Am Abgrund

Ich lebe noch und das habe ich vor allem einigen ganz tollen Menschen zu verdanken. Seit Anfang Mai wohne ich vorübergehend bei einer Freundin. Bei meiner besten Freundin und anderen ganz wunderbaren Lieblingsmenschen in der WG. Dieses Umfeld tut mir unglaublich gut und ich bin unendlich dankbar, dass ich dort sein darf, dass sie mich in der schwierigsten Zeit auffangen und unterstützen.

Ganz plötzlich lag ich in meinem Zimmer auf dem Boden, meine Beine waren kraftlos und sackten unter mir ein. Ich konnte mich nicht bewegen, fühlte einen riesigen Abgrund in mir aufgehen und wollte eigentlich nur sterben. Einen konkreten Auslöser gab es nicht, aber wie sich herausstellte, liegt es wohl an meiner Überforderung. An der chronischen Überlastung, die ein Leben als funktionierendes, angepasstes Maskenwesen mit sich bringt. Die Jahre der Kompensation haben zugeschlagen  und mich wieder an den Abgrund gedrängt. Ich wusste, dass ich jetzt trotz des großen Wunsches, mich von der Welt zu trennen, nicht alleine sein sollte.

Das geht nun schon über einen Monat so. Ich habe immer wieder Zusammenbrüche, Overloads und Panikattacken, ziehe mich mal gewollt und mal ungewollt zurück und kämpfe mich mit aller Mühe durch den Alltag. Ich fühle alles und gleichzeitig nichts und schließe bei Gefahr alle Emotionen, zu einem Gefühlsklotz gebündelt aus, weil ich sie nicht sortieren kann. Dann ist mir alles egal und kommt mir unglaublich sinnlos vor. Und wenn ich dann mal weiß, was ich fühle, kann ich es nicht zeigen. Es ist doch einfach nur frustrierend.

Fast jeden Tag habe ich Suizidgedanken, denke daran wie es wäre nicht mehr hier zu sein, diese ganze Anstrengung nicht mehr ertragen zu müssen. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ehrlich gesagt finde ich den Gedanken beruhigend und belebend, immer diesen einen Notfallplan zu haben. Und ich weiß ja, dass es nie aufhört, dass es immer anstrengend bleiben wird. Es bleibt ein ständiger Kampf gegen die emotionale Überlastung, die Anstrengung und die unerträgliche Angst in beinahe jeder Situation. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, mich jemals irgendwie an diese Dauerbelastung gewöhnen zu können oder sie loszuwerden. Ich denke immer, niemand sieht, wie sehr mich die einfachsten Situationen anstrengen, wie ich jede Minute kämpfen und sortieren muss und wie groß meine Angst ist, die ich nicht richtig ausdrücken kann. Angst, die mich oft komplett erstarren lässt, meinen Körper, meine Sprache und meine Gedanken einfriert. Und ich weiß, dass es nur wenige Menschen gibt, die das sehen und nachvollziehen können, die sich die Mühe machen und auf andere Kommunikationsarten einlassen. Ich kenne kaum Situationen, in denen ich keine Angst spüre und befinde mich seit Wochen an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr aushalte und aushalten möchte.

Die Gedanken an Selbstmord sind an manchen Tagen sehr konkret. Ich hatte begonnen zu recherchieren und zu planen und weiß, dass das eigentlich der Zeitpunkt ist, an dem ich in eine Klinik sollte, doch ich weiß auch, wie es dort läuft. Ich habe Familienmitglieder, die viel Zeit in Psychiatrien verbracht haben und ich war selbst schon viel zu oft dort, wenn auch nur als Besucher. Ich weiß, dass ich dort nicht gesund werden würde, dass man auf meine Bedürfnisse keine Rücksicht nimmt, mich mit Medikamenten ruhig stellt und in Therapiegruppen zur Beschäftigung absetzt. Das hatte mir auch die unfreundliche und inkompetente Psychiaterin vorgeschlagen, die ich in völliger Verzweiflung und nach langem Von-Termin-zu-Termin-Rennen um Hilfe bat. Ich brach schließlich in ihrem Treppenhaus zusammen.

