Hilfsmittel im Alltag

Es hat lange gedauert, bis ich herausfand, welche Situationen mich wie beeinflussen, wie sie auf mein Stresslevel wirken und wann es Zeit wird, mich zurückzuziehen. Viel Stress lässt sich dadurch vermeiden, dass ich mich gewissen Situationen einfach nicht mehr aussetze. So zwinge ich mich zum Beispiel nicht mehr unnötig in reizintensive Situationen und achte mehr darauf, mich nicht zu übernehmen. Erst seit mir bewusst ist, was diesen Stress auslöst, kann ich aktiv eingreifen. Es gibt aber auch Momente, da kann ich nicht einfach gehen oder ganz wegbleiben. Zum Beispiel in der Uni, oder wenn ich in der Bahn unterwegs bin. Es gibt Situationen, da ist eine Flucht unmöglich und der Overload quasi vorprogrammiert. Jedoch kann ich solchen Overloads oft mit gewissen Hilfsmitteln entgegenwirken. Es sind meist Kleinigkeiten, die mir den Alltag erleichtern und mein Stresslevel senken können. Ich möchte ein paar dieser Hilfsmittel hier beschreiben und vielleicht dienen sie dem ein oder anderen ja als Anregung.

Gewichtsdecke

Im Januar hatte ich vorlesungsfrei und neben ein paar Hausarbeiten Zeit, eigene Projekte anzugehen. So setzte ich endlich meinen Plan um, mir eine Gewichtsdecke selbst zu nähen, denn gekauft sind sie oft viel zu teuer. Gewichtsdecken und -westen lernte ich in meinen Praktika kennen. Ich durfte sie selbst ausprobieren und erinnerte mich, dass ich auch als Kind schon gerne schwere Gegenstände auf mir liegen hatte, enge Räume, wie Kisten und Schränke bevorzugte und mich bei jeder Gelegenheit in den Schlitz zwischen den Matratzen des Ehebettes meiner Eltern quetschte. Der Tiefendruck der dabei auf den Körper ausgeübt wird, wirkt beruhigend auf das Nervensystem und kann bei Nervosität, Schlafstörungen, Ängsten und noch vielen anderen Problemen helfen und therapeutisch eingesetzt werden. Viele dieser Probleme sind mir bekannt. Ich leide seit meiner Kindheit unter phasenweisen Ein- und Durchschlafstörungen und meine Eltern versuchten fast alles, diese in den Griff zu bekommen. Ich setzte meine Hoffnung auf diese Decke und nähte sie fast durchgehend, innerhalb einer Woche fertig. Sie wiegt etwa 18 kg und ist genau richtig für mich zum Schlafen, zum Runterkommen nach einem Overload, zum Erden, wenn ich mich „auflöse“, oder einfach zum Entspannen zwischendurch.

Eine Anleitung dazu gibt es hier: http://www.ruhrpottzwerge.de/2014/06/11/gewichtsdecke-ganz-einfach-selbstgemacht/

Smartphone

Seit Februar 2017, also erst seit etwas mehr als einem Monat, bin ich dazu übergegangen ein Smartphone zu benutzen. Da ich sowieso nicht gerne telefoniere und nur wenige Kontakte habe, genügte mir bisher immer ein altes Urzeit-Nokia. Alles in mir sträubte sich bei dem Gedanken, ein so großes Gerät mit so vielen überfordernden Funktionen mit mir herum zu schleppen. Inzwischen bereue ich es nicht, diesen Schritt und diese Veränderung gewagt zu haben. Ich fühle mich viel sicherer. Wenn ich unterwegs bin und mich verlaufe oder die Orientierung verliere, kann ich ganz einfach nachschauen oder Hilfe holen. Auch gibt es verschiedenste Apps, die mich beispielsweise daran erinnern zu trinken, mir helfen meinen Tag zu strukturieren und mich einfach ein bisschen mehr zu sortieren. Mit Spielen wie Blendoku (Farben logisch sortieren) oder Fluid Monkey (Farben malen) und dem mobilen Internetzugang, habe ich jetzt immer und überall die Möglichkeit aus stressigen Situationen zu „fliehen“, mich meinen Spezialinteressen zu widmen und mich so in akuten Overloads ein wenig zu erholen.

