungewollt zurück und kämpfe mich mit aller Mühe durch den Alltag. Ich fühle alles und gleichzeitig nichts und schließe bei Gefahr alle Emotionen, zu einem Gefühlsklotz gebündelt aus, weil ich sie nicht sortieren kann. Dann ist mir alles egal und kommt mir unglaublich sinnlos vor. Und wenn ich dann mal weiß, was ich fühle, kann ich es nicht zeigen. Es ist doch einfach nur frustrierend.

Fast jeden Tag habe ich Suizidgedanken, denke daran wie es wäre nicht mehr hier zu sein, diese ganze Anstrengung nicht mehr ertragen zu müssen. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ehrlich gesagt finde ich den Gedanken beruhigend und belebend, immer diesen einen Notfallplan zu haben. Und ich weiß ja, dass es nie aufhört, dass es immer anstrengend bleiben wird. Es bleibt ein ständiger Kampf gegen die emotionale Überlastung, die Anstrengung und die unerträgliche Angst in beinahe jeder Situation. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, mich jemals irgendwie an diese Dauerbelastung gewöhnen zu können oder sie loszuwerden. Ich denke immer, niemand sieht, wie sehr mich die einfachsten Situationen anstrengen, wie ich jede Minute kämpfen und sortieren muss und wie groß meine Angst ist, die ich nicht richtig ausdrücken kann. Angst, die mich oft komplett erstarren lässt, meinen Körper, meine Sprache und meine Gedanken einfriert. Und ich weiß, dass es nur wenige Menschen gibt, die das sehen und nachvollziehen können, die sich die Mühe machen und auf andere Kommunikationsarten einlassen. Ich kenne kaum Situationen, in denen ich keine Angst spüre und befinde mich seit Wochen an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr aushalte und aushalten möchte.

Die Gedanken an Selbstmord sind an manchen Tagen sehr konkret. Ich hatte begonnen zu recherchieren und zu planen und weiß, dass das eigentlich der Zeitpunkt ist, an dem ich in eine Klinik sollte, doch ich weiß auch, wie es dort läuft. Ich habe Familienmitglieder, die viel Zeit in Psychiatrien verbracht haben und ich war selbst schon viel zu oft dort, wenn auch nur als Besucher. Ich weiß, dass ich dort nicht gesund werden würde, dass man auf meine Bedürfnisse keine Rücksicht nimmt, mich mit Medikamenten ruhig stellt und in Therapiegruppen zur Beschäftigung absetzt. Das hatte mir auch die unfreundliche und inkompetente Psychiaterin vorgeschlagen, die ich in völliger Verzweiflung und nach langem Von-Termin-zu-Termin-Rennen um Hilfe bat. Ich brach schließlich in ihrem Treppenhaus zusammen.

Jetzt befinde ich mich am Ende meiner Kräfte, aber auch am Ende meines Studiums und in der größten Schreibblockade meines bisherigen Lebens. Das Thema Bachelorarbeit triggert mich, ich schaffe es nicht weiter zu schreiben und selbst beim Gedanken an die bevorstehenden Prüfungen, fahren meine Mauern schon wieder hoch. Es ist nicht der Inhalt, der mir Probleme bereitet, es ist die Schwierigkeit, mehrere Dinge parallel laufen zu haben und beachten zu müssen. In Fachkreisen würde man sagen, ich habe ein Problem mit den Exekutivfunktionen. Wenn die Umgebung stimmt und ich mich um nichts anderes kümmern müsste, als um die Bachelorarbeit, würde es sehr wahrscheinlich funktionieren. Jedenfalls sobald ich aus dem Depressionsloch raus bin. Aber so erscheint mir alles wie ein unüberschaubarer Haufen von Aufgaben und Handlungen, die keinen Anfang und kein Ende haben. Ohne Wegweiser und Anleitung bin ich aufgeschmissen.

Lange Zeit habe ich kompensiert und funktioniert. Das kostete mich viel Kraft. Kraft die ich gerade nicht habe. Ich lebe im Energiesparmodus und kann keine Erwartungen mehr erfüllen. Auch nicht meine eigenen. Gedanken sind erschöpfend, aber der Grübelstrudel lässt mir keine Ruhe. Ich muss trotzdem durch den Alltag kommen und so verbrauche ich täglich Reserveenergie, die ich eigentlich nicht habe, um aufzustehen, zu essen, zu kommunizieren und einfach wach und anwesend zu sein. Ich bin in meinen basalen Funktionen dermaßen eingeschränkt, dass ich ohne die Hilfe meines Umfeldes nicht klar käme. Würde ich auf mein natürliches Verhalten hören, würde ich mich komplett einigeln und den ganzen Tag verschlafen. Dass das zu nichts führt weiß ich, aber ich kann einfach nicht mehr.

Ich habe das Gefühl, jemanden zu brauchen, der mir sagt, was ich tun muss. Eine Person, die mir Impulse gibt und vorübergehend die Führung übernimmt, die um meine Besonderheiten weiß und mir hilft, Struktur und Ansätze zu finden. Jemanden, der mich „an der Hand nimmt“ und Schritt für Schritt weiterführt. Das klingt im ersten Moment wahrscheinlich sehr befremdlich, aber es würde mir zurzeit wirklich helfen. Für mich ist es sehr frustrierend, solche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen und einfache Alltagshandlungen nicht ohne weiteres geregelt zu bekommen. Meine Handlungsplanung kann ich sprichwörtlich „in die Tonne treten“. Ich sehe beispielsweise den vollen Müll, die Säcke und das überquellende Altpapier. Ich weiß, dass das Zeug raus muss. Aber ich brauche jemanden, der mir genau zeigt wohin, wie die Tonnen aufgehen (die sind in der WG anders als bei mir zu Hause) und das in kleinen Einzelschritten. Ja ich könnte es theoretisch auch selbst herausfinden. Wenn ich wie sonst funktionieren würde, könnte ich herunterlaufen und nachschauen. Es hört sich absurd an und ich weiß nicht warum es nicht geht, aber es geht nicht.
Ich bin froh, dass immerhin die routinierten Abläufe noch einigermaßen funktionieren. Doch für alles andere brauche ich Unmengen an Energie, die ich gerade kaum noch aufbringen kann.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, in der mir meine Mutter noch alles ganz genau und praktisch erklären musste. Wie ein Kleinkind, das an die Hand genommen werden muss, weil es alleine sehr wahrscheinlich vor ein Auto rennen würde.

