Literarischer Meltdown oder „Friss meine Gefühle!“

(Hinweis: Ich möchte im Voraus klarstellen, dass ich mit dieser ungefilterten, verbalen Explosion, NICHT die Menschen anspreche, die mir besonders in den letzten Monaten mit aller Kraft geholfen haben und auch sonst immer für mich da sind, ihr wisst wen ich meine, und diejenigen, die den selben Scheiß durchmachen.)

 

Wut und Hass. Ich spüre wieder etwas, aber es ist nicht das was ich erwartet hatte. Jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Aber es wundert mich auch nicht. Die innerlich und äußerlich vernichtende Reaktion auf ein Stillstehen in einer giftig-ekligen Welt, bedroht von allen Seiten. Und der Hass auf fast alles und jeden hat mich wieder. Dabei hatte ich mich so bemüht.

An der Haltestelle erinnere ich mich. Ganz in schwarz. Die Seele, die Kleidung, die Musik. Das kenne ich. Es ist das einzige was ich gerade noch fühlen kann und mein Bedürfnis zu schreien und jedem, der mir auch nur ein bisschen zu nahe kommt ins Gesicht zu schlagen ist groß. Menschen erwarten von mir, dass ich meine Emotionen ausdrücke. Aber wenn ich das auf meine Weise tue, werden sie entweder übersehen oder sie sind gesellschaftlich nicht akzeptiert.

Was machen? Ich betrinke mich. Ich versuche den Schmerz zu ersticken. Aber ich weiß, dass er wieder kommt, vielleicht noch heftiger, doch dann habe ich wenigstens für einen Moment Ruhe. Schlafen wäre mal schön, aber das kann ich seit Jahren nicht mehr richtig.

Und nun warte ich und warte und…. worauf eigentlich? Auf die lang ersehnte Hilfe, die alles besser machen soll und nicht kommt? Auf den Klinikaufenthalt, der sich nun seit Monaten verzögert? Oder doch auf die Dunkelheit und den Tod, die mich immer wieder auffangen, wenn ich einsam bin?

Anscheinend bin ich kein Akutfall. Vielleicht muss ich zu einem werden. Aber wenn ich mich umbringe, dann richtig und kein Versuch, denn da sind die Aussichten auf ein NOCH beschisseneres Leben sehr gut. Es ist aussichtslos. Und doch mache ich nichts und warte weiter.

Ich überlege wieder. Seil kaufen? Weiterkämpfen? Seil kaufen? Weiterkämpfen? Ich habe es lieben Menschen versprochen. Ich habe Absprachen getroffen unter der Bedingung, dass ich bald Hilfe bekomme. Aber was passiert? Nichts. Also muss ich was tun. Es ist verzwickt. Denn so oder so. Immer wird es irgendwem nicht passen und schlecht gehen. Ich bin es nur Leid, dass ich für andere selbst weiter leiden muss.

Und wer nun denkt „Halte durch, es wird schon wieder, kopf hoch!“ oder „Selbstmord ist feige!“, dem möchte ich sagen. Laufe einen Tag in meinen Schuhen. Versuche nur einen verdammten Tag mein Leben zu leben, das zu sehen und zu denken, was ich täglich denke, dann könne wir weiter reden.
Nein die meisten verstehen es einfach nicht. Sie verstehen nicht, dass kleine Anforderungen, Veränderungen, scheinbar alltägliche Ereignisse bei mir einen Kurzschluss auslösen können und mir so viel Energie rauben. Sie schlendern durchs Leben, laufen auf Luft, können genießen, sind frei und realisieren diesen Kampf ihrer Mitmenschen nicht.

Aufstehen? – keine Energie und Schmerzen

Duschen? – zu viele kleine Schritte, dabei liebe ich es so sehr

Essen? – zu aufwendig und es ist sowieso nichts da

Einkaufen? – haha, witzig (nicht)… totale Reizüberflutung

Das Haus verlassen? – Jetzt geht’s aber los

Small Talk? – Ich strenge mich nun nicht mehr an

Entspannen? – Wie, wenn nichts mehr Spaß macht und alles stresst?

Sprechen? – Sehr sehr anstrengend, ich denke ich reduziere es auf ein Minimum

Leben? – Da gibt es nur eine Alternative und die gefällt meinen Mitmenschen leider nicht

Ich bemühe mich diesen täglichen, oder treffender, diesen sekündlichen Kampf bei anderen zu sehen und sie zu verstehen. Aber nur wenige versuchen mich zu verstehen und diesen Kampf zu erkennen und darauf zu achten. Ist diese Empathielosigkeit nicht auch schon ein pathologisches Symptom unserer Gesellschaft?

