April April, ich sag was ich will!

Die Gedanken rasen. Ein knisterndes Knäuel, schnell springend im überfüllten Schädel und ich kann keinen einzigen Faden richtig fassen. Ich möchte am liebsten alles auf einmal auskotzen. Buntes Gedankenkotzen, alles raus und dann sortieren: wichtig-unwichtig-was ist das denn? So wie ich es mit vielen meiner Dinge mache. Leider geht das nicht. Okay vielleicht ein bisschen, indem ich hier schreibe, aber egal wo ich anfange und wie weit ich komme, es wird nicht weniger und es kommt ja ständig Neues hinzu.

In letzter Zeit ist viel passiert. Ich merke das erste Mal so richtig, dass ich Fortschritte mache. Nicht nur theoretisch oder vom Feedback der anderen. Nein, ich merke es an mir selbst, wie ich teilhabe, mich ausdrücke und nicht mehr alles für mich behalte oder zu verstecken versuche. Gleich mit einem Ausbruch. „Back to the roots“ sozusagen, denn zu meiner Schulzeit war ich bekannt dafür, meine Meinung zu äußern, Lehrer zu korrigieren, mich für Gerechtigkeit einzusetzen und damit ständig anzuecken. Ich unterdrückte es, bis ich es verlernte. Bis ich so große Angst davor entwickelte, wieder gedemütigt, geschlagen und ausgeschlossen zu werden. Ich konnte nur überleben, indem ich den Drang nach Richtigkeit unterdrückte und versuchte mein Innerstes, mein wahres Ich vor der Außenwelt zu verstecken. Mir war nicht bewusst, dass ich mich damit gleichzeitig schützte und mir schadete. Umso glücklicher bin ich, dass ich anscheinend gerade so gut drauf bin, diesen Schritt wagen zu können und mich auch in Vorlesungen und Seminaren immer mehr mitzuteilen, ohne Gefahr zu laufen, für meine Art wieder gemobbt zu werden. Ich mache das eben so, selbst wenn es manche ganz offensichtlich nervt, dass ich klischeehaft pedantisch auf korrekte Begrifflichkeiten und Informationen bestehe und Dozenten auf Fehler aufmerksam mache, besonders wenn es um meine Interessen geht. Ich habe lange genug geschwiegen. Jetzt bin ich an der Reihe.

Doch es ist gar nicht so einfach, besonders wenn die Sprache in den wichtigen Momenten so oft versagt. Mir ist Aufklärung enorm wichtig und ich habe manchmal so viele Ideen und Anliegen im Kopf, dass ich damit völlig überfordert bin und schließlich zu nichts komme oder befürchte, jeden Augenblick zu „platzen“. Das wäre schlecht. Nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für das eigentliche Ziel. Wie kann ich mir sicher sein, dass meine Gedanken zu Worten werden, die nachvollziehbar sind? Dass sie so verstanden werden, wie ich es meine und dass sie zum richtigen Zeitpunkt ausgesprochen und gehört werden? Ich habe das Gefühl, dass mir die Welt davon rennt. Ich suche nach einem Ansatz und sobald ich einen in Sichtweite habe, ist er schon nicht mehr erreichbar oder jemand kommt mir zuvor und nimmt mir die Stimme. Die Chance ist schneller vertan als ich „Gedankenkotze“ denken kann.

Ich meine das jetzt vor allem im erweiterten Sinne, denn manchmal kann es mir auch helfen, wenn ich den Impuls eines anderen aufnehme und so ins Sprechen komme. Wenn sozusagen die Hürde von Innen nach Außen übernommen wird. Das ist hilfreich, solange ich dann auch frei für mich sprechen darf, solange niemand ohne meine Erlaubnis für mich spricht.

Es gibt allerdings auch Organisationen und Personen, die Menschen wie mir die Stimme nehmen und sogar vor uns warnen. Organisationen, die Autismus ausrotten wollen. Eine Sache, die mich und viele andere Autist*innen nicht nur im April, dem „Autism Acceptance Month“ beschäftigt. Wie schafft man sich als Minderheit eine Stimme, die auch gehört und nicht von Vereinen wie Autism Speaks unterdrückt und übertönt wird? Obwohl es so oft heißt „Sprecht MIT Autisten, nicht ÜBER sie“, scheitert diese Idee immer noch bei der Umsetzung. Nicht überall, aber gerade dort, wo es so wichtig wäre, wo Inklusion besprochen, aber nicht ausreichend umgesetzt wird. Es gibt viele Blogger die darüber berichten und ich möchte dieses so oft diskutierte Thema hier nicht ein weiteres Mal in seinem ganzen Umfang ausbreiten, zumal ich jetzt schon kräftemäßig am Ende bin (dabei hat der April gerade erst angefangen). Aber ich möchte zum Ausdruck bringen, dass es ohne Ausnahme notwendig ist, mit autistischen Menschen zu sprechen, zu fragen und zuzuhören, was sie zu sagen oder zu schreiben haben, wenn man sie verstehen und in ihrem Kampf für Selbstbestimmung unterstützen möchte.