Es ist für mein Umfeld sicherlich nicht einfach und nicht so leicht nachvollziehbar. Für mich ist es der größte Schritt, zu akzeptieren, dass ich diese Hilfe brauche, um hoffentlich bald wieder in meinem Maße funktionieren zu können. Diese Hilfe zu bekommen ist jedoch nicht so einfach. Lösungen bleiben Theorie und man erwartet, dass ich die Initiative ergreife und möglichst bald wieder „normal“ funktioniere. Dass das eine der größten Hürden momentan ist, wird nicht verstanden. Immer wieder heißt es „rufen Sie dort an“, „lassen Sie sich dort beraten“, „gehen Sie“, „machen Sie“. Anstatt aktiv zu helfen, werden mir weitere Berge in den Weg geschoben.

Zu dem ganzen Chaos kommt noch meine ständige Sorge hinzu, für mein Umfeld eine Belastung zu sein. Ich weiß, dass ich anstrengend sein kann und andere auch ihre Sorgen und Nöte haben. Ich würde mich am liebsten jeden Tag versichern, dass es okay ist, wenn ich dort bin und würde vermutlich jeden Tag die gleiche Frage stellen. Mir wurde versichert, dass man es mir auf jeden Fall sagt, wenn ich störe und das glaube ich auch, aber ich habe immer wieder diese Schuldgefühle, alle zu nerven, etwas falsch zu machen oder gemacht zu haben oder die falschen Worte gewählt zu haben. Es ist nicht einfach diese Gefühle und Gedanken abzulegen, wenn man die meiste Zeit seines Lebens vermittelt bekam, nicht richtig zu sein. Hinzu kommt, dass ich Mimiken oft nicht richtig deute und bei der kleinsten Anspannung denke, mein Gegenüber ist wütend. Dass ich daran in den meisten Fällen nicht schuld bin und es oft nicht mal Wut ist, weiß ich inzwischen, aber die Information kommt bei mir anders an.

Dieses Gefühl, nicht richtig zu sein, vermitteln mir momentan mein Vater und mein Bruder, für die es so etwas wie Depressionen, Autismus oder andere seelische Behinderungen nicht gibt. Oder sie wollen sich nicht damit beschäftigen. Für sie zählt Arbeit und das Funktionieren in einer Leistungsgesellschaft. Wer nicht arbeitet und sich von Therapeuten helfen lässt, ist nach ihrer Ansicht nach faul, gegen die Gesellschaft und benutzt psychische Krankheiten nur als Ausrede. Ich denke eher, die Auseinandersetzung mit diesem Thema übersteigt ihre intellektuellen Fähigkeiten. Vielleicht ist es auch Selbstschutz. Aber das ist ein anderes Thema. Man darf ja Meinungen haben.

Ich habe großes Glück in dieser WG sein zu dürfen und diese eine beste Freundin zu haben, die meine Schwierigkeiten sieht, die mich sieht und versteht, die auch in den schwierigsten Zeiten zu mir hält, die mein Verhalten oft richtig interpretieren, ertragen und sogar wertschätzen kann, die für mich herum telefoniert, mich in meinen verletzlichsten Momenten schützt und einen Teil der Last trägt. Ohne sie würde ich das alles vermutlich nicht schaffen.

Danke, dass Du das alles für mich tust, dass Du dir die Mühe machst und für mich stark bist, wenn ich es nicht kann, dass Du mit mir versuchst Wege zu finden und zu gehen. Menschen wie Du sind das beste Geschenk, das einem das Leben machen kann.

Ausgenutzt und ausgelacht – Meine Erlebnisse mit Ironie, Sarkasmus und sozialer Naivität

Wie ein undichtes Gefäß versuche ich mich zusammenzuhalten. Der gleichmäßige Takt meiner Schritte in Richtung zu Hause bringt Ruhe in mein aufgewühltes Inneres. Wenn ich laufe, entspanne ich. Man hat mir wehgetan und der Schmerz bahnt sich seinen zerstörerischen Weg. Meine Augen werden nass und mit jedem Schritt wird der Kampf größer. Bald sind die Löcher zu groß und zu undicht. Es geschah unbewusst, wahrscheinlich, aber die Löcher lassen alles durch. Sowohl hinein, als auch hinaus. Ich fühle mich in meine Schulzeit zurückversetzt, in die schlimmste Zeit meines Lebens. Es ist nicht einfach, sensibel in einer unsensiblen Welt zu sein, anders zu denken und wahrzunehmen, als die Mehrheit und immer aufpassen zu müssen, dass ich nicht wieder getäuscht und zur Belustigung der Allgemeinheit missbraucht werde.

Ich habe schlimme Dinge erlebt, Gewalt, Schikane, Ausgrenzung und das ständige Gefühl, alles rauscht an mir vorbei, jahrelang. Ein Gefühl, nicht dazuzugehören, unter Menschen einsam und weit weg zu sein, während andere auf unerklärliche, unsichtbare Weise miteinander kommunizieren. Ich wurde ständig verarscht und auf Kosten meines Selbstvertrauens, machte man sich regelmäßig über meine soziale Naivität lustig.

Ich verstehe Dinge wörtlich und gehe grundsätzlich davon aus, dass Menschen meinen, was sie sagen. Ironie und Sarkasmus, zwei Fremdsprachen, die ich bis heute nur in wenigen Situationen ansatzweise beherrsche. Inzwischen bin ich zwar vorsichtiger geworden, doch es passiert mir weiterhin, dass sich Menschen amüsieren, wenn ich etwas ganz wörtlich nehme, oder es nicht schaffe, „zwischen den Zeilen“ zu lesen und mich vor allen blamiere.

Es spielt keine Rolle, ob es in böser Absicht, als freundschaftliche Neckerei oder völlig unbewusst geschieht. Es ist sehr verletzend und verwirrend. Ich komme mir extrem naiv und dumm vor und weiß doch ganz sicher, dass ich es nicht bin. Ich verarbeite Sprache anders und kann mir oft nicht vorstellen, was mein Gegenüber denkt, weiß oder meint (Fachleute nennen es „Theory of Mind“, die Fähigkeit, sich Vorstellungen über das Innenleben, die Gedanken und Absichten, aber auch das Wissen einer anderen Person machen zu können).

Ich bin nicht langsam, es ist auch nicht niedlich, nicht lustig, keine Kleinigkeit und ich bin auch nicht zu sensibel. Meine andere Denkweise wird zur Belustigung ausgenutzt und ich weiß nicht, wie ich mich davor schützen kann, außer aufzuklären.