Jetzt befinde ich mich am Ende meiner Kräfte, aber auch am Ende meines Studiums und in der größten Schreibblockade meines bisherigen Lebens. Das Thema Bachelorarbeit triggert mich, ich schaffe es nicht weiter zu schreiben und selbst beim Gedanken an die bevorstehenden Prüfungen, fahren meine Mauern schon wieder hoch. Es ist nicht der Inhalt, der mir Probleme bereitet, es ist die Schwierigkeit, mehrere Dinge parallel laufen zu haben und beachten zu müssen. In Fachkreisen würde man sagen, ich habe ein Problem mit den Exekutivfunktionen. Wenn die Umgebung stimmt und ich mich um nichts anderes kümmern müsste, als um die Bachelorarbeit, würde es sehr wahrscheinlich funktionieren. Jedenfalls sobald ich aus dem Depressionsloch raus bin. Aber so erscheint mir alles wie ein unüberschaubarer Haufen von Aufgaben und Handlungen, die keinen Anfang und kein Ende haben. Ohne Wegweiser und Anleitung bin ich aufgeschmissen.

Lange Zeit habe ich kompensiert und funktioniert. Das kostete mich viel Kraft. Kraft die ich gerade nicht habe. Ich lebe im Energiesparmodus und kann keine Erwartungen mehr erfüllen. Auch nicht meine eigenen. Gedanken sind erschöpfend, aber der Grübelstrudel lässt mir keine Ruhe. Ich muss trotzdem durch den Alltag kommen und so verbrauche ich täglich Reserveenergie, die ich eigentlich nicht habe, um aufzustehen, zu essen, zu kommunizieren und einfach wach und anwesend zu sein. Ich bin in meinen basalen Funktionen dermaßen eingeschränkt, dass ich ohne die Hilfe meines Umfeldes nicht klar käme. Würde ich auf mein natürliches Verhalten hören, würde ich mich komplett einigeln und den ganzen Tag verschlafen. Dass das zu nichts führt weiß ich, aber ich kann einfach nicht mehr.

Ich habe das Gefühl, jemanden zu brauchen, der mir sagt, was ich tun muss. Eine Person, die mir Impulse gibt und vorübergehend die Führung übernimmt, die um meine Besonderheiten weiß und mir hilft, Struktur und Ansätze zu finden. Jemanden, der mich „an der Hand nimmt“ und Schritt für Schritt weiterführt. Das klingt im ersten Moment wahrscheinlich sehr befremdlich, aber es würde mir zurzeit wirklich helfen. Für mich ist es sehr frustrierend, solche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen und einfache Alltagshandlungen nicht ohne weiteres geregelt zu bekommen. Meine Handlungsplanung kann ich sprichwörtlich „in die Tonne treten“. Ich sehe beispielsweise den vollen Müll, die Säcke und das überquellende Altpapier. Ich weiß, dass das Zeug raus muss. Aber ich brauche jemanden, der mir genau zeigt wohin, wie die Tonnen aufgehen (die sind in der WG anders als bei mir zu Hause) und das in kleinen Einzelschritten. Ja ich könnte es theoretisch auch selbst herausfinden. Wenn ich wie sonst funktionieren würde, könnte ich herunterlaufen und nachschauen. Es hört sich absurd an und ich weiß nicht warum es nicht geht, aber es geht nicht.
Ich bin froh, dass immerhin die routinierten Abläufe noch einigermaßen funktionieren. Doch für alles andere brauche ich Unmengen an Energie, die ich gerade kaum noch aufbringen kann.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, in der mir meine Mutter noch alles ganz genau und praktisch erklären musste. Wie ein Kleinkind, das an die Hand genommen werden muss, weil es alleine sehr wahrscheinlich vor ein Auto rennen würde.

Es ist für mein Umfeld sicherlich nicht einfach und nicht so leicht nachvollziehbar. Für mich ist es der größte Schritt, zu akzeptieren, dass ich diese Hilfe brauche, um hoffentlich bald wieder in meinem Maße funktionieren zu können. Diese Hilfe zu bekommen ist jedoch nicht so einfach. Lösungen bleiben Theorie und man erwartet, dass ich die Initiative ergreife und möglichst bald wieder „normal“ funktioniere. Dass das eine der größten Hürden momentan ist, wird nicht verstanden. Immer wieder heißt es „rufen Sie dort an“, „lassen Sie sich dort beraten“, „gehen Sie“, „machen Sie“. Anstatt aktiv zu helfen, werden mir weitere Berge in den Weg geschoben.

