Hilfsmittel im Alltag

Es hat lange gedauert, bis ich herausfand, welche Situationen mich wie beeinflussen, wie sie auf mein Stresslevel wirken und wann es Zeit wird, mich zurückzuziehen. Viel Stress lässt sich dadurch vermeiden, dass ich mich gewissen Situationen einfach nicht mehr aussetze. So zwinge ich mich zum Beispiel nicht mehr unnötig in reizintensive Situationen und achte mehr darauf, mich nicht zu übernehmen. Erst seit mir bewusst ist, was diesen Stress auslöst, kann ich aktiv eingreifen. Es gibt aber auch Momente, da kann ich nicht einfach gehen oder ganz wegbleiben. Zum Beispiel in der Uni, oder wenn ich in der Bahn unterwegs bin. Es gibt Situationen, da ist eine Flucht unmöglich und der Overload quasi vorprogrammiert. Jedoch kann ich solchen Overloads oft mit gewissen Hilfsmitteln entgegenwirken. Es sind meist Kleinigkeiten, die mir den Alltag erleichtern und mein Stresslevel senken können. Ich möchte ein paar dieser Hilfsmittel hier beschreiben und vielleicht dienen sie dem ein oder anderen ja als Anregung.

Gewichtsdecke

Im Januar hatte ich vorlesungsfrei und neben ein paar Hausarbeiten Zeit, eigene Projekte anzugehen. So setzte ich endlich meinen Plan um, mir eine Gewichtsdecke selbst zu nähen, denn gekauft sind sie oft viel zu teuer. Gewichtsdecken und -westen lernte ich in meinen Praktika kennen. Ich durfte sie selbst ausprobieren und erinnerte mich, dass ich auch als Kind schon gerne schwere Gegenstände auf mir liegen hatte, enge Räume, wie Kisten und Schränke bevorzugte und mich bei jeder Gelegenheit in den Schlitz zwischen den Matratzen des Ehebettes meiner Eltern quetschte. Der Tiefendruck der dabei auf den Körper ausgeübt wird, wirkt beruhigend auf das Nervensystem und kann bei Nervosität, Schlafstörungen, Ängsten und noch vielen anderen Problemen helfen und therapeutisch eingesetzt werden. Viele dieser Probleme sind mir bekannt. Ich leide seit meiner Kindheit unter phasenweisen Ein- und Durchschlafstörungen und meine Eltern versuchten fast alles, diese in den Griff zu bekommen. Ich setzte meine Hoffnung auf diese Decke und nähte sie fast durchgehend, innerhalb einer Woche fertig. Sie wiegt etwa 18 kg und ist genau richtig für mich zum Schlafen, zum Runterkommen nach einem Overload, zum Erden, wenn ich mich „auflöse“, oder einfach zum Entspannen zwischendurch.

Eine Anleitung dazu gibt es hier: http://www.ruhrpottzwerge.de/2014/06/11/gewichtsdecke-ganz-einfach-selbstgemacht/

Smartphone

Seit Februar 2017, also erst seit etwas mehr als einem Monat, bin ich dazu übergegangen ein Smartphone zu benutzen. Da ich sowieso nicht gerne telefoniere und nur wenige Kontakte habe, genügte mir bisher immer ein altes Urzeit-Nokia. Alles in mir sträubte sich bei dem Gedanken, ein so großes Gerät mit so vielen überfordernden Funktionen mit mir herum zu schleppen. Inzwischen bereue ich es nicht, diesen Schritt und diese Veränderung gewagt zu haben. Ich fühle mich viel sicherer. Wenn ich unterwegs bin und mich verlaufe oder die Orientierung verliere, kann ich ganz einfach nachschauen oder Hilfe holen. Auch gibt es verschiedenste Apps, die mich beispielsweise daran erinnern zu trinken, mir helfen meinen Tag zu strukturieren und mich einfach ein bisschen mehr zu sortieren. Mit Spielen wie Blendoku (Farben logisch sortieren) oder Fluid Monkey (Farben malen) und dem mobilen Internetzugang, habe ich jetzt immer und überall die Möglichkeit aus stressigen Situationen zu „fliehen“, mich meinen Spezialinteressen zu widmen und mich so in akuten Overloads ein wenig zu erholen.