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Postsoziale Grübeleien – Wenn die Platte hängt

Laute Menschenmassen und Gewusel kann ich zwar nicht leiden, doch grundsätzlich freue ich mich, wenn man mich einlädt. Sei es zum Geburtstag, zu Ausflügen oder zu Silvesterfeiern, wie gestern. Das zeigt mir, dass man an mich denkt und meine Anwesenheit schätzt. Es kann mich allerdings auch ganz schön unter Druck setzen. Einerseits, weil es um Verbindlichkeit und Erwartungen geht, andererseits, weil ich weiß, dass es mich viel Energie kostet und die Tage danach sehr anstrengend werden.

Ich kann nie wissen, ob ich am entsprechenden Tag genügend Kraft haben werde. Ich muss meist also zu- oder absagen, ohne vorher zu wissen ob ich das überhaupt schaffe. Habe ich genügend Zeit, kann ich meine Energie bis dahin meist gut einteilen und mich vorbereiten. Deshalb versuche ich die Tage davor viel Zeit alleine zu verbringen, meine gewohnten Abläufe einzuhalten und mich zu entspannen, um meinen Akku aufzuladen. Es hilft mir, wenn ich schon frühzeitig genau weiß, was auf mich zukommt, wenn man meine zahlreichen Fragen klar beantwortet, ohne mir gleich einen Kontrollzwang zu unterstellen. Leider kommt auch immer wieder Unerwartetes dazwischen. Ich kann also nur bedingt dafür sorgen, dass ich an solchen Veranstaltungen teilnehmen kann. Und ganz ohne Stress geht es sowieso nicht. Was sich bei mir im Hintergrund alles abspielt sieht ja keiner. Und wie schwer es ist mit den ganzen Reizen klarzukommen auch nicht. So kann es sein, dass Absagen meist fehlinterpretiert und persönlich genommen werden. Dabei liegt es an meinem begrenzten Energievorrat und sozialen Ängsten.

Aber noch viel schlimmer als diese Unsicherheit und der enorme Energieaufwand, ist die Verarbeitung der ganzen Reize und Informationen am Tag danach, bzw. meist schon in der gleichen Nacht. Ich bin Bilderdenker und neige dazu, Situationen, Gespräche, Begegnungen und alles was sich ereignete immer und immer wieder gedanklich durchzuspielen und zu analysieren. Ich mache das nicht aktiv und kann es auch nicht stoppen. Sequenzen spielen sich wie Videoaufnahmen in Dauerschleife ab. Ich analysiere jedes Wort, jede Regung, die ich aufnehmen konnte und versuche sie zu verstehen. War das etwa komisch was ich da gesagt habe? Warum hat die Person das zu mir gesagt? Wie war das denn gemeint? War ich unhöflich? Habe ich etwas falsches gesagt/getan? Warum haben die so reagiert? Und so weiter… im Gedankenchaos sucht mein Hirn Antworten auf Fragen, die sich nicht beantworten lassen, denn die Situationen sind längst vergangen. Doch ich hänge fest, wie eine kaputte Platte. Repeat, repeat, repeat…. es könnte ja doch etwas Aufschlussreiches unter diesen ganzen verwirrenden Sequenzen auftauchen.

Diese Prozedur hält manchmal tagelang an, lässt mich nachts nicht schlafen und tagsüber erstarren. Mein Hirn ist zu langsam im synchronen Verarbeiten dieser ganzen Informationen und so muss ich alles immer wieder durchleben, um viele Stunden und Tage verzögert und es kostet unglaublich viel Kraft. Ablenkung hilft nur bedingt. Sobald ich aufhöre, kommen die Gedanken zurück. Ich wünschte, ich könnte es einfach abstellen und mit meinem Alltag weitermachen.

In manchen Situationen würde es mir helfen direktes Feedback zu bekommen. Wenn ich mich darauf verlassen könnte, dass mir jeder völlig neutral sagt, wenn etwas unangebracht war, wie etwas gemeint war oder wie es der jeweiligen Person geht, würde das die Angst, den Druck und die Verwirrung nehmen. Es wäre einfach nicht mehr so ein großes Rätselraten.

Viele Menschen machen das intuitiv. Sie müssen nicht jeden einzelnen Satz, jede Emotion des Gegenübers bewusst analysieren und enträtseln. Es passiert unterbewusst, simultan und ohne ernste Nachwirkung. Bei mir funktioniert das nicht. Ich weiß nicht wie. Also sitze ich hier, grübelnd, schreibe diesen Beitrag und weiß genau, sobald ich aufhöre zu tippen, geht der Sturm im Kopf wieder von vorne los.