Stimmingtoys

Es gibt inzwischen eine große Vielfalt an Stimmingspielzeugen, die akut Stress abbauen und konzentrationsfördernd sein können. Natürlich „stimme“ ich auch mit meinem Körper, meinen Händen, mit meiner Umgebung und im Grunde kann fast alles für Stimming benutzt werden, aber ich finde es besonders gut, wenn es klein, praktisch und unauffällig ist.

Auf Platz eins ist daher mein „Tangle Therapy Jr.“ (gibt es bei Amazon). Es passt in meine Jackentasche, fühlt sich angenehm an und wirkt sofort. Ich kann meine Hände oft nicht still halten und es ist gerade dann hilfreich, wenn ich nervös bin oder mich konzentrieren muss. Ein Kugelschreiber, den ich hin und her flackern kann, tut es im Notfall aber auch.

Dann gibt es noch die intelligente Knete, die einen ähnlich beruhigenden Effekt hat, dabei in allen möglichen Farben schön anzusehen und in ihrer Verwendbarkeit sehr vielfältig ist. Man kann sie normal kneten, Blasen mit einem lauten Knall platzen lassen, sie wie Papier zerreißen oder wie einen Flummi springen lassen.

Was sehr unauffällig, aber super hilfreich ist: ein Haargummi am Handgelenk. Es ist günstig und in allen möglichen Formen und Farben zu finden. Ich kann es flitschen, ziehen, drehen, knoten, um die Finger oder Hand wickeln usw. und es hilft mir, zu fokusieren und besonders in Gesprächen aufmerksam zu bleiben.

Ein weiteres Gadget ist mein Duft-Ei. Es hilft ebenfalls zu fokusieren und schlechte Gerüche in der Umwelt auszublenden. Dazu habe ich Löcher in ein Ü-Ei gepiekst, es mit Watte gefüllt und ein paar Tropfen ätherisches Öl hinein gegeben. Ist schnell gemacht, einfach und wirksam.

Was mir auch gut gefällt, aber nicht so handlich ist, sind Glitzerflaschen. Ein super Stimmingtoy für visuelle Typen und einfach zu machen. Ich habe dazu eine Smoothieflasche aus Plastik gereinigt, das Etikett entfernt und anschließend eine ganze Flasche transparenten Flüssigkleber hineingefüllt. Danach gibt man ein paar Tropfen Lebensmittelfarbe und zwei bis drei Teelöffel feines Glitzerpulver (wahlweise) in verschiedenen Farben hinzu. Den Rest füllt man mit lauwarmem Wasser auf, verschließt es und schüttelt kräftig. Wirkt beruhigend und sieht schön aus.

Sonnenbrille und Ohrstöpsel

Weitere Lifesaver im Alltag, sind meine Sonnenbrille und Ohrstöpsel. Beim Einkaufen im lauten und hellen Supermark, an hellen Tagen oder in Räumen mit grellen Lichtern, in lauten Cafés oder auch einfach nur, wenn ich mal Ruhe brauche oder schlafen will. Sonnenbrille auf, Ohrstöpsel rein und manchmal auch noch Kapuze des Lieblingspullovers auf. So entsteht eine Hülle, die mich vor den ganzen Außenreizen ein bisschen schützt. Außerdem fällt es mit Sonnenbrille nicht so auf, wenn ich Menschen auf den Mund, statt in die Augen schaue. Es überrascht mich immer wieder, wie effektiv diese kleinen Veränderungen sein können und wie viel Energie ich dadurch über den Tag sparen kann. Ein lautes Café wirkt mit Ohrstöpseln beispielsweise nicht mehr so chaotisch und überwältigend. Mein Tunnelblick schwindet und ich kann den Raum wieder einigermaßen überblicken. Dank der Filter kann ich Gespräche trotzdem noch in geringerer Lautstärke hören, während die Umgebungsgeräusche gedämpft werden. Auch in den meist etwas lauteren Pausen und in der Mensa sind sie ständig in Gebrauch. Sie sind ein annehmbarer Ersatz für die Reizfilter, die ich nicht habe.