Stimmingtoys

Es gibt inzwischen eine große Vielfalt an Stimmingspielzeugen, die akut Stress abbauen und konzentrationsfördernd sein können. Natürlich „stimme“ ich auch mit meinem Körper, meinen Händen, mit meiner Umgebung und im Grunde kann fast alles für Stimming benutzt werden, aber ich finde es besonders gut, wenn es klein, praktisch und unauffällig ist.

Auf Platz eins ist daher mein „Tangle Therapy Jr.“ (gibt es bei Amazon). Es passt in meine Jackentasche, fühlt sich angenehm an und wirkt sofort. Ich kann meine Hände oft nicht still halten und es ist gerade dann hilfreich, wenn ich nervös bin oder mich konzentrieren muss. Ein Kugelschreiber, den ich hin und her flackern kann, tut es im Notfall aber auch.

Dann gibt es noch die intelligente Knete, die einen ähnlich beruhigenden Effekt hat, dabei in allen möglichen Farben schön anzusehen und in ihrer Verwendbarkeit sehr vielfältig ist. Man kann sie normal kneten, Blasen mit einem lauten Knall platzen lassen, sie wie Papier zerreißen oder wie einen Flummi springen lassen.

Was sehr unauffällig, aber super hilfreich ist: ein Haargummi am Handgelenk. Es ist günstig und in allen möglichen Formen und Farben zu finden. Ich kann es flitschen, ziehen, drehen, knoten, um die Finger oder Hand wickeln usw. und es hilft mir, zu fokusieren und besonders in Gesprächen aufmerksam zu bleiben.

Ein weiteres Gadget ist mein Duft-Ei. Es hilft ebenfalls zu fokusieren und schlechte Gerüche in der Umwelt auszublenden. Dazu habe ich Löcher in ein Ü-Ei gepiekst, es mit Watte gefüllt und ein paar Tropfen ätherisches Öl hinein gegeben. Ist schnell gemacht, einfach und wirksam.

Was mir auch gut gefällt, aber nicht so handlich ist, sind Glitzerflaschen. Ein super Stimmingtoy für visuelle Typen und einfach zu machen. Ich habe dazu eine Smoothieflasche aus Plastik gereinigt, das Etikett entfernt und anschließend eine ganze Flasche transparenten Flüssigkleber hineingefüllt. Danach gibt man ein paar Tropfen Lebensmittelfarbe und zwei bis drei Teelöffel feines Glitzerpulver (wahlweise) in verschiedenen Farben hinzu. Den Rest füllt man mit lauwarmem Wasser auf, verschließt es und schüttelt kräftig. Wirkt beruhigend und sieht schön aus.

Sonnenbrille und Ohrstöpsel

Weitere Lifesaver im Alltag, sind meine Sonnenbrille und Ohrstöpsel. Beim Einkaufen im lauten und hellen Supermark, an hellen Tagen oder in Räumen mit grellen Lichtern, in lauten Cafés oder auch einfach nur, wenn ich mal Ruhe brauche oder schlafen will. Sonnenbrille auf, Ohrstöpsel rein und manchmal auch noch Kapuze des Lieblingspullovers auf. So entsteht eine Hülle, die mich vor den ganzen Außenreizen ein bisschen schützt. Außerdem fällt es mit Sonnenbrille nicht so auf, wenn ich Menschen auf den Mund, statt in die Augen schaue. Es überrascht mich immer wieder, wie effektiv diese kleinen Veränderungen sein können und wie viel Energie ich dadurch über den Tag sparen kann. Ein lautes Café wirkt mit Ohrstöpseln beispielsweise nicht mehr so chaotisch und überwältigend. Mein Tunnelblick schwindet und ich kann den Raum wieder einigermaßen überblicken. Dank der Filter kann ich Gespräche trotzdem noch in geringerer Lautstärke hören, während die Umgebungsgeräusche gedämpft werden. Auch in den meist etwas lauteren Pausen und in der Mensa sind sie ständig in Gebrauch. Sie sind ein annehmbarer Ersatz für die Reizfilter, die ich nicht habe.