Mein Leben lang haben mir Menschen Geschichten vorgelogen, haben mir falsche Informationen gegeben, waren absichtlich ironisch und beobachteten daraufhin mein Verhalten, um anschließend darüber zu lachen und sich auszulassen, weil sie genau wussten, ich glaube es. Noch heute hallt der Satz meiner Mutter immer wieder nach „glaub doch nicht immer alles, was man dir sagt.“ Aber so einfach ist das nicht.

Ich glaube es, weil die Welt für mich ein verwirrender Ort ist, in dem ich in jeder Sekunde versuche sinnvolle Verbindungen zwischen den ganzen Wahrnehmungen zu knüpfen und alles erst einmal aufnehme um irgendwo wenigstens ein bisschen Halt zu finden. Ich kann nicht vorher aussortieren und sagen „das war ernst gemeint, das war nicht ernst gemeint, das ist wichtig, das ist unwichtig“. Diese Vorsortierung funktioniert bei mir nicht und so würde ich einer Person auch anfangs glauben, wenn sie mir beispielsweise erzählt, dass man die Hausarbeit in Fach X/Y auf grünem, statt weißem Papier drucken muss. Ich würde den Sinn im ersten Moment zwar nicht finden, aber es ergibt sowieso so weniges in meiner Umgebung Sinn, dass ich diese Vorschrift als eine weitere sinnlose Regel auffassen würde. Erst später, wenn ich Ruhe und Zeit zur Verarbeitung und Analyse der Situationen habe, kann ich die Dinge hinterfragen und in manchen Fällen erkennen, dass es sich um Ironie handelte.

Dann schlägt die Erkenntnis wie eine Abrissbirne ein und ich würde am liebsten im Erdboden versinken. Weg von allem und jedem. Aufhören zu existieren, weil es mir so peinlich ist, weil es so weh tut und das Vertrauen in Menschen immer wieder aufs neue bricht.

April April, ich sag was ich will!

Die Gedanken rasen. Ein knisterndes Knäuel, schnell springend im überfüllten Schädel und ich kann keinen einzigen Faden richtig fassen. Ich möchte am liebsten alles auf einmal auskotzen. Buntes Gedankenkotzen, alles raus und dann sortieren: wichtig-unwichtig-was ist das denn? So wie ich es mit vielen meiner Dinge mache. Leider geht das nicht. Okay vielleicht ein bisschen, indem ich hier schreibe, aber egal wo ich anfange und wie weit ich komme, es wird nicht weniger und es kommt ja ständig Neues hinzu.

In letzter Zeit ist viel passiert. Ich merke das erste Mal so richtig, dass ich Fortschritte mache. Nicht nur theoretisch oder vom Feedback der anderen. Nein, ich merke es an mir selbst, wie ich teilhabe, mich ausdrücke und nicht mehr alles für mich behalte oder zu verstecken versuche. Gleich mit einem Ausbruch. „Back to the roots“ sozusagen, denn zu meiner Schulzeit war ich bekannt dafür, meine Meinung zu äußern, Lehrer zu korrigieren, mich für Gerechtigkeit einzusetzen und damit ständig anzuecken. Ich unterdrückte es, bis ich es verlernte. Bis ich so große Angst davor entwickelte, wieder gedemütigt, geschlagen und ausgeschlossen zu werden. Ich konnte nur überleben, indem ich den Drang nach Richtigkeit unterdrückte und versuchte mein Innerstes, mein wahres Ich vor der Außenwelt zu verstecken. Mir war nicht bewusst, dass ich mich damit gleichzeitig schützte und mir schadete. Umso glücklicher bin ich, dass ich anscheinend gerade so gut drauf bin, diesen Schritt wagen zu können und mich auch in Vorlesungen und Seminaren immer mehr mitzuteilen, ohne Gefahr zu laufen, für meine Art wieder gemobbt zu werden. Ich mache das eben so, selbst wenn es manche ganz offensichtlich nervt, dass ich klischeehaft pedantisch auf korrekte Begrifflichkeiten und Informationen bestehe und Dozenten auf Fehler aufmerksam mache, besonders wenn es um meine Interessen geht. Ich habe lange genug geschwiegen. Jetzt bin ich an der Reihe.

Doch es ist gar nicht so einfach, besonders wenn die Sprache in den wichtigen Momenten so oft versagt. Mir ist Aufklärung enorm wichtig und ich habe manchmal so viele Ideen und Anliegen im Kopf, dass ich damit völlig überfordert bin und schließlich zu nichts komme oder befürchte, jeden Augenblick zu „platzen“. Das wäre schlecht. Nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für das eigentliche Ziel. Wie kann ich mir sicher sein, dass meine Gedanken zu Worten werden, die nachvollziehbar sind? Dass sie so verstanden werden, wie ich es meine und dass sie zum richtigen Zeitpunkt ausgesprochen und gehört werden? Ich habe das Gefühl, dass mir die Welt davon rennt. Ich suche nach einem Ansatz und sobald ich einen in Sichtweite habe, ist er schon nicht mehr erreichbar oder jemand kommt mir zuvor und nimmt mir die Stimme. Die Chance ist schneller vertan als ich „Gedankenkotze“ denken kann.

Ich meine das jetzt vor allem im erweiterten Sinne, denn manchmal kann es mir auch helfen, wenn ich den Impuls eines anderen aufnehme und so ins Sprechen komme. Wenn sozusagen die Hürde von Innen nach Außen übernommen wird. Das ist hilfreich, solange ich dann auch frei für mich sprechen darf, solange niemand ohne meine Erlaubnis für mich spricht.

Es gibt allerdings auch Organisationen und Personen, die Menschen wie mir die Stimme nehmen und sogar vor uns warnen. Organisationen, die Autismus ausrotten wollen. Eine Sache, die mich und viele andere Autist*innen nicht nur im April, dem „Autism Acceptance Month“ beschäftigt. Wie schafft man sich als Minderheit eine Stimme, die auch gehört und nicht von Vereinen wie Autism Speaks unterdrückt und übertönt wird? Obwohl es so oft heißt „Sprecht MIT Autisten, nicht ÜBER sie“, scheitert diese Idee immer noch bei der Umsetzung. Nicht überall, aber gerade dort, wo es so wichtig wäre, wo Inklusion besprochen, aber nicht ausreichend umgesetzt wird. Es gibt viele Blogger die darüber berichten und ich möchte dieses so oft diskutierte Thema hier nicht ein weiteres Mal in seinem ganzen Umfang ausbreiten, zumal ich jetzt schon kräftemäßig am Ende bin (dabei hat der April gerade erst angefangen). Aber ich möchte zum Ausdruck bringen, dass es ohne Ausnahme notwendig ist, mit autistischen Menschen zu sprechen, zu fragen und zuzuhören, was sie zu sagen oder zu schreiben haben, wenn man sie verstehen und in ihrem Kampf für Selbstbestimmung unterstützen möchte.