Ja jeder hat Probleme, danke das weiß ich. Ja, ich weiß auch, dass Probleme subjektiv empfunden werden und sie nicht vergleichbar sind. Ja, ich weiß das alles und habe es tausendmal gehört. Und ich will die Probleme anderer auch nicht herunterspielen. Aber ich muss mich schon bemühen mein Lachen zu unterdrücken, wenn mir jemand von Banalitäten erzählt und denke mir „Wenn du erlebt hättest, was ich erlebt habe, würdest du genauso darüber lachen.“

Ich denke sogar, dass die meisten sich direkt einen Kopfschuss wünschen würden, wenn sie in meinen Kopf schauen könnten. Aber das wäre ja in gewisser Weise gut, dann würden sie genau das empfinden, was ich empfinde und endlich verstehen. Und ich würde mich endlich verstanden fühlen.

Und dieses ständige „Das kenne ich auch“. „Bullshit kennst du das!“, denke ich mir. Vielleicht kennst du es, dass du an manchen Tagen mal keinen Bock auf Menschen hast, Glückwunsch. Vielleicht kennst du zwischenmenschliche Missverständnisse. Vielleicht kennst du schlechte Tage, die ja „jeder mal hat“. Vielleicht kennst du… Ja sie kennen es ja alle. Aber wieso verstehen sie es nicht? Sie kennen es eben doch nicht. Sie tun so, weil das eine sozial angemessene Form ist, sein Mitgefühl auszudrücken. Aber sie wissen eben doch nichts.

Ich bin es Leid den Erwartungen zu entsprechen. Ich bin es Leid ständig in jeder Sekunde kompensieren zu müssen und so zu tun als würde ich ja doch noch irgendwie weiterkommen. Wieder BULLSHIT!

Was soll ich tun? Erstmal nichts. Auch wenn ich mir so sehr wünsche, nicht mehr hier zu sein. Ich werde nichts mehr tun. Ich werde hier sitzen und meinen Wein trinken und hoffen, dass ich das alles für ein paar Stunden vergessen kann. Und ich werde nicht über die Konsequenzen nachdenken, denn auch dafür fehlt mir die Kraft und die Fähigkeit.

Kennst du auch? Bullshit.

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Am Abgrund

Ich lebe noch und das habe ich vor allem einigen ganz tollen Menschen zu verdanken. Seit Anfang Mai wohne ich vorübergehend bei einer Freundin. Bei meiner besten Freundin und anderen ganz wunderbaren Lieblingsmenschen in der WG. Dieses Umfeld tut mir unglaublich gut und ich bin unendlich dankbar, dass ich dort sein darf, dass sie mich in der schwierigsten Zeit auffangen und unterstützen.

Ganz plötzlich lag ich in meinem Zimmer auf dem Boden, meine Beine waren kraftlos und sackten unter mir ein. Ich konnte mich nicht bewegen, fühlte einen riesigen Abgrund in mir aufgehen und wollte eigentlich nur sterben. Einen konkreten Auslöser gab es nicht, aber wie sich herausstellte, liegt es wohl an meiner Überforderung. An der chronischen Überlastung, die ein Leben als funktionierendes, angepasstes Maskenwesen mit sich bringt. Die Jahre der Kompensation haben zugeschlagen  und mich wieder an den Abgrund gedrängt. Ich wusste, dass ich jetzt trotz des großen Wunsches, mich von der Welt zu trennen, nicht alleine sein sollte.

Das geht nun schon über einen Monat so. Ich habe immer wieder Zusammenbrüche, Overloads und Panikattacken, ziehe mich mal gewollt und mal ungewollt zurück und kämpfe mich mit aller Mühe durch den Alltag. Ich fühle alles und gleichzeitig nichts und schließe bei Gefahr alle Emotionen, zu einem Gefühlsklotz gebündelt aus, weil ich sie nicht sortieren kann. Dann ist mir alles egal und kommt mir unglaublich sinnlos vor. Und wenn ich dann mal weiß, was ich fühle, kann ich es nicht zeigen. Es ist doch einfach nur frustrierend.