Musik und Bücher

Die Musik hat einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Leben und es gibt keinen Tag, an dem ich ohne meinen iPod aus dem Haus gehe. Ich liebe es in die verschiedenen Atmosphären abzutauchen, die passende Musik für meine Stimmung zu finden und meinen ganz eigenen Lebenssoundtrack zusammenzustellen. Dank meiner Synästhesie, kann ich Musik und Klang auch am und im Körper und Raum fühlen. Es ist schwer zu beschreiben, aber ein bisschen ist es so, als befände ich mich in einer Klangmasse, die mit meinen Zellen synchron zur Musik tanzt und mich mit dem Klangraum verbindet. Wenn ich selbst spiele, kann ich die Welt komplett ausblenden. Aus einem ähnlichen Grund nehme ich gerne Fachbücher über mein Spezialinteresse mit, wenn ich unterwegs bin. Beides bietet mir die Möglichkeit bei zu großer Überforderung abzuschalten, kann aber auch als Zugang zu meinen Emotionen dienen.

Trampolin

Mitten in meinem Zimmer steht ein kleines Trampolin. Dank der hohen Decken, kann ich hier nach Lust und Laune Energie loswerden, sportlich sein und gleichzeitig ruhiger werden. Durch den Wechsel der Kräfte, die auf den Körper wirken, spüre ich ihn anschließend viel besser. Ähnlich geht es mir nach dem Schwimmen. Ich fühle mich ganz angekommen und IN meinem Körper, kann meine Grenzen besser wahrnehmen. Außerdem eignet es sich neben der Musik hervorragend als Ventil für angestaute Wut oder Freude.

Das war eine kleine Auswahl an Hilfsmitteln, mit denen ich meinen Alltag etwas angenehmer gestalte. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wo die eigenen Grenzen liegen und wie man für sich selbst besser sorgt und es kann sogar richtig Spaß machen, nach solchen kleinen Helfern zu suchen und sie in den Alltag zu integrieren.

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„Ich geh‘ mal kurz einkaufen“ – Barrieren im Alltag

Das Problem mit den unsichtbaren Behinderungen ist, dass andere die alltäglichen Schwierigkeiten nicht sehen können, manchmal auch nicht glauben und so davon ausgehen, man funktioniere wie sie. Ich möchte nicht behaupten, dass Autismus grundsätzlich und für jeden eine Behinderung darstellt und spreche deshalb nur von mir. Ich bin nicht behindert, ich werde behindert. Aber nicht durch sichtbare Barrieren, wie sie die meisten kennen, sondern durch unsichtbare. Leider wird bei Barrieren und Barrierefreiheit oft nur an die physischen Hürden und Hilfen, wie Rampen, Aufzüge usw. gedacht und selbst hier besteht noch sehr viel Bedarf und Potenzial für Verbesserungen.

Autismus wirkt sich auf alle Ebenen aus und führt zu täglichen inneren Kämpfen, die man mir nicht direkt anmerkt. Die Bewältigung des Alltags wird zur Herausforderung und selbst die einfachsten Aufgaben, wie Einkaufen, Reisen oder Telefonieren, werden zu scheinbar unüberwindbaren Hindernissen. Ich kann sie nicht alle aufzählen, dazu sind es zu viele. Aber ich kann einen kleinen Einblick geben:

Ein einfaches Beispiel ist das Einkaufen.
Für die meisten ist es zwar nicht gerade die Lieblingsbeschäftigung, aber auch keine große Sache. Für mich ist es immer wieder sehr viel Stress und eine große Überwindung. Und das hat absolut nichts mit Faulheit zu tun, wie es mir gerne vorgeworfen wird.