Die Welt ist Klang

»Musik ist ein Teil des schwingenden Weltalls.«

Ferruccio Busoni, 1866-1924, italienischer Komponist und Pianist

Inspiriert durch eine kürzliche Vorlesung zur Musiktherapie, möchte ich diesem wichtigen Lebensbereich einen ganz eigenen Beitrag widmen.

Dazu muss ich ganz zurück, zum Beginn meines Lebens, denn die Begeisterung für Klang und Instrumente fing bei mir schon sehr früh an. Ich kann meinen Eltern in vielerlei Hinsicht dankbar sein, doch ganz besonders dafür, dass sie mich so früh mit der Musik bekannt gemacht haben, bzw. mein Interesse daran ernst nahmen und mich bestmöglich förderten. Mein ganzes Umfeld bestand schon von klein auf aus Musik. Meine Mutter spielte Gitarre und sang mit mir, mein Vater übte auf dem Keyboard und als ich selbst spielen und singen konnte, musizierten wir gemeinsam. Bereits mit zweieinhalb Jahren begann ich auf dem Keyboard meines Vaters Melodien nachzuspielen. Immer wieder kommt ein neuer Frühling. Immer wieder. Ich übte täglich, ehrgeizig und ganz von der Musik eingenommen.

Von Aufnahmen, Aufschrieben und aus Erzählungen weiß ich, dass ich damals einen sehr melodischen Sprachstil hatte. Meine Sprache war Gesang. Ein Auf und Ab an bunten Tönen, die ich auf dem schwarz-weißen Tastentier wiederfand. Fasziniert von dieser „unsichtbaren“ Welt, konnte ich bald alle meine Lieblingslieder nachspielen und -singen. Im Kindergarten ergatterte ich sogar die Hauptrolle in einem Musical. Mit acht Jahren nahm ich schließlich wöchentlich Klavierunterricht und bekam kurz darauf eines der größten Geschenke meines Lebens. Ein eigenes Klavier. Genau genommen ein Clavinova von Yamaha. Ich habe es heute noch und würde es für nichts auf der Welt hergeben. In keinem anderen Gegenstand stecken so viele Erinnerungen. Ich würde sogar sagen, dass es über die Jahre wie ein Freund geworden ist, mit dem ich ganz ohne Worte kommunizieren kann. Sobald ich spiele, gibt es nur noch das Klavier und mich. Die Umwelt, die Gedanken, die Schmerzen, all das blende ich nach kurzer Zeit aus.

Ein Freund wurde wenige Jahre später auch die Gitarre. Auf der Gitarre meiner Mutter, die sie selbst bereits als Kind spielte, lernte ich autodidaktisch innerhalb weniger Jahre auf einem Niveau zu spielen, das meiner Meinung nach immerhin für Lagerfeuer und Begleitung reicht. Mein Interesse an Musikinstrumenten und am Gesang wuchs mit der Zeit und so kamen über die Jahre noch einige Flötenarten, Percussion und Geige hinzu. Für letztere nahm ich jedoch nur etwa drei Monate Unterricht. Lange Zeit hatte ich die Angewohnheit ständig und fast überall zu singen, manchmal auch zu Zeiten, die den Nachbarn ganz und gar nicht gefielen. Es macht mich einfach glücklich und entspannt. So sang ich mich von klein auf durch die Schulzeit bis ins Studium hinein durch das Leben, nahm an Chor und Musikprojekten teil und wurde sogar an einer Musicalschule angenommen, die ich aus verschiedenen Gründen letztendlich doch nicht besuchte.

Der wohl wesentlichste Grund, warum die Musik für mich so wichtig wurde, ist der direkte Zugang zu meinen Emotionen, den ich durch sie habe. Sie ist Ausdruck und Eindruck zugleich. Mit ihrer Hilfe kann ich herausholen, was von alleine nicht herauskommen kann. Ich stelle mir das wie ein Gefäß vor, welches sich immer mehr mit Gefühlen und Reizen füllt. Wenn es voll ist und noch mehr hinzu kommt, läuft es über, ich explodiere. Overload – Boom – Meltdown. Doch mit Musik kann ich einen Teil davon frühzeitig herauslassen und mir meiner Gefühle bewusst werden. Die Musik ist für mich ein Tor zu einer Welt, die ich ohne Weiteres nicht erreichen könnte. Es gibt jedoch auch Momente, da bin ich akustisch so überreizt, dass mir selbst meine Lieblingsmusik zu viel ist und ich absolute Stille brauche.

Sie schützt mich auch vor der Welt. Vor den ganzen Eindrücken da draußen. Sobald ich das Haus verlasse, höre ich vertraute Musik um ein bisschen Heimat dabei zu haben, mich sicherer zu fühlen und die meist unerträgliche Geräuschkulisse auszublenden. Ich tauche ab, in meine Musikblase.

Dabei höre ich gerne passende Musik. Wenn ich traurig bin melancholische Lieder, wenn ich fröhlich bin beschwingende. Es ist fast ein Spiel geworden, für verschiedene Situationen, Umgebungen und Atmosphären die passende Playlist zusammenzustellen und voll darin aufzugehen.

Eine Besonderheit, die vermutlich nur wenige nachvollziehen können, ist meine synästhetische Wahrnehmung im Bereich der Klänge und Musik. Eine Synästhesie ist immer eine Verschmelzung mehrerer Sinneseindrücke in der Verarbeitung. Ich höre einen Ton und kann diesen Ton in meinem Körper und im Raum spüren. Andere sehen dabei Farben, oder schmecken etwas. Es ist garnicht so leicht, dieses intuitive Empfinden zu beschreiben. Ein aus dem Nichts entstehendes Richtungsgefühl, ein Kribbeln im ganzen Körper. Ein sehnsüchtiges Drängen zu einem Ziel, das überall und nirgendwo ist. Vielleicht kann man es sich wie kurz vor einem Wettlauf vorstellen. Auf die Plätze… fertig….hoch, runter, vorwärts, rückwärts, hin und her… mein Körper, jede Zelle richtet sich aus, schwingt, wie magnetisiert im Kraftfeld der Musik.

Aber wahrscheinlich kommt diese Beschreibung nicht einmal annähernd an die Empfindung heran, die ich habe, wenn ich mich ganz der Welt der Musik hingebe.

