Ausgenutzt und ausgelacht – Meine Erlebnisse mit Ironie, Sarkasmus und sozialer Naivität

Wie ein undichtes Gefäß versuche ich mich zusammenzuhalten. Der gleichmäßige Takt meiner Schritte in Richtung zu Hause bringt Ruhe in mein aufgewühltes Inneres. Wenn ich laufe, entspanne ich. Man hat mir wehgetan und der Schmerz bahnt sich seinen zerstörerischen Weg. Meine Augen werden nass und mit jedem Schritt wird der Kampf größer. Bald sind die Löcher zu groß und zu undicht. Es geschah unbewusst, wahrscheinlich, aber die Löcher lassen alles durch. Sowohl hinein, als auch hinaus. Ich fühle mich in meine Schulzeit zurückversetzt, in die schlimmste Zeit meines Lebens. Es ist nicht einfach, sensibel in einer unsensiblen Welt zu sein, anders zu denken und wahrzunehmen, als die Mehrheit und immer aufpassen zu müssen, dass ich nicht wieder getäuscht und zur Belustigung der Allgemeinheit missbraucht werde.

Ich habe schlimme Dinge erlebt, Gewalt, Schikane, Ausgrenzung und das ständige Gefühl, alles rauscht an mir vorbei, jahrelang. Ein Gefühl, nicht dazuzugehören, unter Menschen einsam und weit weg zu sein, während andere auf unerklärliche, unsichtbare Weise miteinander kommunizieren. Ich wurde ständig verarscht und auf Kosten meines Selbstvertrauens, machte man sich regelmäßig über meine soziale Naivität lustig.

Ich verstehe Dinge wörtlich und gehe grundsätzlich davon aus, dass Menschen meinen, was sie sagen. Ironie und Sarkasmus, zwei Fremdsprachen, die ich bis heute nur in wenigen Situationen ansatzweise beherrsche. Inzwischen bin ich zwar vorsichtiger geworden, doch es passiert mir weiterhin, dass sich Menschen amüsieren, wenn ich etwas ganz wörtlich nehme, oder es nicht schaffe, „zwischen den Zeilen“ zu lesen und mich vor allen blamiere.

Es spielt keine Rolle, ob es in böser Absicht, als freundschaftliche Neckerei oder völlig unbewusst geschieht. Es ist sehr verletzend und verwirrend. Ich komme mir extrem naiv und dumm vor und weiß doch ganz sicher, dass ich es nicht bin. Ich verarbeite Sprache anders und kann mir oft nicht vorstellen, was mein Gegenüber denkt, weiß oder meint (Fachleute nennen es „Theory of Mind“, die Fähigkeit, sich Vorstellungen über das Innenleben, die Gedanken und Absichten, aber auch das Wissen einer anderen Person machen zu können).

Ich bin nicht langsam, es ist auch nicht niedlich, nicht lustig, keine Kleinigkeit und ich bin auch nicht zu sensibel. Meine andere Denkweise wird zur Belustigung ausgenutzt und ich weiß nicht, wie ich mich davor schützen kann, außer aufzuklären.

Mein Leben lang haben mir Menschen Geschichten vorgelogen, haben mir falsche Informationen gegeben, waren absichtlich ironisch und beobachteten daraufhin mein Verhalten, um anschließend darüber zu lachen und sich auszulassen, weil sie genau wussten, ich glaube es. Noch heute hallt der Satz meiner Mutter immer wieder nach „glaub doch nicht immer alles, was man dir sagt.“ Aber so einfach ist das nicht.