Zu dem ganzen Chaos kommt noch meine ständige Sorge hinzu, für mein Umfeld eine Belastung zu sein. Ich weiß, dass ich anstrengend sein kann und andere auch ihre Sorgen und Nöte haben. Ich würde mich am liebsten jeden Tag versichern, dass es okay ist, wenn ich dort bin und würde vermutlich jeden Tag die gleiche Frage stellen. Mir wurde versichert, dass man es mir auf jeden Fall sagt, wenn ich störe und das glaube ich auch, aber ich habe immer wieder diese Schuldgefühle, alle zu nerven, etwas falsch zu machen oder gemacht zu haben oder die falschen Worte gewählt zu haben. Es ist nicht einfach diese Gefühle und Gedanken abzulegen, wenn man die meiste Zeit seines Lebens vermittelt bekam, nicht richtig zu sein. Hinzu kommt, dass ich Mimiken oft nicht richtig deute und bei der kleinsten Anspannung denke, mein Gegenüber ist wütend. Dass ich daran in den meisten Fällen nicht schuld bin und es oft nicht mal Wut ist, weiß ich inzwischen, aber die Information kommt bei mir anders an.

Dieses Gefühl, nicht richtig zu sein, vermitteln mir momentan mein Vater und mein Bruder, für die es so etwas wie Depressionen, Autismus oder andere seelische Behinderungen nicht gibt. Oder sie wollen sich nicht damit beschäftigen. Für sie zählt Arbeit und das Funktionieren in einer Leistungsgesellschaft. Wer nicht arbeitet und sich von Therapeuten helfen lässt, ist nach ihrer Ansicht nach faul, gegen die Gesellschaft und benutzt psychische Krankheiten nur als Ausrede. Ich denke eher, die Auseinandersetzung mit diesem Thema übersteigt ihre intellektuellen Fähigkeiten. Vielleicht ist es auch Selbstschutz. Aber das ist ein anderes Thema. Man darf ja Meinungen haben.

Ich habe großes Glück in dieser WG sein zu dürfen und diese eine beste Freundin zu haben, die meine Schwierigkeiten sieht, die mich sieht und versteht, die auch in den schwierigsten Zeiten zu mir hält, die mein Verhalten oft richtig interpretieren, ertragen und sogar wertschätzen kann, die für mich herum telefoniert, mich in meinen verletzlichsten Momenten schützt und einen Teil der Last trägt. Ohne sie würde ich das alles vermutlich nicht schaffen.

Danke, dass Du das alles für mich tust, dass Du dir die Mühe machst und für mich stark bist, wenn ich es nicht kann, dass Du mit mir versuchst Wege zu finden und zu gehen. Menschen wie Du sind das beste Geschenk, das einem das Leben machen kann.

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April April, ich sag was ich will!

Die Gedanken rasen. Ein knisterndes Knäuel, schnell springend im überfüllten Schädel und ich kann keinen einzigen Faden richtig fassen. Ich möchte am liebsten alles auf einmal auskotzen. Buntes Gedankenkotzen, alles raus und dann sortieren: wichtig-unwichtig-was ist das denn? So wie ich es mit vielen meiner Dinge mache. Leider geht das nicht. Okay vielleicht ein bisschen, indem ich hier schreibe, aber egal wo ich anfange und wie weit ich komme, es wird nicht weniger und es kommt ja ständig Neues hinzu.