Als ich im Seminar da auf dem Boden lag und mehrere Minuten lang dem Klang des Monochords lauschte, lösten sich meine Grenzen auf. So hört sich für mich die Sonne an, wie ein Cis, dachte ich und spürte förmlich, wie ich mich in jedem Moment auf der Erde, im Universum, überall und nirgendwo befand. Es war ein unglaublich mächtiges, bewegendes und nachwirkend entspannendes Erlebnis.

Hilfsmittel im Alltag

Es hat lange gedauert, bis ich herausfand, welche Situationen mich wie beeinflussen, wie sie auf mein Stresslevel wirken und wann es Zeit wird, mich zurückzuziehen. Viel Stress lässt sich dadurch vermeiden, dass ich mich gewissen Situationen einfach nicht mehr aussetze. So zwinge ich mich zum Beispiel nicht mehr unnötig in reizintensive Situationen und achte mehr darauf, mich nicht zu übernehmen. Erst seit mir bewusst ist, was diesen Stress auslöst, kann ich aktiv eingreifen. Es gibt aber auch Momente, da kann ich nicht einfach gehen oder ganz wegbleiben. Zum Beispiel in der Uni, oder wenn ich in der Bahn unterwegs bin. Es gibt Situationen, da ist eine Flucht unmöglich und der Overload quasi vorprogrammiert. Jedoch kann ich solchen Overloads oft mit gewissen Hilfsmitteln entgegenwirken. Es sind meist Kleinigkeiten, die mir den Alltag erleichtern und mein Stresslevel senken können. Ich möchte ein paar dieser Hilfsmittel hier beschreiben und vielleicht dienen sie dem ein oder anderen ja als Anregung.

Gewichtsdecke

Im Januar hatte ich vorlesungsfrei und neben ein paar Hausarbeiten Zeit, eigene Projekte anzugehen. So setzte ich endlich meinen Plan um, mir eine Gewichtsdecke selbst zu nähen, denn gekauft sind sie oft viel zu teuer. Gewichtsdecken und -westen lernte ich in meinen Praktika kennen. Ich durfte sie selbst ausprobieren und erinnerte mich, dass ich auch als Kind schon gerne schwere Gegenstände auf mir liegen hatte, enge Räume, wie Kisten und Schränke bevorzugte und mich bei jeder Gelegenheit in den Schlitz zwischen den Matratzen des Ehebettes meiner Eltern quetschte. Der Tiefendruck der dabei auf den Körper ausgeübt wird, wirkt beruhigend auf das Nervensystem und kann bei Nervosität, Schlafstörungen, Ängsten und noch vielen anderen Problemen helfen und therapeutisch eingesetzt werden. Viele dieser Probleme sind mir bekannt. Ich leide seit meiner Kindheit unter phasenweisen Ein- und Durchschlafstörungen und meine Eltern versuchten fast alles, diese in den Griff zu bekommen. Ich setzte meine Hoffnung auf diese Decke und nähte sie fast durchgehend, innerhalb einer Woche fertig. Sie wiegt etwa 18 kg und ist genau richtig für mich zum Schlafen, zum Runterkommen nach einem Overload, zum Erden, wenn ich mich „auflöse“, oder einfach zum Entspannen zwischendurch.

Eine Anleitung dazu gibt es hier: http://www.ruhrpottzwerge.de/2014/06/11/gewichtsdecke-ganz-einfach-selbstgemacht/

Smartphone

Seit Februar 2017, also erst seit etwas mehr als einem Monat, bin ich dazu übergegangen ein Smartphone zu benutzen. Da ich sowieso nicht gerne telefoniere und nur wenige Kontakte habe, genügte mir bisher immer ein altes Urzeit-Nokia. Alles in mir sträubte sich bei dem Gedanken, ein so großes Gerät mit so vielen überfordernden Funktionen mit mir herum zu schleppen. Inzwischen bereue ich es nicht, diesen Schritt und diese Veränderung gewagt zu haben. Ich fühle mich viel sicherer. Wenn ich unterwegs bin und mich verlaufe oder die Orientierung verliere, kann ich ganz einfach nachschauen oder Hilfe holen. Auch gibt es verschiedenste Apps, die mich beispielsweise daran erinnern zu trinken, mir helfen meinen Tag zu strukturieren und mich einfach ein bisschen mehr zu sortieren. Mit Spielen wie Blendoku (Farben logisch sortieren) oder Fluid Monkey (Farben malen) und dem mobilen Internetzugang, habe ich jetzt immer und überall die Möglichkeit aus stressigen Situationen zu „fliehen“, mich meinen Spezialinteressen zu widmen und mich so in akuten Overloads ein wenig zu erholen.

Stimmingtoys

Es gibt inzwischen eine große Vielfalt an Stimmingspielzeugen, die akut Stress abbauen und konzentrationsfördernd sein können. Natürlich „stimme“ ich auch mit meinem Körper, meinen Händen, mit meiner Umgebung und im Grunde kann fast alles für Stimming benutzt werden, aber ich finde es besonders gut, wenn es klein, praktisch und unauffällig ist.

Auf Platz eins ist daher mein „Tangle Therapy Jr.“ (gibt es bei Amazon). Es passt in meine Jackentasche, fühlt sich angenehm an und wirkt sofort. Ich kann meine Hände oft nicht still halten und es ist gerade dann hilfreich, wenn ich nervös bin oder mich konzentrieren muss. Ein Kugelschreiber, den ich hin und her flackern kann, tut es im Notfall aber auch.

Dann gibt es noch die intelligente Knete, die einen ähnlich beruhigenden Effekt hat, dabei in allen möglichen Farben schön anzusehen und in ihrer Verwendbarkeit sehr vielfältig ist. Man kann sie normal kneten, Blasen mit einem lauten Knall platzen lassen, sie wie Papier zerreißen oder wie einen Flummi springen lassen.

Was sehr unauffällig, aber super hilfreich ist: ein Haargummi am Handgelenk. Es ist günstig und in allen möglichen Formen und Farben zu finden. Ich kann es flitschen, ziehen, drehen, knoten, um die Finger oder Hand wickeln usw. und es hilft mir, zu fokusieren und besonders in Gesprächen aufmerksam zu bleiben.

Ein weiteres Gadget ist mein Duft-Ei. Es hilft ebenfalls zu fokusieren und schlechte Gerüche in der Umwelt auszublenden. Dazu habe ich Löcher in ein Ü-Ei gepiekst, es mit Watte gefüllt und ein paar Tropfen ätherisches Öl hinein gegeben. Ist schnell gemacht, einfach und wirksam.