Musik und Bücher

Die Musik hat einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Leben und es gibt keinen Tag, an dem ich ohne meinen iPod aus dem Haus gehe. Ich liebe es in die verschiedenen Atmosphären abzutauchen, die passende Musik für meine Stimmung zu finden und meinen ganz eigenen Lebenssoundtrack zusammenzustellen. Dank meiner Synästhesie, kann ich Musik und Klang auch am und im Körper und Raum fühlen. Es ist schwer zu beschreiben, aber ein bisschen ist es so, als befände ich mich in einer Klangmasse, die mit meinen Zellen synchron zur Musik tanzt und mich mit dem Klangraum verbindet. Wenn ich selbst spiele, kann ich die Welt komplett ausblenden. Aus einem ähnlichen Grund nehme ich gerne Fachbücher über mein Spezialinteresse mit, wenn ich unterwegs bin. Beides bietet mir die Möglichkeit bei zu großer Überforderung abzuschalten, kann aber auch als Zugang zu meinen Emotionen dienen.

Trampolin

Mitten in meinem Zimmer steht ein kleines Trampolin. Dank der hohen Decken, kann ich hier nach Lust und Laune Energie loswerden, sportlich sein und gleichzeitig ruhiger werden. Durch den Wechsel der Kräfte, die auf den Körper wirken, spüre ich ihn anschließend viel besser. Ähnlich geht es mir nach dem Schwimmen. Ich fühle mich ganz angekommen und IN meinem Körper, kann meine Grenzen besser wahrnehmen. Außerdem eignet es sich neben der Musik hervorragend als Ventil für angestaute Wut oder Freude.

Das war eine kleine Auswahl an Hilfsmitteln, mit denen ich meinen Alltag etwas angenehmer gestalte. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wo die eigenen Grenzen liegen und wie man für sich selbst besser sorgt und es kann sogar richtig Spaß machen, nach solchen kleinen Helfern zu suchen und sie in den Alltag zu integrieren.

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„Diese zwanghaften Autisten“

Ich habe aufgehört zu zählen. Aufgehört zu widersprechen und jedem einzeln zu erklären wieso, weshalb, warum.

Ständig begegnen mir sogenannte „Experten“, mit der festen Überzeugung, autistische Menschen seien zwanghaft, in ihrer Welt gefangen, inselbegabt oder auf irgend eine Weise ja doch zurückgeblieben. Und nicht zu vergessen, dass viele immernoch der Meinung sind, Autismus sei eine Krankheit, eine Störung und müsse geheilt bzw. geändert werden. Solche Aussagen sind verletzend, pauschal und einfach falsch. Und so ganz nebenbei: Aus autistischen Kindern werden autistische Erwachsene, die sogar in Hochschulvorlesungen zu Themen wie Autismus sitzen können und besser Bescheid wissen, als die Dozenten selbst, da sie Experten in eigener Sache sind. Leider bin ich in Vorlesungen meist so sprachlos, dass es mir nur selten gelingt solchen Aussagen zu widersprechen. Bis ich Sätze formuliert habe, die genau das ausdrücken was ich sagen möchte, ist es zu spät und ich sitze da, angespannt, frustriert und wütend, dass solche Ansichten immernoch in Bildungseinrichtungen für Pädagogen verbreitet werden.

Ich kann und möchte nicht für alle autistischen Menschen sprechen, es gibt auch hier sicherlich Unterschiede. Das Spektrum ist groß und die Menschen sehr vielfältig. Nicht alle haben die gleichen Probleme und nur selten wird die Innensicht des Individuums berücksichtigt. Doch lassen sich im Austausch immer wieder Gemeinsamkeiten feststellen.

Zwänge und Stimming werden oft verwechselt

Was für Außenstehende oftmals wie ein Zwang oder möglicherweise schon krankhafte Besessenheit aussieht, ist für den autistischen Menschen stressreduzierend, überlebensnotwendig und in den meisten Fällen nicht schädlich. Für niemanden. Versprochen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Ein Verbot bzw. eine Unterdrückung dieses Verhaltens durch Training und Konditionierung ist jedoch keine Lösung und lässt den inneren Druck nur noch größer werden! Sogenannte “Stereotypien”, wie es in Fachkreisen heißt, also Routinen, Wiederholungen, Interessen und gewohnte Strukturen und Handlungen, sind nicht grundsätzlich zwanghaft, sondern geben uns die nötige Struktur und Sicherheit im Alltag und helfen, mit den ganzen Eindrücken dieser hektischen und lauten Welt zurecht zu kommen.