Ich glaube es, weil die Welt für mich ein verwirrender Ort ist, in dem ich in jeder Sekunde versuche sinnvolle Verbindungen zwischen den ganzen Wahrnehmungen zu knüpfen und alles erst einmal aufnehme um irgendwo wenigstens ein bisschen Halt zu finden. Ich kann nicht vorher aussortieren und sagen „das war ernst gemeint, das war nicht ernst gemeint, das ist wichtig, das ist unwichtig“. Diese Vorsortierung funktioniert bei mir nicht und so würde ich einer Person auch anfangs glauben, wenn sie mir beispielsweise erzählt, dass man die Hausarbeit in Fach X/Y auf grünem, statt weißem Papier drucken muss. Ich würde den Sinn im ersten Moment zwar nicht finden, aber es ergibt sowieso so weniges in meiner Umgebung Sinn, dass ich diese Vorschrift als eine weitere sinnlose Regel auffassen würde. Erst später, wenn ich Ruhe und Zeit zur Verarbeitung und Analyse der Situationen habe, kann ich die Dinge hinterfragen und in manchen Fällen erkennen, dass es sich um Ironie handelte.

Dann schlägt die Erkenntnis wie eine Abrissbirne ein und ich würde am liebsten im Erdboden versinken. Weg von allem und jedem. Aufhören zu existieren, weil es mir so peinlich ist, weil es so weh tut und das Vertrauen in Menschen immer wieder aufs neue bricht.

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Wenn die Sprache versagt

In mancherlei Hinsicht verstehe ich mich selbst noch nicht. Ich bin an sich eine eher ruhige Person, aber es gibt Momente, da spreche ich schnell, fließend ohne Pause und ohne Probleme, werde zappelig und drehe auf. Meist geht es mir dabei gut, ich bin entspannt, kenne meine Gesprächspartner und kenne mich mit dem Thema sehr gut aus. Es gibt aber auch Momente und Themen, da stocke ich, muss tief in mir nach geeigneten Wörtern graben und taste mich unsicher von Satz zu Satz. Und im schlimmsten Fall verstumme ich vollständig. Es kommt nicht sehr oft vor, aber wenn es passiert, ist es peinlich, anstrengend und zutiefst frustrierend, besonders, wenn es in wichtigen Gesprächen geschieht.

Wenn ich spreche, lege ich mir die Wörter und Sätze in Gedanken zurecht, bevor ich sie ausspreche. Das kann manchmal schneller gehen, wenn es vertraute und sichere Themen sind, es kann jedoch auch etwas länger dauern, wenn es sich um neue Situationen und Themen handelt, die ich erst durchdenken und übersetzen muss. Übersetzen deshalb, weil ich ein visueller Denker bin und die Bilder erst zu Sprache werden müssen, bevor sie herauskommen können.

Während ich spreche, mache ich also immer wieder kleine Übersetzungspausen, dadurch spreche ich eher stockend. Ich benötige Denkpausen, die nicht selten dazu führen, dass mein Gegenüber davon ausgeht, ich hätte nichts mehr zu sagen und einfach weiter spricht. Das macht es mir natürlich nicht gerade einfach, dem Gespräch überhaupt noch folgen zu können. Gerade in meinem Studium ist das ein großes Problem, da ich noch mit dem Verständnis des Gesprochenen und dem Sätzebau beschäftigt bin, während die anderen schon weiter diskutieren. Meist fehlen mir auch einfach die Wörter, genau das auszudrücken, was ich meine und denke.

In Gedanken ist es einfach. Da ist ein Bild, ein abstraktes, aber verständliches Bild und solange ich schweige, ist es sichtbar. Aber manchmal bleibt es dort. Ich kann es nicht übersetzen, kann es nicht greifen. Es ist gefangen in meinem Kopf und sobald ich beginne Wörter dafür zu finden, es zu beschreiben, löst es sich auf und lässt keine Spur der Erinnerung zurück. Meine Gedanken sind wie leergefegt. Das passiert vor allem dann, wenn ich unter starkem Stress stehe, wenn es darum geht Fragen zu beantworten oder auf Forderungen zu reagieren. Mein Atem erstarrt, meine Gedanken erstarren, ich erstarre. Panik. Error. Nichts geht mehr. Meine Sprache verirrt sich irgendwo tief in mir, schafft es nicht vom Hirn zum Mund. Ich bin gefangen, in mir. Mein Schreien hört keiner.