Fast jeden Tag habe ich Suizidgedanken, denke daran wie es wäre nicht mehr hier zu sein, diese ganze Anstrengung nicht mehr ertragen zu müssen. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ehrlich gesagt finde ich den Gedanken beruhigend und belebend, immer diesen einen Notfallplan zu haben. Und ich weiß ja, dass es nie aufhört, dass es immer anstrengend bleiben wird. Es bleibt ein ständiger Kampf gegen die emotionale Überlastung, die Anstrengung und die unerträgliche Angst in beinahe jeder Situation. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, mich jemals irgendwie an diese Dauerbelastung gewöhnen zu können oder sie loszuwerden. Ich denke immer, niemand sieht, wie sehr mich die einfachsten Situationen anstrengen, wie ich jede Minute kämpfen und sortieren muss und wie groß meine Angst ist, die ich nicht richtig ausdrücken kann. Angst, die mich oft komplett erstarren lässt, meinen Körper, meine Sprache und meine Gedanken einfriert. Und ich weiß, dass es nur wenige Menschen gibt, die das sehen und nachvollziehen können, die sich die Mühe machen und auf andere Kommunikationsarten einlassen. Ich kenne kaum Situationen, in denen ich keine Angst spüre und befinde mich seit Wochen an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr aushalte und aushalten möchte.

Die Gedanken an Selbstmord sind an manchen Tagen sehr konkret. Ich hatte begonnen zu recherchieren und zu planen und weiß, dass das eigentlich der Zeitpunkt ist, an dem ich in eine Klinik sollte, doch ich weiß auch, wie es dort läuft. Ich habe Familienmitglieder, die viel Zeit in Psychiatrien verbracht haben und ich war selbst schon viel zu oft dort, wenn auch nur als Besucher. Ich weiß, dass ich dort nicht gesund werden würde, dass man auf meine Bedürfnisse keine Rücksicht nimmt, mich mit Medikamenten ruhig stellt und in Therapiegruppen zur Beschäftigung absetzt. Das hatte mir auch die unfreundliche und inkompetente Psychiaterin vorgeschlagen, die ich in völliger Verzweiflung und nach langem Von-Termin-zu-Termin-Rennen um Hilfe bat. Ich brach schließlich in ihrem Treppenhaus zusammen.

Jetzt befinde ich mich am Ende meiner Kräfte, aber auch am Ende meines Studiums und in der größten Schreibblockade meines bisherigen Lebens. Das Thema Bachelorarbeit triggert mich, ich schaffe es nicht weiter zu schreiben und selbst beim Gedanken an die bevorstehenden Prüfungen, fahren meine Mauern schon wieder hoch. Es ist nicht der Inhalt, der mir Probleme bereitet, es ist die Schwierigkeit, mehrere Dinge parallel laufen zu haben und beachten zu müssen. In Fachkreisen würde man sagen, ich habe ein Problem mit den Exekutivfunktionen. Wenn die Umgebung stimmt und ich mich um nichts anderes kümmern müsste, als um die Bachelorarbeit, würde es sehr wahrscheinlich funktionieren. Jedenfalls sobald ich aus dem Depressionsloch raus bin. Aber so erscheint mir alles wie ein unüberschaubarer Haufen von Aufgaben und Handlungen, die keinen Anfang und kein Ende haben. Ohne Wegweiser und Anleitung bin ich aufgeschmissen.

Lange Zeit habe ich kompensiert und funktioniert. Das kostete mich viel Kraft. Kraft die ich gerade nicht habe. Ich lebe im Energiesparmodus und kann keine Erwartungen mehr erfüllen. Auch nicht meine eigenen. Gedanken sind erschöpfend, aber der Grübelstrudel lässt mir keine Ruhe. Ich muss trotzdem durch den Alltag kommen und so verbrauche ich täglich Reserveenergie, die ich eigentlich nicht habe, um aufzustehen, zu essen, zu kommunizieren und einfach wach und anwesend zu sein. Ich bin in meinen basalen Funktionen dermaßen eingeschränkt, dass ich ohne die Hilfe meines Umfeldes nicht klar käme. Würde ich auf mein natürliches Verhalten hören, würde ich mich komplett einigeln und den ganzen Tag verschlafen. Dass das zu nichts führt weiß ich, aber ich kann einfach nicht mehr.