Eigentlich müsste ich heute einkaufen gehen. Mein Kühlschrank ist leer, mein Magen knurrt und meine Stimmung verfinstert sich. Der Supermarkt ist nur drei Gehminuten entfernt und dort bekomme ich alles, was ich brauche, inklusive Lieblingsmüsli. Eigentlich. „So nah und doch so fern“ denke ich mir und habe die ganzen Schritte vor Augen, die ich gehen muss, um schließlich das Haus zu verlassen und mich in dieses Chaos aus Farben, Licht und Lärm zu begeben. Ausziehen, waschen, anziehen, „brauche ich eine Jacke?“, Einkaufszettel schreiben und in Gedanken mehrmals den Weg und die Regale durchgehen, „was wenn es mein Müsli nicht mehr gibt?“, Rucksack, Geld und Chip nicht vergessen und mental auf den Stress an der Kasse vorbereiten, ich höre das Piepsen jetzt schon. Selbst mit Ohrstöpseln und Sonnenbrille schaffe ich es heute nicht.

Einkaufen ist ein Marathon, von dem ich jedes einzelne Mal völlig verschwitzt und ausgelaugt zurückkehre. Nicht selten gerate ich im Supermarkt in einen Overload (Reizüberflutung). Dann verschwimmt mein Blickfeld, das Licht blendet,die Farben ziehen an mir vorbei, das Kassenpiepsen sticht wie ein Messer in meine Ohren und mein Hirn und die Ventilatoren werden zu betäubend lauten Geräuschwellen. Die Menschen in der Schlange drängen immer näher, an der Kasse werden mir die Lebensmittel mit einer Geschwindigkeit entgegen geschleudert, dass ich nur noch ein Band aus Farben erkennen kann. Dann berühre ich aus Versehen die Hand der Verkäuferin. Ein Zucken geht durch meinen Körper und ich werde das Gefühl ihrer Hand an meiner nicht mehr los. Mir wird warm, heiß und die Kleidung klebt unangenehm an meiner Haut. Schließlich sehe ich nur noch durch einen Tunnel, es rauscht um mich herum. Ich möchte fliehen, hinaus rennen, einfach so schnell wie möglich von diesem Stress weg.

Ähnlich geht es mir in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie sind meist voll, eng, stickig, laut und im Sommer stinken sie noch viel schlimmer als sonst. Ich kann nie wissen, ob oder wer sich neben mich setzen wird. Die Leute nehmen keine Rücksicht auf den persönlichen Raum der anderen, kommen mir immer sehr nahe und berühren mich völlig unbewusst und gleichgültig. Ich empfinde das als Angriff und als Ignoranz, auch wenn es bei vielen nicht so sein mag. Es ist unerträglich.
Manchmal warte ich auf den nächsten oder übernächsten Zug, da ich diese dauerhafte und direkte Nähe und die vielen Reize nicht aushalte. Aus verschiedenen Gründen bin ich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen und lege sehr großen Wert auf Pünktlichkeit, weshalb ich dann doch oft Overloads und Panikattacken riskieren und genügend Zeit einplanen muss.

Leider fehlt vielen das Bewusstsein für diese und ähnliche Schwierigkeiten, oder die Akzeptanz, dass etwas unsichtbares wirklich existiert und nicht nur Einbildung oder Übertreibung ist. Sätze wie „Reiß dich zusammen“, „stell dich nicht so an“ oder „sei nicht so empfindlich“ bekam ich dabei schon oft zu hören. Zu einem offensichtlich behinderten Menschen, würde man das nicht sagen. Deshalb freut es mich umso mehr, wenn man mich ernst nimmt und mir glaubt, auch wenn es vielleicht nicht ganz nachvollziehbar ist.