Was mir auch gut gefällt, aber nicht so handlich ist, sind Glitzerflaschen. Ein super Stimmingtoy für visuelle Typen und einfach zu machen. Ich habe dazu eine Smoothieflasche aus Plastik gereinigt, das Etikett entfernt und anschließend eine ganze Flasche transparenten Flüssigkleber hineingefüllt. Danach gibt man ein paar Tropfen Lebensmittelfarbe und zwei bis drei Teelöffel feines Glitzerpulver (wahlweise) in verschiedenen Farben hinzu. Den Rest füllt man mit lauwarmem Wasser auf, verschließt es und schüttelt kräftig. Wirkt beruhigend und sieht schön aus.

Sonnenbrille und Ohrstöpsel

Weitere Lifesaver im Alltag, sind meine Sonnenbrille und Ohrstöpsel. Beim Einkaufen im lauten und hellen Supermark, an hellen Tagen oder in Räumen mit grellen Lichtern, in lauten Cafés oder auch einfach nur, wenn ich mal Ruhe brauche oder schlafen will. Sonnenbrille auf, Ohrstöpsel rein und manchmal auch noch Kapuze des Lieblingspullovers auf. So entsteht eine Hülle, die mich vor den ganzen Außenreizen ein bisschen schützt. Außerdem fällt es mit Sonnenbrille nicht so auf, wenn ich Menschen auf den Mund, statt in die Augen schaue. Es überrascht mich immer wieder, wie effektiv diese kleinen Veränderungen sein können und wie viel Energie ich dadurch über den Tag sparen kann. Ein lautes Café wirkt mit Ohrstöpseln beispielsweise nicht mehr so chaotisch und überwältigend. Mein Tunnelblick schwindet und ich kann den Raum wieder einigermaßen überblicken. Dank der Filter kann ich Gespräche trotzdem noch in geringerer Lautstärke hören, während die Umgebungsgeräusche gedämpft werden. Auch in den meist etwas lauteren Pausen und in der Mensa sind sie ständig in Gebrauch. Sie sind ein annehmbarer Ersatz für die Reizfilter, die ich nicht habe.

Musik und Bücher

Die Musik hat einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Leben und es gibt keinen Tag, an dem ich ohne meinen iPod aus dem Haus gehe. Ich liebe es in die verschiedenen Atmosphären abzutauchen, die passende Musik für meine Stimmung zu finden und meinen ganz eigenen Lebenssoundtrack zusammenzustellen. Dank meiner Synästhesie, kann ich Musik und Klang auch am und im Körper und Raum fühlen. Es ist schwer zu beschreiben, aber ein bisschen ist es so, als befände ich mich in einer Klangmasse, die mit meinen Zellen synchron zur Musik tanzt und mich mit dem Klangraum verbindet. Wenn ich selbst spiele, kann ich die Welt komplett ausblenden. Aus einem ähnlichen Grund nehme ich gerne Fachbücher über mein Spezialinteresse mit, wenn ich unterwegs bin. Beides bietet mir die Möglichkeit bei zu großer Überforderung abzuschalten, kann aber auch als Zugang zu meinen Emotionen dienen.

Trampolin

Mitten in meinem Zimmer steht ein kleines Trampolin. Dank der hohen Decken, kann ich hier nach Lust und Laune Energie loswerden, sportlich sein und gleichzeitig ruhiger werden. Durch den Wechsel der Kräfte, die auf den Körper wirken, spüre ich ihn anschließend viel besser. Ähnlich geht es mir nach dem Schwimmen. Ich fühle mich ganz angekommen und IN meinem Körper, kann meine Grenzen besser wahrnehmen. Außerdem eignet es sich neben der Musik hervorragend als Ventil für angestaute Wut oder Freude.

Das war eine kleine Auswahl an Hilfsmitteln, mit denen ich meinen Alltag etwas angenehmer gestalte. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wo die eigenen Grenzen liegen und wie man für sich selbst besser sorgt und es kann sogar richtig Spaß machen, nach solchen kleinen Helfern zu suchen und sie in den Alltag zu integrieren.

Psychotherapie und Autismus? – Wie meine Therapie zum Erfolg wurde

Um dem ganzen Ärger, der mir in letzter Zeit gehäuft begegnet, einmal positiv entgegenzuwirken, habe ich beschlossen über meine bisherigen Therapieerfolge zu berichten und zu zeigen, dass eine Psychotherapie zur Abwechslung auch mal gelingen kann.

Es gibt viele Therapiemöglichkeiten, für fast alle Probleme, die der Mensch mit seiner Psyche so haben kann. Dazu braucht es allerdings auch ausreichend gute Therapeut*innen, die sich die ganzen Probleme Tag für Tag anhören können, ohne dabei schon nach wenigen Sitzungen selbst therapeutische Hilfe zu benötigen. Ich schätze mich daher glücklich, an eine Therapeutin geraten zu sein, die sympathisch und fachlich kompetent und besonders auf Autismus bei Jugendlichen und Erwachsenen spezialisiert ist und deren Praxis nur wenige Gehminuten von mir entfernt liegt. Wenn man mal schaut, wie wenige echte Expert*innen es auf diesem Gebiet in Deutschland gibt, die gleichzeitig Psychotherapien anbieten und einen nicht schon beim ersten Treffen wieder heraus ekeln, ist das fast wie ein Sechser im Lotto.

Ich habe in den eineinhalb Jahren kognitiver Verhaltenstherapie hart an mir gearbeitet. Habe gelernt zu mir zu finden und stieß dabei mehrfach an meine Grenzen. Aber es hat sich gelohnt. Und ich hätte mir keine bessere Therapeutin dafür vorstellen können.

Ich bin ehrlich gesagt ohne große Erwartungen zum Erstgespräch gegangen, denn meine bisherigen Therapien hatten mich nicht weiter gebracht. Anfangs hatte ich Probleme eine Beziehung aufzubauen und Vertrauen zu fassen. Doch diese Frau begegnete mir mit so viel Verständnis und Akzeptanz, dass ich mich immer mehr öffnen konnte, ohne Angst haben zu müssen, dass irgendeine meiner Marotten oder Aussagen auf Unverständnis stößt oder verspottet wird. Völlig bedingungslos nahm sie mich ernst, validierte meine Gefühle und Ansichten, zeigte mir Möglichkeiten auf und half mir, meine Denkweise zu verstehen und so zu nutzen, dass der Alltag für mich stressfreier und lebenswerter wurde. Es waren manchmal nur kleine Impulse nötig, kleine Anregungen, die mich von meiner Eingleisigkeit wegbrachten und neue Wege offenbarten, die ich vorher nicht sehen konnte.