„Aber das ist doch nicht gesund, man muss sie aus ihrer Welt herausholen!“. Erschreckend, aber diese Aussage musste ich mir schon so oft anhören. Leider auch von Personen, die mit autistischen Kindern arbeiten.

Nein! Man muss uns nicht da “heraus holen”. Es kann passieren, dass wir die Welt um uns herum komplett ausblenden, sei es als Resultat einer völligen Reizüberflutung, oder weil wir uns auf unser Interesse fokusieren. Wir leben trotzdem in einer gemeinsamen Welt. Was uns unterscheidet, sind unsere Wahrnehmungen, unsere Erfahrungen, unsere Art wie wir Dinge verstehen , wie wir mit ihnen zurecht kommen und unsere “Sprachen”.

Wir haben sehr gute Gründe, warum wir uns mit einer Sache beschäftigen und das vielleicht mehrere Wochen, Monate oder Jahre lang. Warum manche von uns stundenlang Dinge beobachten oder mit Gegenständen herumspielen können. Warum wir bestimmte Bewegungen und Abläufe immer und immer wieder durchführen. Es sind meist einfache Gründe. Wir beruhigen uns damit, es gibt uns Sicherheit, schafft Ordnung und im besten Fall macht es auch noch tierisch viel Spaß. Man nennt das “Stimming” oder selbst-stimulierendes Verhalten. Das machen nichtautistische Menschen übrigens auch. Schonmal mit dem Kugelschreiber geklickert? Oder mit den Beinen gewippt? Pfeifen und Rhythmen klopfen gehören auch dazu, um nur ein paar zu nennen. Das beruhigt, oder? Und es schadet auch keinem, stimmt’s?

In einer Welt, in der alle ständig rennen und schnellstmöglich an ihr Ziel gelangen möchten, verpassen sie die kleinen schönen Dinge. Die faszinierenden Details dieser Welt. Wenn mich die Eindrücke aus der Umgebung, oder meine eigenen Gedanken und Gefühle überwältigen, wenn der Druck so groß wird, dass ich denke, innerlich zu zerreißen, hilft dieses Stimming einen totalen Zusammenbruch zu vermeiden. Ich erzeuge etwas Eigenes, um das überwältigende Fremde auszuschließen. Es baut überschüssige Energie ab und portioniert die Reize in kontrollierbare, überschaubare Häppchen.

Ich möchte nicht behaupten, dass Autisten keine Zwänge haben. Das haben einige bestimmt. Und wenn sie sich davon eingeschränkt fühlen, sollte nach Lösungen gesucht werden. Keine Frage. Ich habe auch Zwänge, aber die fühlen sich im Gegensatz zum Stimming nicht gut an und stören mich im Alltag. Es gibt weniger einschränkende Zwänge, wie die Regel, niemals auf Gullideckel treten zu dürfen oder das ständige Bedürfnis sämtliche Kanten und Ecken symmetrisch anzuordnen und es gibt einschränkendere wie manche meiner komplexen Zwangsgedanken. Man kann es sich wie ein inneres Körperjucken vorstellen, an das man nicht herankommt um zu kratzen. Es ist sehr unangenehm und hört nur auf, wenn das Bedürfnis gestillt ist. Das bedeutet aber nicht, dass so etwas für jeden einen Zwang darstellt.

Stimming ist völlig okay. Es ist hilfreich und solange es keinem ernsthaft schadet, sollte man es einfach akzeptieren und sein lassen. Auch in der Öffentlichkeit. Eine zappelnde, schaukelnde oder summende Person schadet niemandem. Nur weil etwas für Nichtautisten keinen Sinn zu haben scheint, oder zwanghaft aussieht, ist es nicht falsch. Jedes Verhalten hat bestimmte Gründe und wenn man aufmerksam ist und hinterfragt, kann man uns und unsere Sprache vielleicht ein bisschen besser verstehen.

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