Was die Barrierefreiheit betrifft, könnte es so einfach sein. Schon kleine Anpassungen, wie gedämmte Lichter, ordentlich sortierte Waren, keine Musik, Signaltöne, die nicht in den Ohren stechen und etwas weniger Tempo, würden einen großen Beitrag zur Barrierefreiheit leisten. In England und Irland beispielsweise, gibt es in einigen Supermärkten bereits das sogenannte„sensory-friendly shopping“. Einmal in der Woche werden für einige Stunden sämtliche Reize gedämmt, sodass gerade autistische Menschen weniger Probleme haben. Ich bin mir sicher, dass es auch vielen anderen Menschen, die Probleme mit der Reizverarbeitung haben, den Alltag erleichtern würde.

Wattenebelflucht

Manchmal, wenn es kaum noch auszuhalten ist, wenn alles zu viel wird und mein System versagt, wenn ich von der Flut aus Reizen und Gefühlen überschwemmt werde und der Druck im Innern immer größer wird, dann bleiben nur Kampf, Starre oder Flucht. Flucht in den Wattenebel.

Im Overload (Reizüberflutung) reicht meist eine physische Flucht, nach Hause, in eine ruhige Ecke, zu den Toiletten, Hauptsache weg, dunkel, still. Wenn ich nicht fliehen kann, muss ich kämpfen. Eine unkontrollierbare, selbstzerstörerische Gewalt zerfrisst mich erst innerlich und platzt schließlich mit voller Kraft heraus,versucht das Chaos zu bändigen und erzeugt dabei selbst welches. Es ist kein Wutausbruch, kein Trotz und auch keine Aggression, es ist der Druck, die pure Verzweiflung und Hilflosigkeit in einer unfassbar überwältigenden Situation. Wenn ich nicht kämpfen kann, bleibt nur noch der Rückzug in mich selbst. Ich erstarre, schalte ab, verziehe mich in eine betäubte Hülle.

Mein Körper löst sich auf und scheint in den Raum hineinzuschweben. Das Taubheitsgefühl wandert hindurch, vom Kopf ausgehend. Ich spüre keine Grenzen mehr, kann nicht sagen, wo ich ende und die Welt anfängt. Ein Gefühl wie in Watte gepackt und von Nebel umhüllt. Aber nicht so schön, wie man es sich vielleicht vorstellt. Durch den dämpfenden Wattenebelschleier nimmt mein betäubtes Ich die dumpf-rauschende Umgebung wahr. Sie wirkt nicht real, ich bin weit entfernt und scheine sie nicht zu erreichen, als sei ich geschrumpf, in mich hinein geschrumpft, verzerrt und unwirklich. Ich beobachte das Weltspiel distanziert von innen und gleichzeitig von überall. Wenn ich versuche danach zu greifen, wirkt es wie im Traum. Ich renne und komme doch nicht vom Fleck, jede einzelne Handlung wirkt so fremd und ist mir auf eine urkomische Weise gleichgültig.

Diesen Zustand kenne ich gut und in unterschiedlichem Ausmaß. Er zeigt mir, dass ich mich übernommen habe, zu viel Stress ausgesetzt war, oder eine akute Stresssituation nicht bewältigen kann. Er ist die Endphase kurz vor „jetzt geht gar nichts mehr“. Der Akku steht auf null und ich fahre herunter, werde langsam. Manche nennen es Derealisation, andere Dissoziation, aber ich nenne es Wattenebel, ich fühle mich wattig und weit weg von meiner Umwelt. Eigentlich ist es eine Schutzreaktion um stressige Situationen zu überleben, doch es ist beängstigend und ich weiß oft nicht wie ich wieder dort heraus komme.