In den Sitzungen gingen wir meist sehr zielgerichtet vor, mit Beispielen und Übungen, ganz realitätsnah an aktuellen Problemen. Wir versuchten sie als Grundlage für ein allgemeines Verständnis zu nutzen. Es gelang uns sogar, einige der zurückliegenden Traumata zu bearbeiten. In regelmäßigen Gruppensitzungen konnte ich außerdem soziale Fähigkeiten lernen und mich mit anderen austauschen. Ich bekam die Möglichkeit alle Fragen zu stellen, die mich beschäftigten, bekam daraufhin direkt lösungsorientierte Antworten und selbst die Therapiemethoden wurden mir offengelegt. Da ich mich sehr für psychologische Themen interessiere und das Wissen auch in meinem Beruf relevant ist, begegneten wir uns bei Gelegenheit auf fachlicher Ebene. Es half mir sehr, dass sie mir jeden Schritt ausführlich erklärte und mit Visualisierungen, wie Plakaten, Zeichnungen, Tabellen usw. arbeitete. Sie eklärte mir das Verhalten der Menschen, die ich nicht verstand und die verschiedenen Arten der Kommunikation. Ich lernte durch Sehen und Verstehen, durch eine durchgehende Transparenz.

Die Bilanz überraschte mich, als wir in einer der letzten Sitzungen die bisherigen Erfolge zusammenfassten. Die positive Entwicklung kam so schleichend und nebenbei, dass ich sie fast übersehen hätte. Den Fortschritt zu verschriftlichen machte deutlich, wie viel ich bisher geleistet hatte. Auch meinem Umfeld sind diese Entwicklungen aufgefallen.

So habe ich zum Beispiel gelernt, besser für mich zu sorgen, meine Bedürfnisse, Grenzen, Stärken und Schwächen kennenzulernen und auch dafür einzustehen. Ich lernte, auch selbst Grenzen zu setzen, Hilfe anzunehmen und einzuholen und verstand, dass es okay ist Fehler zu machen, nicht allen Erwartungen zu entsprechen und einfach auch mal komisch zu sein. Das Wichtigste ist aber, dass ich mich selbst besser akzeptieren kann. Ich weiß jetzt, dass ich nicht falsch bin.

Außerdem lernte ich viele Methoden kennen, mit Stress besser umzugehen, entsprechende Situationen zu identifizieren und wenn nötig zu vermeiden. Denn nicht immer ist Konfrontation die beste Therapie.

Ich lernte jedoch auch, dass bestimmte Probleme immer vorhanden sein werden, da sie der Grundsymptomatik des Autismus entspringen. Ich werde mein Leben lang Probleme mit der Reizverarbeitung haben, werde weiterhin Ängste und Schwierigkeiten in der Kommunikation und im Zwischenmenschlichen haben und ich werde auch bis an mein Lebensende mit einem dauerhaft hohen Stresslevel und den Folgen leben müssen. Allerdings weiß ich jetzt besser damit umzugehen. Man gab mir „Werkzeuge“ dafür und vielleicht kann ich einige davon auch in meinem Beruf gebrauchen.

Meine Therapeutin hatte die ganze Zeit nicht ein einziges Mal versucht mich zu verbiegen. Das Ziel war nicht, dass ich mich anpasse, sondern dass ich mich selbst entfalte und mein Selbstwertgefühl stärke. Sie bestärkte mich in allem was mir wichtig und meiner Entwicklung förderlich war. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es ist leider nicht selbstverständlich, von einem Menschen wirklich gesehen zu werden.

Die Therapie geht weiter, ich bin gerade am Anfang und es bleiben noch einige Ziele offen, zum Beispiel die Sache mit der wiederkehrenden Depression und den Gefühlen. Der Prozess und das Lernen werden nie beendet und nicht einfach sein, doch ich bin zuversichtlich, dass auch das noch werden kann.

Warum ein Pinguin keine Giraffe werden kann

Wahrscheinlich wird das kein besonders netter Beitrag, ja vermutlich wird es einigen überhaupt nicht passen, doch mir ist es wichtig und ich wollte es schon lange los werden.

Als angehender Heilpädagoge habe ich die Chance das Thema Autismus von zweierlei Seiten zu betrachten. Doch es ist nicht immer ganz einfach, diese Perspektiven miteinander zu vereinen. Mein Studium ist zwar darauf ausgelegt, uns zu reflektierten und ganzheitlich arbeitenden Pädagogen auszubilden und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Pädagogen und Fachleute mit den besten Absichten handeln, jedoch stoße ich mich an einigen der uns vermittelten Methoden und Vorstellungen, wenn es darum geht, autistische Menschen zu begleiten und zu fördern.

Es gibt leider heute noch veraltete und falsche Ansichten darüber, was es bedeutet Autist zu sein. Keiner weiß das so genau, wie die betreffenden Menschen selbst, dennoch wird Wissen vermittelt, welches mit der Realität oft kaum etwas zu tun hat. In einigen Fällen ärgert es mich sogar, wenn nichtautistische Menschen anderen nichtautistischen Menschen erklären wollen, wie wir funktionieren und uns selbst dabei nicht zu Wort kommen lassen. Es ist ungerecht, wenn über uns gesprochen wird, aber nicht mit uns, selbst wenn wir anwesend sind. Es kann höchstens eine Annäherung an die Innensicht geben, aber nie ein hundertprozentiges Wissen. Also verstehe ich nicht, warum es manchmal überspitzt ausgedrückt heißt: „Autisten machen dies und jenes, aus diesem und jenem Grund und das muss ihnen aberzogen werden, denn das entspricht nicht unseren Vorstellungen, wie sie sein sollen und in der Gesellschaft zurecht kommen können.“ Oder warum einige der „Experten“ so darauf aus sind, uns unser natürliches Verhalten abzugewöhnen und stattdessen für sie natürliches Verhalten verlangen. Umgekehrt wäre es doch auch nicht fair. Einer Person, die nicht laufen kann, würde man nicht sagen:„Du musst jetzt lernen richtig zu gehen, denn wir machen das alle so und du willst doch selbständig sein“. Ich weiß dieser Vergleich wird ständig verwendet, aber er passt an dieser Stelle einfach gut und macht hoffentlich deutlich, wie unlogisch und blödsinnig das alles ist.