In letzter Zeit ist viel passiert. Ich merke das erste Mal so richtig, dass ich Fortschritte mache. Nicht nur theoretisch oder vom Feedback der anderen. Nein, ich merke es an mir selbst, wie ich teilhabe, mich ausdrücke und nicht mehr alles für mich behalte oder zu verstecken versuche. Gleich mit einem Ausbruch. „Back to the roots“ sozusagen, denn zu meiner Schulzeit war ich bekannt dafür, meine Meinung zu äußern, Lehrer zu korrigieren, mich für Gerechtigkeit einzusetzen und damit ständig anzuecken. Ich unterdrückte es, bis ich es verlernte. Bis ich so große Angst davor entwickelte, wieder gedemütigt, geschlagen und ausgeschlossen zu werden. Ich konnte nur überleben, indem ich den Drang nach Richtigkeit unterdrückte und versuchte mein Innerstes, mein wahres Ich vor der Außenwelt zu verstecken. Mir war nicht bewusst, dass ich mich damit gleichzeitig schützte und mir schadete. Umso glücklicher bin ich, dass ich anscheinend gerade so gut drauf bin, diesen Schritt wagen zu können und mich auch in Vorlesungen und Seminaren immer mehr mitzuteilen, ohne Gefahr zu laufen, für meine Art wieder gemobbt zu werden. Ich mache das eben so, selbst wenn es manche ganz offensichtlich nervt, dass ich klischeehaft pedantisch auf korrekte Begrifflichkeiten und Informationen bestehe und Dozenten auf Fehler aufmerksam mache, besonders wenn es um meine Interessen geht. Ich habe lange genug geschwiegen. Jetzt bin ich an der Reihe.

Doch es ist gar nicht so einfach, besonders wenn die Sprache in den wichtigen Momenten so oft versagt. Mir ist Aufklärung enorm wichtig und ich habe manchmal so viele Ideen und Anliegen im Kopf, dass ich damit völlig überfordert bin und schließlich zu nichts komme oder befürchte, jeden Augenblick zu „platzen“. Das wäre schlecht. Nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für das eigentliche Ziel. Wie kann ich mir sicher sein, dass meine Gedanken zu Worten werden, die nachvollziehbar sind? Dass sie so verstanden werden, wie ich es meine und dass sie zum richtigen Zeitpunkt ausgesprochen und gehört werden? Ich habe das Gefühl, dass mir die Welt davon rennt. Ich suche nach einem Ansatz und sobald ich einen in Sichtweite habe, ist er schon nicht mehr erreichbar oder jemand kommt mir zuvor und nimmt mir die Stimme. Die Chance ist schneller vertan als ich „Gedankenkotze“ denken kann.

Ich meine das jetzt vor allem im erweiterten Sinne, denn manchmal kann es mir auch helfen, wenn ich den Impuls eines anderen aufnehme und so ins Sprechen komme. Wenn sozusagen die Hürde von Innen nach Außen übernommen wird. Das ist hilfreich, solange ich dann auch frei für mich sprechen darf, solange niemand ohne meine Erlaubnis für mich spricht.

Es gibt allerdings auch Organisationen und Personen, die Menschen wie mir die Stimme nehmen und sogar vor uns warnen. Organisationen, die Autismus ausrotten wollen. Eine Sache, die mich und viele andere Autist*innen nicht nur im April, dem „Autism Acceptance Month“ beschäftigt. Wie schafft man sich als Minderheit eine Stimme, die auch gehört und nicht von Vereinen wie Autism Speaks unterdrückt und übertönt wird? Obwohl es so oft heißt „Sprecht MIT Autisten, nicht ÜBER sie“, scheitert diese Idee immer noch bei der Umsetzung. Nicht überall, aber gerade dort, wo es so wichtig wäre, wo Inklusion besprochen, aber nicht ausreichend umgesetzt wird. Es gibt viele Blogger die darüber berichten und ich möchte dieses so oft diskutierte Thema hier nicht ein weiteres Mal in seinem ganzen Umfang ausbreiten, zumal ich jetzt schon kräftemäßig am Ende bin (dabei hat der April gerade erst angefangen). Aber ich möchte zum Ausdruck bringen, dass es ohne Ausnahme notwendig ist, mit autistischen Menschen zu sprechen, zu fragen und zuzuhören, was sie zu sagen oder zu schreiben haben, wenn man sie verstehen und in ihrem Kampf für Selbstbestimmung unterstützen möchte.

Warum ein Pinguin keine Giraffe werden kann

Wahrscheinlich wird das kein besonders netter Beitrag, ja vermutlich wird es einigen überhaupt nicht passen, doch mir ist es wichtig und ich wollte es schon lange los werden.

Als angehender Heilpädagoge habe ich die Chance das Thema Autismus von zweierlei Seiten zu betrachten. Doch es ist nicht immer ganz einfach, diese Perspektiven miteinander zu vereinen. Mein Studium ist zwar darauf ausgelegt, uns zu reflektierten und ganzheitlich arbeitenden Pädagogen auszubilden und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Pädagogen und Fachleute mit den besten Absichten handeln, jedoch stoße ich mich an einigen der uns vermittelten Methoden und Vorstellungen, wenn es darum geht, autistische Menschen zu begleiten und zu fördern.