Auch meine Gedanken sind wie taub, die Bilder verstecken sich hinter den Watteschleiern und es fällt mir schwer mit meinem Mund, den ich kaum noch spüre, Wörter zu formen. Spricht man mich an, antwortet meine Hülle, ich selbst bin längst nicht mehr da, habe mich ausgeklinkt.

Es kann Tage dauern, oder auch nur ein paar Stunden. Das hängt von den Umständen ab. Ich muss mich erden, muss meinen Körper wiederfinden und klar werden. Solch ein Not-Aus, ein Rückzug in mich selbst, scheint in gewissen Zeitabständen lebensnotwendig zu sein, denn je weiter ich mich von meiner Umwelt distanziere, desto eher finde ich wieder zu mir selbst und kann endlich wieder aufwachen und handeln.

Veränderungen und Routinen

Jeder Mensch hat in irgendeiner Weise Routinen. Menschen sind ja bekanntlich „Gewohnheitstiere“, jedoch bringt es die meisten gewöhnlich nicht so sehr aus der Fassung, wenn mal etwas nicht wie geplant abläuft. Sie reagieren vielleicht im ersten Moment verärgert oder frustriert, finden aber schnell, ganz spontan alternative Wege und Möglichkeiten. Meinen Beobachtungen zufolge, scheint es die meisten auch kaum zu stören, wenn zum Beispiel mal ein Termin verschoben werden muss, wenn man sich mal eine Stunde später als verabredet trifft, oder wenn ein gewohntes Lebensmittel plötzlich nicht mehr auffindbar ist, weil es aus dem Sortiment genommen wurde, da nimmt man halt ein anderes. Auch stört es sie anscheinend nicht sonderlich, einen unbekannten Weg zu gehen, wenn ein anderer versperrt ist. Für mich können solche Abweichungen sehr stressig sein, hin und wieder den gesamten Tag zerstören und in einigen Fällen auch in einem Zusammenbruch enden.

Routinen geben Sicherheit. Ich mag sie sehr gerne, mag es, wenn Dinge gleich bleiben und vorhersehbar sind. So kann ich bei gewohnten Abläufen in den Autopiloten schalten und muss keine extra Energie aufwenden um jeden Schritt einzeln zu planen. In neuen Situationen kann ich das nicht und sobald sich etwas an der Routine ändert, bricht im schlimmsten Fall alles zusammen, Weltuntergang… inklusive Autopilot und Nerven.

Um das verstehen zu können, muss ich eventuell kurz erklären, wie ich meine Tage und Pläne wahrnehme:

Meine Tage sind farbig und linear in unterschiedlich große Blöcke unterteilt. Die Blöcke haben verschiedene Konsistenzen, manche sind blasser andere kräftig, in den jeweiligen Farbnuancen des Tages. Manche sind eher abgerundet, andere ganz kantig, je nachdem für was diese Blöcke stehen. Sie sind meine groben Handlungen für den Tag. Ein Uni-Tag (ohne Unterbrechungen) hat zum Beispiel einen sehr langen, massiven Block. Montags ist er kräftig rot und am Mittwoch blass blau. Danach habe ich gewöhnlich Pause. Die Pause ist kein Block, sie ist der Abstand zwischen den Blöcken. Jeder Tag ist also eine Aneinanderreihung verschiedenster Blöcke und Abstände.

Mit Plänen und Routinen sieht es ganz ähnlich aus. Ich habe ein inneres Bild von einem Ablauf. Es ist unveränderlich und orientiert sich an meinen bisherigen Erfahrungen in genau solchen Situationen, wie eine Schablone. Wenn sich nun etwas im Ablauf ändert, passt dieses Bild nicht mehr. Meine Blöcke kommen durcheinander. Jemand schiebt etwas dazwischen, oder ein Block fällt vollkommen weg, zerbröckelt, verändert sich. Darauf bin ich nie vorbereitet. Ich kann mich auch nicht vorbereiten, es ist so unberechenbar.

