Einsam unter Menschen

Ich habe lange nicht mehr geschrieben. Mir fehlt die Kraft dafür. Es ist jetzt einige Monate her, seit mich der depressive Einbruch überfiel. Ich brach seitdem beinahe wöchentlich zusammen, fühlte zu viel, dann überhaupt nichts mehr, wollte sterben und versuchte dann doch Hilfe zu bekommen und anzunehmen. Ich durfte Unterstützung aber auch Rückschläge erfahren und kämpfe doch täglich weiter den Kampf, der sich Leben nennt Mir fehlt immernoch die Kraft, aber ich denke, wenn ich einige Dinge durch das Schreiben loswerde, wird es in meinem Kopf ein bisschen klarer.

Die Wenigsten wissen, wie es wirklich ist, im Kopf durch eine unsichtbare Kraft fast durchgehend von der Welt getrennt zu sein und nur manchmal den Schritt nach außen zu schaffen, die Umwelt zu „berühren“. Es ist ein schreckliches Gefühl, einsam unter Menschen zu sein. Ein Gefühl weit weg zu sein, von den Menschen die ich so gerne habe und die mich mögen. Wie unsichtbar hinter einer Mauer zu stehen und alles zu beobachten. Je mehr Menschen es sind, desto weiter scheint alles entfernt. Ich komme mir vor wie ein fremder Besucher, ein Zuschauer, der die anderen von weit weg beobachtet und realisieren muss, dass er auf eine unerklärliche Weise nicht zu ihnen passt. Ich beobachte, wie sie sich auf eine mir unerklärliche Weise in fließend schnellem Wechselspiel austauschen und selbst unter chaotischsten Umständen den Überblick behalten. Ich kann nicht mithalten, aber ich tue oft so. Dann fällt es nicht auf, dass ich so grundverschieden bin. Aber wenn ich sehe, wie Menschen in einer Gruppe gegenseitig spielen und ihre Witze machen, wie schnell sie darin sind, was sie unternehmen und welche Erfahrungen sie machen dürfen und können, fällt es mir schwer mitzuhalten und mich ihnen zugehörig zu fühlen.

Es ist nicht nur die psychische Distanz, die mir zu schaffen macht. Oft werde ich nicht gehört, wenn ich etwas sage. Vielleicht spreche ich zu leise, vielleicht zu indirekt. Vielleicht funktioniert der Filter der Menschen auch einfach viel zu gut, sodass sie mich einfach überhören. Das passiert wahrscheinlich nicht bewusst und nicht absichtlich, aber ich fühle mich ignoriert und nicht erwünscht, wenn ich einfach übergangen werde, wenn nicht gehört wird, was ich zu sagen habe. Also lasse ich es ganz oft, weil ich lieber schweige, als den altbekannten Schmerz zu ertragen und mich einsamer zu fühlen.

Das wiederum führt dazu, dass ich mich und mein Befinden nicht mitteilen kann und schließlich noch frustrierter bin. Wenn mich die Außenwelt so überfordert und enttäuscht, ziehe ich mich weiter zurück. Ich gebe der mir natürlichen Isolation nach. Bemühe mich nicht mehr, Kontakt nach außen zu haben, denn das strengt in solchen Momenten noch viel mehr an und ist sehr schmerzvoll.

Wenn ich für mich bin, fühle ich mich weniger einsam, aber alleine. Denn in meinem momentanen Zustand kann ich nicht gut alleine sein. Meine Gedanken an Selbstmord und die Energielosigkeit würden mich umbringen. Deshalb fahre ich jeden Tag zu meinen Freunden. Ich bin gerne mit meinen vertrauten Lieblingsmenschen zusammen. Doch sobald es mehr als drei bis vier werden, fühle ich mich wieder ausgeschlossen. Ich weiß nicht, ob es nur mein subjektives Empfinden ist, aber wenn es so viele Personen sind, sprechen sie zwar miteinander und ich kann auch gelegentlich mitsprechen, aber nur selten sprechen sie wirklich aktiv mit mir. Sie reden mit anderen über Themen, die fremd sind, gehen anders miteinander um, sprechen anders, schnell und auf sehr subtile, unüberschaubare Art. Ich erwarte nicht, dass sie das tun, doch es gibt mir das Gefühl nicht dazuzugehören, selbst wenn ich weiß, dass ich willkommen und akzeptiert bin und sie sich um mich sorgen.

Meine Depression, die mich in den letzten Monaten fast das Leben gekostet hat, verstärkt dieses Einsamkeitsgefühl noch. Selbst mit lieben Menschen an der Seite, die mich mit aller Kraft versuchen zu unterstützen, kann ich nicht viel mehr tun und meine Energie ist schon lange aufgebraucht. Ich werde bald in eine Klinik gehen. Das ist die letzte Station. Der letzte Versuch. Ich hatte innerlich komplett aufgegeben. Hatte einen konkreten Plan, wie ich mir am sichersten das Leben nehme. Aber ich bekam wieder Hoffnung. Ein letzter Funke sozusagen. Ich will es den Menschen zuliebe versuchen, denen ich etwas bedeute, die mit mir kämpfen und die mir etwas bedeuten. Wenn das nicht klappt, habe ich immerhin alles versucht und immer noch einen Ausweg.

Es schwirren noch tausende Gedanken in meinem Kopf herum, die mir seit Wochen den Schlaf rauben, aber ich muss hier aufhören, weil ich merke, wie es weiter an meinen Kräften zehrt.

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