Es ging schon so weit, dass mir in der Vorlesung eines Gastdozenten die Diagnose abgesprochen wurde, nachdem ich gegen eine seiner Aussagen protestierte und mich zwangsweise outen musste. Er hatte also ganz offensichtlich seine Vorstellung davon, wie Autisten sind. Humorlos. Dass wir durchaus Witze verstehen und lachen können, schien ihm wohl fremd zu sein und wenn ein Mensch von seiner Vorstellung abweicht, kann er ja kein Autist sein (Vorsicht Sarkasmus!). In einem anderen Beitrag erwähnte ich bereits, dass es hieß „man muss sie aus ihrer Welt herausholen und die Stereotypien unterbinden“. Dass es sich dabei um einfaches Stimming handelt, welches ein ganz natürliches Verhalten für autistische Menschen ist, war wohl nicht bekannt und wurde auch nicht hinterfragt.

Meine Grundannahme ist, dass sich jedes Leben grundlegend unterscheidet und ganz besonders ein autistisches von einem nichtautistischen Leben. Menschen sollten aufhören, ihre eigenen Vorstellungen von einem glücklichen und gelungenen Leben auf andere zu projizieren.

Natürlich ist es sinnvoll, einen autistischen Menschen zu fördern und ihn bei seiner Entwicklung und beim Lernen zu begleiten. Doch jemanden zu fördern heißt nicht, ihn zu einer willenlosen, angepassten und funktionierenden Marionette der Gesellschaft zu machen. Das bedeutet, man sollte nicht versuchen, Fähigkeiten zwanghaft anzutrainieren oder gar mit schädlichen und von Autist*innen selbst stark kritisierten Methoden wie ABA (Applied Behaviour Analysis) o.ä. arbeiten, nur damit der Mensch lernt, den Erwartungen seines Umfeldes ,“normal“ zu funktionieren, zu entsprechen.

Stattdessen unterstütze ich stärken- und ressourcenorientierte Methoden, die darauf aus sind, den Menschen ernst zu nehmen, in seiner Art und in seinen Stärken und Schwächen, seine Stärken gemeinsam zu entdecken und auszubauen und Möglichkeiten zu finden, wie er mit schwierigen Situationen umgehen kann. Ich stelle mir das wie einen Fluss oder Bach vor. Baut man einen Damm, staut er sich und baut immer mehr Druck auf. Der Fluss muss einen unnatürlichen Weg fließen, kommt nicht wirklich vorwärts und bricht irgendwann mit zerstörerischer Kraft durch den Damm hindurch. Geht man mit dem Fluss und begleitet ihn, kann man nach einer Weile feststellen wie links und rechts alles aufblüht, wie wohl sich die Fische im Wasser fühlen und wie ruhig er wird.

Jeder Mensch hat Fähigkeiten, die Wertschätzung verdienen, auch wenn sie für den „Normalbürger“ auf den ersten Blick völlig sinnlos erscheinen. Alles hat seinen Grund und seine Daseinsberechtigung. Mit bestimmten Fähigkeiten, kann man gezielt nach Nischen suchen und muss nicht weiter zwanghaft daran arbeiten die Defizite zu verstecken, denn das geht auf Dauer nicht gut.

Man könnte mit mir tausendmal üben zu telefonieren, es würde nichts daran ändern, dass es für mich unnatürlich und anstrengend ist. Man könnte mich auch tausendmal mit Small Talk konfrontieren, ich würde es immer noch nicht auf natürliche Weise beherrschen, weil es nicht meine Muttersprache ist. Man könnte mich täglich durchgehend mit Menschen umgeben, aber es würde das Bedürfnis alleine sein zu wollen und Rückzug zu brauchen nur verstärken. Man könnte mir tausendmal sagen, ich solle aufhören mit dem Bein zu wippen, oder mit den Händen zu fuchteln, ich würde es trotzdem immer wieder machen, weil es so sein muss. Und man könnte mir tausendmal sagen, ich solle doch bitte in die Augen schauen, da es sonst unhöflich ist, ich würde es nicht tun, weil ich sonst nicht zuhören könnte. Was für mich natürlich ist, ist für andere unnatürlich und umgekehrt.

Oder wie Dr. Eckart von Hirschhausen so schön sagte: „Wenn du als Pinguin geboren wurdest, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir keine Giraffe.“

Was ich damit sagen will:
Ein Autist sollte als Autist akzeptiert und erzogen werden und nicht zu einem Menschen dressiert werden, der er nicht sein kann und nicht sein will. Im Allgemeinen gilt das für alle Menschen. Kinder zeigen nach langem Training vielleicht auf den ersten Blick das gewünschte Verhalten, aber in ihnen kämpft alles dagegen an, die stummen Schreie hört keiner, bis das Kind erwachsen wird und diese Anpassung an die Vorstellungen seines Umfeldes nicht mehr leisten kann, weil es nicht seiner Natur entspricht. Die Folge sind meist Depressionen, Ängste und Burnout in bereits jungen Jahren.

Dazu möchte ich kurz ein Zitat des holländischen Heilpädagogen Jos Meereboer anbringen, der meiner Meinung nach den Kern erfasst hat:

„Die allerwichtigste Therapie für einen Autisten ist, daß man akzeptiert, daß er Autist ist. Wenn man das nicht akzeptiert, fühlt er sich nicht aufgehoben, und dann bekommt er Angst. […] die Aufgabe eines Heilpädagogen ist es durchaus, heilpädagogische Fälle bei Kindern möglichst auf eine richtige Spur zu bringen. Das aber geht bei Autisten nicht. Man muß es mit ihnen zusammen machen. Man kann sie nicht einfach zu etwas zwingen. Es gibt verschiedene Therapien, […] aber man muß immer abspüren, ob der jeweilige Autist sich das gefallen läßt, ob ihm das nicht zuviel wird.“ (Nachzulesen in den Flensburger Heften, Ausgabe 112, Autisten Berichten, S. 20)

Wenn man ein autistisches Kind oder allgemein autistische Menschen begleiten möchte, sollte man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass unsere Arten zu kommunizieren, unsere Wahrnehmungen und unsere Vorstellungen von der Welt verschieden sind, dass Kinder auf verschiedene Arten lernen und sich unterschiedlich schnell entwickeln. Es sollte keine Schablone geben, wie ein Kind oder ein Mensch zu sein hat und was er können muss. Kein Lebensmodell ist falsch, aber es ist falsch, anderen das eigene aufzuzwingen und zu versuchen aus einem Pinguin eine Giraffe zu machen.