Als Kind hatte ich viele Jahre lang einen wiederkehrenden Traum, in dem der Boden plötzlich zu wippen begann. Er wippte immer heftiger, ich verlor wortwörtlich den Boden unter den Füßen und fiel in den nächsten Raum, immer und immer wieder, bis ich völlig verschwitzt und panisch aufwachte.

Wenn sich etwas am gewohnten Ablauf verändert, verliere ich den Boden. Ich kann mich an nichts mehr festhalten. Alles ist plötzlich durcheinander, wird zum unüberschaubaren Chaos. Ich verliere die Kontrolle und gerate in Panik. In solchen Momenten brauche ich meine Gewohnheiten mehr als sonst, um mich zu orientieren und ruhiger zu werden.

Gelegentlich kann ich spontan sein, oder besser gesagt, ich kann so wirken. Geplante Spontanität sozusagen. An guten Tagen. Ich weiß das ist eigentlich geschummelt, aber ich komme damit ganz gut zurecht. Über die Jahre habe ich gelernt, mir Situationen gedanklich möglichst so zurecht zu legen, dass sie nicht ganz von dem ursprünglichen Plan abweichen. Es stresst mich zwar und ich bin auch erst einmal durcheinander, wenn ich bei einem geplanten Treffen in einem Café feststellen muss, dass es geschlossen ist, doch nachdem ich mir kurz Zeit genommen habe, die Situation und ihre Auswirkungen auf mich und den ursprünglichen Plan zu verstehen und zu sortieren, bin ich bereit auch ein anderes Café aufzusuchen, denn am Plan „Ausgehen – Treffen – Café“ hat sich nicht viel verändert, der Rahmen bleibt gleich und die Blöcke an ihren Plätzen. Früher wäre das überhaupt nicht möglich gewesen, heute ist es das bedingt. Auch als Kind bestand ich fest auf meine Routinen, die sich teilweise bis heute nicht geändert haben. Ich bevorzuge es, Dinge immer auf die gleiche, mir bekannte Weise zu machen. So kann ich dem hektischen und meist unkontrollierbaren Alltag ein wenig Struktur und Vorhersehbarkeit geben und habe mehr Energie für andere Aufgaben übrig.

Leute, die mir empfehlen, ich solle doch mal von meinen Gewohnheiten abweichen, etwas Neues ausprobieren und nicht alles so eng sehen, wissen einfach nicht, wie schlimm sich das für mich und viele andere Autist*innen anfühlt. Wissen nicht, dass ich zu grübeln beginne, in mir die Angst aufkommt oder noch schlimmer, dass ich nervlich zusammenbrechen kann, wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt, wenn ich mich nicht auf Abmachungen verlassen kann, wenn immer die Gefahr besteht, dass sich jemand nicht an Vereinbarungen hält, zu spät kommt oder spontan Pläne ändert, ohne mir rechtzeitig Bescheid zu geben. Wenn es mein Lieblingsmüsli nicht mehr gibt, oder die Rezeptur verändert wurde, wenn mein gewohnter Platz besetzt ist, oder eine Vorlesung kurzfristig ausfällt, wenn doch mehr Personen kommen, als angekündigt, wenn jemand unangemeldet anruft, klingelt oder vor der Türe steht, oder spontan absagt… Alleine der Gedanke daran macht mich nervös. Ich könnte jetzt noch so viele Situationen aufzählen, die mich an manchen Tagen auch direkt in einen Overload treiben können, aber da wäre ich morgen noch nicht fertig.

Es mag für Außenstehende übertrieben wirken, wenn ich schon bei vermeintlichen Kleinigkeiten so reagiere, doch für mich sind es Großigkeiten. Die Angst davor ist mein ständiger Begleiter, der sich nur durch Routine und Beständigkeit besänftigen lässt.