Ähnliches passiert auch, wenn ich zu viel denke. Wenn mein Kopf voll von solchen Bildern ist, die Gedanken chaotisch durcheinander rauschen und ich nicht weiß, welchen ich zuerst denken soll. Auch hier kann es passieren, dass plötzlich alles zusammenbricht und mein Gehirn sich sozusagen aufhängt.

Zwei Beispiele:

Kürzlich sprach ich mit einer Dozentin über meine Bachelorarbeit. Ich erklärte ihr, dass ich die Arbeit in meinen Gedanken quasi fertig habe, als abstraktes Bild, es aber nicht umsetzen kann. Sie fragte mich daraufhin, ob ich ihr das Bild beschreiben könne. Ich konnte es nicht, aber ich wollte es wenigstens versuchen, also stotterte ich eine Beschreibung zusammen, die so gut wie keine Ähnlichkeit mit meinem inneren Bild hatte. Es war so frustrierend. Es schien, als würde mein Mund etwas völlig anderes, fremdes wiedergeben. Ich konnte es nicht mal mehr rückgängig machen.

In einer anderen Situation ging es um eine Prüfung. Eine praktische Prüfung. Ich hatte schon Tage davor Panikattacken und konnte mich nur schwer auf den eigentlichen Inhalt konzentrieren. Ich wollte es wirklich versuchen, saß an meinem Platz und wollte alles einfach nur hinter mir haben. Die Dozentin kam zu mir, sprach mich an und fragte, ob ich bereit sei. Diese Nähe, diese Frage und diese Direktheit brachten mich endgültig aus dem Konzept. Ich schaltete innerlich ab. Konnte nichts mehr äußern und mich nicht bewegen. Alles andere um mich herum entfernte sich, ich tauchte in Watte und selbst Stift und Zettel, die ich vorher herausholte, um wenigstens meine Gedanken aufschreiben zu können, schienen nun weit entfernt.

Sprechen ist für mich sehr anstrengend. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte meinen Gedankeninhalt einfach ganz anschaulich vor meinen Gesprächspartner ausbreiten. Telepathische Kommunikation, das wäre was. Meist kommt nur ein Bruchteil dessen aus mir heraus, was ich wirklich sagen möchte. Das ist einer der Gründe, warum ich gerne schreibe. So kann ich viel genauer und ausführlicher erklären, was in mir vorgeht. Ich brauche zwar auch für diesen Beitrag jetzt schon relativ lange, doch hier kann ich mir die Zeit nehmen und jeden Satz ganz ungezwungen und sorgfältig erarbeiten. Außerdem vermeide ich so die direkte Konfrontation, habe keinen Druck und werde nicht beobachtet. Das sind alles Faktoren, die mir in der direkten, verbalen Kommunikation Probleme bereiten. Ich weiß so schon oft nicht, was ich sagen soll. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht gerne unterhalte, auch beantworte ich gerne Fragen, die mir gestellt werden (besonders gerne zu meinen Interessen), doch sollte ich mir für die Antwort Zeit nehmen dürfen, es sollte kein Druck bestehen und keine Forderung, direkt eine Antwort zu erhalten.

 

Dazu passt ein „Gedicht“, das ich vor einiger Zeit schrieb. Ich war in Starre, wie ein Reh im Scheinwerferlicht eines herannahenden Autos, konnte weder vor, noch zurück, wollte sprechen, handeln, aber mein Körper reagierte nicht:

Sprich aus/brich aus

Kratzer an der gläsernen Wand
Spuren der Verzweiflung, des Willens
und zugleich der Furcht.
Jede Sekunde ein Funke, geboren
und ertränkt
in beklemmendem Druck.

Es bleibt kein Platz für den Atem,
er wird knapp in diesem wandelnen Gefängnis.
Was einmal hineinkommt
findet den Ausgang nicht,
bricht
und zerfällt in ein Tausenpuzzle.

Der Schlüssel,
nur eine Nadel im Nadelhaufen.
Jede Bewegung droht die falsche zu sein
und zwingt mich zum Stillstand.

Bis ich wieder still alleine stehe
und einen Augenblick lang,
durch das flüssig gewordene Glas hindurch
reine Luft atmen kann.