Es gibt leider heute noch veraltete und falsche Ansichten darüber, was es bedeutet Autist zu sein. Keiner weiß das so genau, wie die betreffenden Menschen selbst, dennoch wird Wissen vermittelt, welches mit der Realität oft kaum etwas zu tun hat. In einigen Fällen ärgert es mich sogar, wenn nichtautistische Menschen anderen nichtautistischen Menschen erklären wollen, wie wir funktionieren und uns selbst dabei nicht zu Wort kommen lassen. Es ist ungerecht, wenn über uns gesprochen wird, aber nicht mit uns, selbst wenn wir anwesend sind. Es kann höchstens eine Annäherung an die Innensicht geben, aber nie ein hundertprozentiges Wissen. Also verstehe ich nicht, warum es manchmal überspitzt ausgedrückt heißt: „Autisten machen dies und jenes, aus diesem und jenem Grund und das muss ihnen aberzogen werden, denn das entspricht nicht unseren Vorstellungen, wie sie sein sollen und in der Gesellschaft zurecht kommen können.“ Oder warum einige der „Experten“ so darauf aus sind, uns unser natürliches Verhalten abzugewöhnen und stattdessen für sie natürliches Verhalten verlangen. Umgekehrt wäre es doch auch nicht fair. Einer Person, die nicht laufen kann, würde man nicht sagen:„Du musst jetzt lernen richtig zu gehen, denn wir machen das alle so und du willst doch selbständig sein“. Ich weiß dieser Vergleich wird ständig verwendet, aber er passt an dieser Stelle einfach gut und macht hoffentlich deutlich, wie unlogisch und blödsinnig das alles ist.

Es ging schon so weit, dass mir in der Vorlesung eines Gastdozenten die Diagnose abgesprochen wurde, nachdem ich gegen eine seiner Aussagen protestierte und mich zwangsweise outen musste. Er hatte also ganz offensichtlich seine Vorstellung davon, wie Autisten sind. Humorlos. Dass wir durchaus Witze verstehen und lachen können, schien ihm wohl fremd zu sein und wenn ein Mensch von seiner Vorstellung abweicht, kann er ja kein Autist sein (Vorsicht Sarkasmus!). In einem anderen Beitrag erwähnte ich bereits, dass es hieß „man muss sie aus ihrer Welt herausholen und die Stereotypien unterbinden“. Dass es sich dabei um einfaches Stimming handelt, welches ein ganz natürliches Verhalten für autistische Menschen ist, war wohl nicht bekannt und wurde auch nicht hinterfragt.

Meine Grundannahme ist, dass sich jedes Leben grundlegend unterscheidet und ganz besonders ein autistisches von einem nichtautistischen Leben. Menschen sollten aufhören, ihre eigenen Vorstellungen von einem glücklichen und gelungenen Leben auf andere zu projizieren.

Natürlich ist es sinnvoll, einen autistischen Menschen zu fördern und ihn bei seiner Entwicklung und beim Lernen zu begleiten. Doch jemanden zu fördern heißt nicht, ihn zu einer willenlosen, angepassten und funktionierenden Marionette der Gesellschaft zu machen. Das bedeutet, man sollte nicht versuchen, Fähigkeiten zwanghaft anzutrainieren oder gar mit schädlichen und von Autist*innen selbst stark kritisierten Methoden wie ABA (Applied Behaviour Analysis) o.ä. arbeiten, nur damit der Mensch lernt, den Erwartungen seines Umfeldes ,“normal“ zu funktionieren, zu entsprechen.

Stattdessen unterstütze ich stärken- und ressourcenorientierte Methoden, die darauf aus sind, den Menschen ernst zu nehmen, in seiner Art und in seinen Stärken und Schwächen, seine Stärken gemeinsam zu entdecken und auszubauen und Möglichkeiten zu finden, wie er mit schwierigen Situationen umgehen kann. Ich stelle mir das wie einen Fluss oder Bach vor. Baut man einen Damm, staut er sich und baut immer mehr Druck auf. Der Fluss muss einen unnatürlichen Weg fließen, kommt nicht wirklich vorwärts und bricht irgendwann mit zerstörerischer Kraft durch den Damm hindurch. Geht man mit dem Fluss und begleitet ihn, kann man nach einer Weile feststellen wie links und rechts alles aufblüht, wie wohl sich die Fische im Wasser fühlen und wie ruhig er wird.