Ich habe das Gefühl, jemanden zu brauchen, der mir sagt, was ich tun muss. Eine Person, die mir Impulse gibt und vorübergehend die Führung übernimmt, die um meine Besonderheiten weiß und mir hilft, Struktur und Ansätze zu finden. Jemanden, der mich „an der Hand nimmt“ und Schritt für Schritt weiterführt. Das klingt im ersten Moment wahrscheinlich sehr befremdlich, aber es würde mir zurzeit wirklich helfen. Für mich ist es sehr frustrierend, solche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen und einfache Alltagshandlungen nicht ohne weiteres geregelt zu bekommen. Meine Handlungsplanung kann ich sprichwörtlich „in die Tonne treten“. Ich sehe beispielsweise den vollen Müll, die Säcke und das überquellende Altpapier. Ich weiß, dass das Zeug raus muss. Aber ich brauche jemanden, der mir genau zeigt wohin, wie die Tonnen aufgehen (die sind in der WG anders als bei mir zu Hause) und das in kleinen Einzelschritten. Ja ich könnte es theoretisch auch selbst herausfinden. Wenn ich wie sonst funktionieren würde, könnte ich herunterlaufen und nachschauen. Es hört sich absurd an und ich weiß nicht warum es nicht geht, aber es geht nicht.
Ich bin froh, dass immerhin die routinierten Abläufe noch einigermaßen funktionieren. Doch für alles andere brauche ich Unmengen an Energie, die ich gerade kaum noch aufbringen kann.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, in der mir meine Mutter noch alles ganz genau und praktisch erklären musste. Wie ein Kleinkind, das an die Hand genommen werden muss, weil es alleine sehr wahrscheinlich vor ein Auto rennen würde.

Es ist für mein Umfeld sicherlich nicht einfach und nicht so leicht nachvollziehbar. Für mich ist es der größte Schritt, zu akzeptieren, dass ich diese Hilfe brauche, um hoffentlich bald wieder in meinem Maße funktionieren zu können. Diese Hilfe zu bekommen ist jedoch nicht so einfach. Lösungen bleiben Theorie und man erwartet, dass ich die Initiative ergreife und möglichst bald wieder „normal“ funktioniere. Dass das eine der größten Hürden momentan ist, wird nicht verstanden. Immer wieder heißt es „rufen Sie dort an“, „lassen Sie sich dort beraten“, „gehen Sie“, „machen Sie“. Anstatt aktiv zu helfen, werden mir weitere Berge in den Weg geschoben.

Zu dem ganzen Chaos kommt noch meine ständige Sorge hinzu, für mein Umfeld eine Belastung zu sein. Ich weiß, dass ich anstrengend sein kann und andere auch ihre Sorgen und Nöte haben. Ich würde mich am liebsten jeden Tag versichern, dass es okay ist, wenn ich dort bin und würde vermutlich jeden Tag die gleiche Frage stellen. Mir wurde versichert, dass man es mir auf jeden Fall sagt, wenn ich störe und das glaube ich auch, aber ich habe immer wieder diese Schuldgefühle, alle zu nerven, etwas falsch zu machen oder gemacht zu haben oder die falschen Worte gewählt zu haben. Es ist nicht einfach diese Gefühle und Gedanken abzulegen, wenn man die meiste Zeit seines Lebens vermittelt bekam, nicht richtig zu sein. Hinzu kommt, dass ich Mimiken oft nicht richtig deute und bei der kleinsten Anspannung denke, mein Gegenüber ist wütend. Dass ich daran in den meisten Fällen nicht schuld bin und es oft nicht mal Wut ist, weiß ich inzwischen, aber die Information kommt bei mir anders an.

Dieses Gefühl, nicht richtig zu sein, vermitteln mir momentan mein Vater und mein Bruder, für die es so etwas wie Depressionen, Autismus oder andere seelische Behinderungen nicht gibt. Oder sie wollen sich nicht damit beschäftigen. Für sie zählt Arbeit und das Funktionieren in einer Leistungsgesellschaft. Wer nicht arbeitet und sich von Therapeuten helfen lässt, ist nach ihrer Ansicht nach faul, gegen die Gesellschaft und benutzt psychische Krankheiten nur als Ausrede. Ich denke eher, die Auseinandersetzung mit diesem Thema übersteigt ihre intellektuellen Fähigkeiten. Vielleicht ist es auch Selbstschutz. Aber das ist ein anderes Thema. Man darf ja Meinungen haben.

Ich habe großes Glück in dieser WG sein zu dürfen und diese eine beste Freundin zu haben, die meine Schwierigkeiten sieht, die mich sieht und versteht, die auch in den schwierigsten Zeiten zu mir hält, die mein Verhalten oft richtig interpretieren, ertragen und sogar wertschätzen kann, die für mich herum telefoniert, mich in meinen verletzlichsten Momenten schützt und einen Teil der Last trägt. Ohne sie würde ich das alles vermutlich nicht schaffen.

Danke, dass Du das alles für mich tust, dass Du dir die Mühe machst und für mich stark bist, wenn ich es nicht kann, dass Du mit mir versuchst Wege zu finden und zu gehen. Menschen wie Du sind das beste Geschenk, das einem das Leben machen kann.