Jeder Mensch hat Fähigkeiten, die Wertschätzung verdienen, auch wenn sie für den „Normalbürger“ auf den ersten Blick völlig sinnlos erscheinen. Alles hat seinen Grund und seine Daseinsberechtigung. Mit bestimmten Fähigkeiten, kann man gezielt nach Nischen suchen und muss nicht weiter zwanghaft daran arbeiten die Defizite zu verstecken, denn das geht auf Dauer nicht gut.

Man könnte mit mir tausendmal üben zu telefonieren, es würde nichts daran ändern, dass es für mich unnatürlich und anstrengend ist. Man könnte mich auch tausendmal mit Small Talk konfrontieren, ich würde es immer noch nicht auf natürliche Weise beherrschen, weil es nicht meine Muttersprache ist. Man könnte mich täglich durchgehend mit Menschen umgeben, aber es würde das Bedürfnis alleine sein zu wollen und Rückzug zu brauchen nur verstärken. Man könnte mir tausendmal sagen, ich solle aufhören mit dem Bein zu wippen, oder mit den Händen zu fuchteln, ich würde es trotzdem immer wieder machen, weil es so sein muss. Und man könnte mir tausendmal sagen, ich solle doch bitte in die Augen schauen, da es sonst unhöflich ist, ich würde es nicht tun, weil ich sonst nicht zuhören könnte. Was für mich natürlich ist, ist für andere unnatürlich und umgekehrt.

Oder wie Dr. Eckart von Hirschhausen so schön sagte: „Wenn du als Pinguin geboren wurdest, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir keine Giraffe.“

Was ich damit sagen will:
Ein Autist sollte als Autist akzeptiert und erzogen werden und nicht zu einem Menschen dressiert werden, der er nicht sein kann und nicht sein will. Im Allgemeinen gilt das für alle Menschen. Kinder zeigen nach langem Training vielleicht auf den ersten Blick das gewünschte Verhalten, aber in ihnen kämpft alles dagegen an, die stummen Schreie hört keiner, bis das Kind erwachsen wird und diese Anpassung an die Vorstellungen seines Umfeldes nicht mehr leisten kann, weil es nicht seiner Natur entspricht. Die Folge sind meist Depressionen, Ängste und Burnout in bereits jungen Jahren.

Dazu möchte ich kurz ein Zitat des holländischen Heilpädagogen Jos Meereboer anbringen, der meiner Meinung nach den Kern erfasst hat:

„Die allerwichtigste Therapie für einen Autisten ist, daß man akzeptiert, daß er Autist ist. Wenn man das nicht akzeptiert, fühlt er sich nicht aufgehoben, und dann bekommt er Angst. […] die Aufgabe eines Heilpädagogen ist es durchaus, heilpädagogische Fälle bei Kindern möglichst auf eine richtige Spur zu bringen. Das aber geht bei Autisten nicht. Man muß es mit ihnen zusammen machen. Man kann sie nicht einfach zu etwas zwingen. Es gibt verschiedene Therapien, […] aber man muß immer abspüren, ob der jeweilige Autist sich das gefallen läßt, ob ihm das nicht zuviel wird.“ (Nachzulesen in den Flensburger Heften, Ausgabe 112, Autisten Berichten, S. 20)

Wenn man ein autistisches Kind oder allgemein autistische Menschen begleiten möchte, sollte man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass unsere Arten zu kommunizieren, unsere Wahrnehmungen und unsere Vorstellungen von der Welt verschieden sind, dass Kinder auf verschiedene Arten lernen und sich unterschiedlich schnell entwickeln. Es sollte keine Schablone geben, wie ein Kind oder ein Mensch zu sein hat und was er können muss. Kein Lebensmodell ist falsch, aber es ist falsch, anderen das eigene aufzuzwingen und zu versuchen aus einem Pinguin eine Giraffe zu machen.